Nachdem Dr. med. Roli Schumacher die Situation der Hausärzte im Freiamt erläuterte, beleuchtete Marco Beng, CEO des Kreisspitals Muri, die Herausforderungen für die Spitäler in der Schweiz. Dies geschah im Rahmen der Vortragsreihe Info 60+ zum Hausarztmangel und zur regionalen Notfallversorgung. 

Bedarf und Angebot gestiegen

Bedarf und Angebot im Gesundheitswesen sind in den letzten zwanzig bis dreissig Jahren deutlich gestiegen – das zeigen die Zahlen zur Ärztedichte im Freiamt genauso wie die Patientenzahlen des Kreisspitals Muri. Roli Schumacher zeigte auf, dass sich seit 1988 die Zahl der Spezialisten und jene der Spitalärzte vervielfacht hat.

Marco Beng führte aus, dass das Spital je nach Bereich ein jährliches Wachstum von 2 bis 20 % aufweist. Aber nicht nur das höhere Durchschnittsalter der Bevölkerung ist Grund für den grösseren Bedarf: «Die Ansprüche der Patienten sind gestiegen. Heute werden ein komfortables Ein- oder Zweibettzimmer, kurze Wartezeiten und modernste Medizin erwartet. Dieser Trend wird sich fortsetzen.»

Bemühungen zur Verhinderung eines finanziellen Kollapses sind ebenfalls schon länger im Gange: Schumacher wie Beng betonten diesbezüglich vor allem zwei Entwicklungen. Zum einen sei auf verschiedensten Ebenen engere Zusammenarbeit in Form von Partnerschaften zwischen Spital, Pflegeheim, Arzt und Spitex sowie Kooperation zwischen Spitälern zu verzeichnen. Als Beispiel einer gelungenen Kooperation führte Schumacher die Notfallversorgung an: Musste früher ein Hausarzt Tag und Nacht für seine Patienten erreichbar sein, so ist seit gut zwei Jahren am Abend und am Wochenende die hausärztliche Notfallpraxis im Spital zuständig. Damit werden nicht nur die Hausärzte, sondern auch der eigentliche Spitalnotfalldienst entlastet.

Zweitens geht der Trend in Richtung Zentralisierung: Einzelpraxen weichen noch stärker als bisher Gemeinschaftspraxen. «Einzelpraxen werden die Ausnahme sein, und kleine Dörfer werden gar keine Praxis mehr haben.», erklärte Schumacher. Und die Zahl der Spitäler in der Schweiz dürfte laut Beng von heute 250 auf 100–150 im Jahr 2035 sinken. Dies habe auch mit damit zu tun, dass mehr und mehr ambulant behandelt werde.

Hausärzte fördern Nachwuchs

Auf die Missstände im Hausarztwesen ging Schumacher detailliert ein. Die Dichte der Hausärzte habe sich von einem Hausarzt auf 2200 Einwohner 1988 zu einem auf 2300 Einwohner im Jahr 2014 vermindert. Mit einer griffigen und innovativen Nachwuchsförderung versuche man im Freiamt, den Studierenden die Tätigkeit des Hausarztes näher zu bringen. Zum Beispiel in Form eines Medizinstudierenden-Treffens oder durch ein Hausarzt-Curriculum: «In dem Curriculum können Studierende einen Arbeitstag pro Woche einen Hausarzt begleiten und ihm über die Schulter schauen. So erfahren die Studierenden ganz konkret, was ein Hausarzt alles macht – und wie spannend das ist.» Momentan sind im Freiamt elf solcher Curricula am Laufen.

Schumacher plädierte für die bewährte und beliebte Langzeitbetreuung durch ein und denselben Hausarzt. Koordination und Kooperation eines Kreises von Spezialisten und Case Managern um einen Patienten, wie man sie heute habe, sei komplizierter, teurer – und vor allem anonymer.