Gerade in einem Sommer wie diesem kommt es nie zur Ruhe, das Karussell auf dem Horben. Es wirkt wie ein grosser Magnet auf die Kleinen. Wenn die Eltern ihren Platz in der Alpwirtschaft gefunden haben, rennen die Kinder los und besetzen eines der vier Sesselchen. Und die Grossen wissen, was jetzt zu tun ist: aufstehen, hingehen und ein Füfzgi in den Automaten werfen. Dann beginnt es, sich zu drehen. Erst langsam und dann immer schneller. Die Sessel schrauben sich in jeder Runde etwas höher in die Luft. Kinderaugen strahlen, Kindermünder lachen und Kinderarme breiten sich weit aus, denn das sind jetzt keine Arme mehr, das sind jetzt Flügel.

Ausgerechnet an dem Tag, an dem die lange Hitzeperiode dieses Sommers ein abruptes Ende findet, trifft sich die AZ zum Gespräch mit den «Vätern» des Kinderkarussells. Walter Villiger war während 41 Jahren Pächter und Wirt auf dem Horben. Er hatte schon lange den Wunsch, auch seinen jüngsten Gästen etwas anbieten zu können, als der damalige Präsident der Alpgenossenschaft mit der Idee zu ihm kam, ein Karussell in den Garten zu stellen. «Das war mein Vater», erzählt der heutige Genossenschaftspräsident, Willi Köpfli. «Es war einer zu ihm gekommen und hatte ihm gesagt, er könnte uns ein Kinderkarussell vermieten für 300 Franken im Jahr.

Walter Villiger und Willi Köpfli haben mit dem Kinderkarussell etwas für die kleinen Gäste geschaffen, das diesen bis heute Spass macht. Christian Breitschmid

Walter Villiger und Willi Köpfli haben mit dem Kinderkarussell etwas für die kleinen Gäste geschaffen, das diesen bis heute Spass macht. Christian Breitschmid

Da hat sich mein Vater erkundigt und gemerkt, dass man sich für die Miete so ein Karussell auch gleich selber anschaffen kann.» Fündig wurden die Genossenschafter im thurgauischen Märstetten, wo der Apparatebauer Paul Geiger in seiner kleinen Werkstatt genau solche Kinderträume konstruierte. «Im April 1983 haben wir das Karussell bestellt und Mitte August nahmen wir es in Betrieb», erinnert sich Köpfli.

Schon die Kinder der Kinder

Seither dreht und dreht sich das massive Metallkonstrukt, und die Kinder der ersten Runden kommen heute mit ihren eigenen Kindern, um ihnen beim Fliegen zuzusehen. «Für unsere Kinder war es immer das grösste, wenn mein Vater mit ihnen hier hochkam», erzählt Köpfli. «Dann kriegte jedes ein Säckli Pommes Chips und mein Vater hatte eine Hampfle Füfzgi im Sack, damit sie ein paar Runden auf dem Karussell drehen konnten.» Walter Villiger schmunzelt. Der 89-Jährige erinnert sich noch gut an diese Zeit: «Als das Karussell da war, kamen viel mehr Familien mit Kindern zu uns. Es war dann sehr wichtig, dass wir immer genug Füfzgi zum Wechseln bei uns hatten.»

Obwohl sich in der Zwischenzeit das Spielangebot für die Kinder auf dem Horben noch vergrössert hat, ist es neben dem grossen Trampolin immer noch das alte Karussell, das sie magisch anzieht. Der Preis für eine Runde zu viert kostet immer noch 50 Rappen, daran haben die Genossenschafter nichts geändert. «Damit verdienen wir zwischen 1500 und 1600 Franken im Jahr», sagt Köpfli. «Das reicht, um allfällige Reparaturen zu bezahlen, und der Rest kommt in die Genossenschaftskasse.» Wobei zu erwähnen ist, dass der gutmütige Apparat noch kaum Reparaturen benötigt hat.

Reparatur mit dem Sackmesser

«Ja», bestätigt der Genossenschaftspräsident, «das waren höchstens mal ein Keilriemen oder ein Ketteli, die wir ersetzen mussten.» Vor kurzem häuften sich die Klagen der Karussellbenutzer, dass sie ein Füfzgi in den Automaten geworfen hätten, das Karussell aber keinen Wank getan hätte. «Da haben wir mal mit dem Sackmesser einen ganzen Nachmittag an dem Federchen beim Münzeinwurf herumgedoktert, bis es wieder bei jedem Füfzgi geklappt hat», trumpft Köpfli auf. «Dem Vater, der mich auf den Defekt aufmerksam gemacht hat, habe ich einen Fünfliber in die Hand gedrückt. Er wird es sicher nicht mehr als zehnmal versucht haben.»

Das Karussell mag schon etwas in die Jahre gekommen sein, aber die Genossenschafter sind auf dem Stand der Zeit. Der Strom, der den Motor antreibt, wird seit diesem Frühling aus Sonnenenergie gewonnen. «45 Kilowatt liefert unsere Solaranlage», betont Köpfli stolz. Ja, auf dem Horben leben sie nicht hinter dem Mond, auch wenn man da oben den Sternen schon um einiges näher ist als unten im Tal. Erst recht, wenn man auf einem der Karussellsessel abhebt.

Während des ganzen Gesprächs mit den Genossenschaftern läuft im Hintergrund das Karussell und das Lachen und Singen der Kinder hallt über die ganze Gartenwirtschaft. Erst als der Himmel sich verdunkelt und ein mächtiger Donner rollt, wird es leise. Kurz darauf geht ein sintflutartiger Regen über dem Lindenberg nieder. «Endlich!», rufen die Landwirte, greifen sich ihr Glas und suchen einen Platz am Schärmen.

Dem Karussell kann kein Sommergewitter etwas anhaben. Sein Kupferdach und das Metallgerüst haben schon ganz andere Stürme überlebt, hier auf 818 Metern über Meer. Sein Erbauer, Paul Geiger, ist zwar schon seit vier Jahren pensioniert. Aber wenn es einem seiner 200 Karussells, die er in den vergangenen 40 Jahren in Einzelarbeit gebaut hat, schlecht geht, dann kann man ihn auch heute noch für Servicearbeiten aufbieten. Er könne sich noch erinnern, wie er das Karussell auf den Horben gebracht habe, erzählt Geiger. «Seither war ich nie mehr da oben. Aber ich glaube gern, dass es immer noch läuft. Das ist Handarbeit.» Handarbeit, die auch dem heutigen Wirt, Stefan Villiger, dem Neffen von Walter Villiger, glückliche Kinder ins Haus bringt und dadurch glückliche Eltern, die sich in Ruhe den Genüssen aus der Küche widmen können.