«Mögen Sie noch ein bisschen, ja?» fragt Ibrahim Walizada und lächelt die Bewohnerin des Pflegezentrums Reusspark freundlich an. Die bewegungsunfähige, demenzkranke Frau schaut dem jungen Mann in die Augen und öffnet den Mund.

Walizada löffelt ihr noch etwas Joghurt ein, wartet, bis sie geschluckt hat, streicht ihr die Reste von der Unterlippe, bevor er den Löffel mit der nächsten Portion belädt. Im Rücken des 22-jährigen Afghanen sitzt ein Landsmann von ihm, Ramin Sarwari, der gerade damit beschäftigt ist, einer anderen Dame etwas zu trinken zu geben.

Walizada und Sarwari sind weder diplomierte Pflegefachpersonen, noch sind sie Fachpersonen Gesundheit mit Eidgenössischem Fähigkeitszeugnis. Sie sind beide Asylsuchende mit Ausweis N; das heisst, sie haben nur ein sogenanntes Anwesenheitsrecht in der Schweiz und stehen noch im Asylverfahren. Das kann dauern.

Ibrahim Walizada ist mit seiner Frau vor einem Jahr und elf Monaten in die Schweiz gekommen. In der Zwischenzeit haben sie einen Sohn bekommen und wohnen in einer Asylunterkunft in Wohlen. Ramin Sarwari ist schon seit zwei Jahren und zwei Monaten in der Schweiz und lebt mit seiner Frau und den drei Kindern in einer kleinen Wohnung, die ihnen die Gemeinde Künten zur Verfügung gestellt hat.

Immer mehr Pflegebedürftige

Das Schlimmste für viele Asylsuchende ist das untätige Warten bis zum Entscheid aus Bern. Dagegen wirkt das Portal Beschäftigung (siehe Text links), in welchem auch das Angebot des Reussparks zu finden ist.

«Die Zahl der schwer pflegebedürftigen Bewohner hat in den vergangenen Jahren stetig zugenommen», erzählt Reusspark- Direktor Thomas Peterhans. Diese Personen benötigten sehr viel Zeit beim Essen. Zeit, welche das Pflegepersonal schlicht nicht mehr aufbringen könne. «Deshalb habe ich mich an die damalige Regierungsrätin Susanne Hochuli gewandt mit der Frage, ob man nicht Asylsuchende einsetzen könnte, um den Bewohnern das Essen einzugeben.» Gesagt, getan.

Via Departementsvorsteherin gelangte der Auftrag zur Fachbereichsleiterin Integration, Susanne Breitschmid, welche zusammen mit Priska Scimonetti, der Leiterin Geriatrie im Reusspark, das Projekt «Essenseingabe» auf die Beine stellte.

Eine echte Win-win-Situation

Am 29. Mai konnte das Projekt mit 20 Asylsuchenden gestartet werden. Die Bilanz nach bald fünf Monaten ist durchweg positiv: «Alle strahlen schon bei der Begrüssung», berichtet Wohnbereichsleiterin Maya Brechbühl. «Es ist eine echte Win-win-Situation», sagt Thomas Peterhans.

Und Ibrahim Walizada erklärt in sehr gutem Deutsch, warum alle Beteiligten von diesem Projekt profitieren: «Mir gefällt diese Arbeit. Ich helfe gerne alten Menschen. Das habe ich daheim auch für meine Grossmutter gemacht. Hier kann ich mit vielen Leuten reden und so mein Deutsch verbessern.» Die Bewohner bekommen von ihren Essensbetreuern viel Aufmerksamkeit und Zeit geschenkt, morgens, mittags und abends während je zweier Stunden. «Wir haben klare Regeln», sagt Priska Scimonetti. «Alle Teilnehmer kommen zuerst zu einem Schnuppertag. Sie sind zu absoluter Pünktlichkeit verpflichtet, und kein Handy bei der Arbeit!»

Nur von drei Teilnehmern musste sich der Reusspark bisher trennen. Zwei sprachen zu wenig gut Deutsch und einer erwies sich für die Aufgabe als ungeeignet. Alle anderen haben die Chance gepackt, mit einer sinnvollen Beschäftigung ihrem Leben und dem von betagten Menschen Würde zu verleihen.