Ein Leopard ist ein ungewöhnliches Haustier. Und wenn die Wildkatze an einer dünnen Leine durch ein ruhiges Wohnquartier und über einen Kinderspielplatz Gassi geführt wird, dann sorgt das für Besorgnis bei den Anwohnern. So erst vor wenigen Tagen geschehen in der fünftgrössten russischen Stadt Nischni Nowgorod.

Ein Russe geht mit seinem Leoparden spazieren.

Ein Russe geht mit seinem Leoparden spazieren.

Wer nun denkt, dass es so etwas nur im fernen Russland geben kann, der hat gefehlt. Auch die Schweiz hatte nämlich seinen Leoparden-Fall. Ein Rückblick auf eine spezielle Geschichte aus dem Aargau – mit traurigem Ende.

Leoparden-Spaziergänge in Aargauer Wäldern

Der Schauplatz ist Besenbüren, ein 600-Einwohner-Dorf im Freiamt. Hier lebt der pensionierte Elektromonteur und Baugeschäftsinhaber Otto Russi. Aber nicht alleine: Seit 1978 schaffte er sich insgesamt drei Leoparden an. Die dritte Wildkatze namens «Ravi» ist der tragische Protagonist unserer Geschichte.

Gewöhnlich streifte Leopard «Ravi» in seinem 70 Quadratmeter grossen Gehege im Garten herum, das er friedfertig mit dem Schäferhund «Ferry» teilte. Aber Russi war mit Raubkatze und Hund auch regelmässig auf Spaziergängen in den Wäldern der Gegend anzutreffen.

Leopard Ravi lebte mit einem Schäferhund in einem 70 Quadratmeter grossen Gehege im Garten – bis im Oktober 2003.

     

Der Rentner band sich dabei ein drei Meter langes Seil, mit dem der Leopard gesichert war, um den Körper und befestigte es mit einem Karabinerhaken an seinem Gurt. Das war seit 1978 immer gut gegangen – bis zum 5. Dezember 1998. 

Bundesgericht bestätigt Spazier-Verbot mit Wildkatzen

Bei einem Waldspaziergang kommt es zum folgenschweren Zwischenfall. Hinter einer entgegenkommenden Reiterin springt plötzlich ein frei laufender Hund auf das ungewöhnliche Trio zu. Ravi packt den Hund und verbeisst sich in dessen Bauch.

Der Hund überlebte zwar. Aber das Veterinäramt des Kantons Aargau verhängte als Folge im Januar 1999 mit der erneuten Erteilung der alle zwei Jahre zu erneuernden Wildtierhaltebewilligung strenge Auflagen: Spaziergänge mit Leopard «Ravi» waren für Russi fortan verboten. Es war der Anfang eines fünf Jahre dauernden Rechtsstreits.

Otto Russi hatte kein Verständnis für den Entscheid: «Die Leute haben sich längst an den Leoparden gewöhnt.» Er war fest davon überzeugt, dass die Wildkatze keine Gefahr ist und ging daher weiter mit «Ravi» im Wald spazieren: «Ich habe ihn unter Kontrolle, es kann nichts passieren.» 

Otto Russi und sein Leopard Ravi im Jahr 2000. Bilder neu eingelesen anlässlich des vermutlichen Tods des Leoparden.

Otto Russi und sein Leopard Ravi im Jahr 2000. Bilder neu eingelesen anlässlich des vermutlichen Tods des Leoparden.

Gegen die Verfügung des Veterinäramtes reichte er Beschwerde ein und kämpfte sich bis vors Bundesgericht. Dieses kam aber ebenfalls zum Schluss, «dass die umstrittenen Spaziergänge mit einem nicht vertretbaren (Rest-)Risiko für die Bevölkerung und andere Tiere verbunden sind» und bestätigte im Juli 2003 endgültig das Verbot von Spaziergängen mit dem Leoparden.

Mysterium: Was ist mit «Ravi» passiert?

All das wollte Russi nicht wahrhaben: Er ging weiterhin mit «Ravi» in den Wald und wurde deswegen im Herbst 2003 beim Veterinäramt angezeigt. Noch während die Behörden den Vorwurf untersuchten, war der Leopard plötzlich verschwunden. Das Gehege in Otto Russis Garten war leer.

Was war passiert? Anfang Oktober soll der Leopard erneut einen Hund verletzt haben. Der Hundehalter reichte damals aber weder Anzeige ein, noch wollte er sich gegenüber der AZ zum Vorfall äussern. 

In der Region kursierten danach hartnäckig Gerüchte, dass die Raubkatze nach dem letzten Zwischenfall gar nicht mehr am Leben sei. Bis heute ist nicht klar, was aus dem Leoparden geworden ist. Die traurige Ironie für den illegalen Spaziergänger Russi: Sollte er seine Wildkatze selber getötet haben, so wäre dies völlig legal gewesen.