Bremgarten

Asylsuchender kann sich an nichts erinnern, wird aber trotzdem verurteilt

Buruk wohnte in der Asylunterkunft in Villmergen, als er während einem Streit seinen Gegner mit Steinen bewarf.

Buruk wohnte in der Asylunterkunft in Villmergen, als er während einem Streit seinen Gegner mit Steinen bewarf.

Der Äthiopier im Status N sagte vor dem Bezirksgericht Bremgarten aus, sich an seine Taten nicht erinnern zu können: Weder, dass er einen anderen Asylsuchenden mit Steinen bewarf, noch, dass er in der psychiatrischer Behandlung das Personal belästigte.

Wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen.

Der tiefere Sinn dieser Redensart wird sich Buruk (Name geändert) vielleicht bald erschliessen.

Wenn seine Behandlung in der psychiatrischen Klinik beginnt und ihm bewusst wird, wie schwierig es ist, als Asylsuchender im Status N eine bedingte Strafe von 45 Tagessätzen à zehn Franken und eine Busse von 300 Franken abzustottern.

Kommt erschwerend hinzu, dass über Buruk das Damoklesschwert der Ausreisepflicht hängt, weil das Staatssekretariat für Migration in Bern das Asylgesuch des Äthiopiers abgelehnt hat.

Mit einem Steinwurf hat alles begonnen. Was genau der Auslöser war für den Streit zwischen Buruk und zwei weiteren Bewohnern der Asylunterkunft Villmergen, das konnte Gerichtspräsident Lukas Trost bei seiner Befragung im Bezirksgericht Bremgarten nicht aus dem Beschuldigten herauskriegen, denn dieser konnte sich an nichts mehr erinnern.

Zuerst Steine geworfen, dann Penis präsentiert

Dass Buruk einen Betonpflasterstein aufgehoben und seinem flüchtenden Kontrahenten hinterhergeworfen haben soll, wusste er nicht mehr. Genauso wenig, dass er einen weiteren Stein nach dem anderen Gegner geschleudert und diesen am Rücken getroffen hat.

«Ich weiss von nichts mehr. Ich war krank», übersetzte die Dolmetscherin die leise vorgebrachten Aussagen des diagnostiziert paranoid Schizophrenen.

Auch an seine exhibitionistischen Handlungen und die sexuelle Belästigung, die er während seines Aufenthalts in der psychiatrischen Klinik in Windisch begangen hat, wollte sich Buruk nicht mehr erinnern können.

Schon in seiner Heimat habe er Stimmen gehört, bestätigte der studierte Politologe aus Äthiopien auf Nachfrage des Gerichtspräsidenten, «aber den Verstand habe ich erst hier verloren.» In die Schweiz kam Buruk 2017 auf Einladung einer Genfer Organisation, bei der er eine Online-Weiterbildung machte. Da er sich in seinem Land politisch verfolgt sah, stellte er hier Antrag auf Asyl.

Bis zum Streit in der Villmerger Asylunterkunft war Buruk noch nicht mit dem Gesetz in Konflikt geraten, dafür aber schon mehrfach in Behandlung bei den Psychiatrischen Diensten Aargau (PDAG) wegen Vergiftungswahnideen und schwerer Schizophrenie.

Für Staatsanwältin Ilona Saputelli war das allerdings kein Grund, an seiner Schuldfähigkeit zu zweifeln. Vor allem das zweimalige, vorsätzliche Präsentieren seines Penis’ vor weiblichen Angestellten der Psychiatrischen Dienste und der Versuch, einer weiteren Mitarbeiterin den Pullover hochzuziehen, erkannte Saputelli als mindestens teilweise bewusste Tat.

Beschuldigter trägt Hälfte der Verfahrenskosten

Die drei Klägerinnen der PDAG unterstützten die Beurteilung der Schuldfähigkeit durch die Staatsanwältin: «Wie er sich verhalten hat, das hatte nichts mit seiner Krankheit zu tun», bestätigte eine von ihnen.

Buruks Verteidiger gab vor der Beratung der Richter zu bedenken, dass der Erinnerungsverlust seines Mandanten auch einer Verdrängung aus Scham entspringen könne. Eine Vorlage, die Gerichtspräsident Lukas Trost in seiner Urteilsverkündung gerne aufnahm: «Es ist richtig, dass Sie sich schämen, denn so behandelt man keine Menschen, die andere Menschen pflegen.»

Zugunsten einer medizinischen Behandlung sah das Gericht von einer Freiheitsstrafe ab. Dafür wurden die oben erwähnten bedingte Geldstrafe und Busse ausgesprochen. In Bezug auf die Vorfälle in der Asylunterkunft Villmergen erklärte das Gericht Buruk für unschuldig. An den Verfahrenskosten seines Falls muss er sich allerdings zur Hälfte beteiligen.

Autor

Christian Breitschmid

Meistgesehen

Artboard 1