Wir befinden uns im Jahr des Rothirschs. Nein, hier ist nicht etwa die Rede von chinesischen Tierkreiszeichen, sondern vom Pro-Natura-Tier des Jahres 2017.

In Rottenschwil hat Pro Natura Aargau am Samstag gemeinsam mit der kantonalen Sektion Jagd und Fischerei eine Exkursion organisiert auf den Spuren des ehemals weitverbreiteten heimischen Wildtiers.

Noch vor 150 Jahren galt der Rothirsch – der grösste Pflanzenfresser der Schweiz – als ausgerottet. Er wurde intensiv bejagt, zurzeit der Schlacht am Morgarten sogar noch mittels Armbrust, später dann mit Feuerwaffen. 1981, also vor 36 Jahren, wurde dann wieder ein erstes, allerdings totes, Exemplar gefunden. Seither erobert sich dieser imposante Geweihträger seinen Lebensraum sukzessive zurück.

Hirschbestand nimmt zu

«Die Ausbreitung findet Richtung Norden statt, von mehreren Nachbarkantonen drücken die Rothirsche in unser Gebiet ein», erklärt Hans Döbeli von der Jagdverwaltung des Kantons Aargau. «Es ist wirklich wichtig, so schnell wie möglich an verschiedenen neuralgischen Punkten im Kanton geeignete Wildtierkorridore einzurichten, um das Rotwild nicht zum Stillstand zu zwingen», führt der Exkursionsleiter weiter aus. Mit diesen Massnahmen könne man zudem Waldschäden verhindern oder zumindest vermindern und die Tiere davor bewahren, Opfer des Strassen- und Schienenverkehrs zu werden.

Die zehn Exkursionsteilnehmer und Exkursionsteilnehmerinnen lernen während der rund zweieinhalb Stunden dauernden naturkundlichen Begehung erstaunliches: mutiert doch der Rothirsch einmal pro Jahr vom Vegetarier zum Fleischfresser. Während der Wachstumsphase des Geweihs wird dieses von einer samtig weichen, pelzigen, gut durchbluteten Basthaut überzogen, welche der Hirsch dann im Sommer – wenn das Werk vollbracht ist – an Sträuchern oder Zweigen abschabt und letztlich sogar frisst.

Der Rothirsch sei überhaupt ein hochintelligentes und lernfähiges Tier. Die Wildtiere hätten in nur sieben bis acht Jahren gelernt, sich vor den ebenfalls in die Schweiz zurückgekehrten Raubtieren, wie beispielsweise den Wölfen, zu schützen. Sie würden dann, ist zu erfahren, in Grossrudeln von 30 bis 100 Tieren auf einer offenen Fläche zusammenstehen und seien so weniger angreifbar als zum Beispiel in einem weitverzweigten Waldgebiet.

Nur halbjährig korrekt

Die würdevollen Tiere werden nur im Sommer ihrem deutschen Artennamen gerecht. Dann ist ihr Fell rotbraun. Im Herbst sind sie grau bis graubraun gefärbt. Auch die weitverbreitete Irrmeinung, man könne anhand der Grösse und der Enden eines Hirschgeweihs das Alter bestimmen, muss korrigiert werden, wird den Exkursionsteilnehmern erklärt. Was ein Hirsch auf dem Kopf trägt, ist genetisch bedingt. Ein grosses und kräftiges Geweih zeigt aber schon, dass ein Tier bei guter Gesundheit ist.

«Einen röhrenden Hirsch werden wir im Aargau allerdings kaum antreffen, dafür haben die Stiere zu wenig Druck von Nebenbuhlern, sogenannten Beihirschen», erläutert Hans Döbeli. Hier im Aargau würde eine leise Brunft stattfinden. Dank einer Filmaufnahme, die Ursina El Sammra von Pro Natura Aargau und Mitorganisatorin dieses Anlasses abspielt, kommen die Beteiligten dann doch in den Genuss dieses eindringlichen Brunftlautes.

Das Glück, einen Rothirsch in Lebensgrösse zu sehen, war den Teilnehmern an diesem goldenen Herbsttag verwehrt, allerdings wurde der Vortrag kurzfristig durch ein vorbeiflüchtendes Reh unterbrochen.

Als Fazit kann festgehalten werden, dass Jäger, Waldbesitzer und Naturschützer Zeit brauchen, sich an die neue Situation mit dem Rückkehrer zu gewöhnen und in gegenseitigem Respekt und Verständnis zusammenarbeiten sollten.