Das Museum Kloster Muri verwahrt aus vergangenen Zeiten einige wunderliche Relikte, die vom Kult und den Gebräuchen des ehemaligen Klosters zeugen. Zu den spektakulärsten Objekten der Sammlung gehören zwei sogenannte Armreliquiare, in denen körperliche Überreste der heiligen Theodor und Remigius kunstvoll verpackt sind.

Der silberne und teilvergoldete Arm des Heiligen Theodor wird von drei Engeln getragen und ist mit farbigen Edelsteinen und Glasplättchen besetzt. Zwei vergoldete Figurenreliefs auf dem ornamentierten Ärmel zeigen die Heiligen Martin und Benedikt. Die Finger der Hand am oberen Ende des Armes formieren sich zu einem Segensgestus, wie ihn auch der Priester, Abt, oder Bischof während der katholischen Messe vollzieht.

Datierung möglich

Das Theodor-Reliquiar kann exakt datiert werden. Durch ein Wappen lässt es sich als eine Stiftung Johann Jodok Singisens identifizieren, der von 1596–1644 Abt des Klosters Muri war. Konkret ist den Klosterakten zu entnehmen, dass das Reliquiar 1611 für 324 Gulden erworben wurde. Welchem Geldwert der Betrag heute entspricht, ist schwierig zu beurteilen. Zum Vergleich: ein wenige Jahrzehnte später erworbener Saphirring kostete 72 Gulden.

Beinahe identisch mit dem Theodor-Arm ist das Reliquiar des Heiligen Remigius, das 1644 angefertigt wurde. Die vergoldeten Figuren am Schaft zeigen die Heiligen Oswald und Johannes den Evangelisten. Für dieses Objekt ist der Kaufpreis nicht bekannt. Die Datierung des Remigius-Armes ist aber ebenfalls durch schriftliche Dokumente gesichert. Da das Reliquiar aber kein Wappen zeigt, gibt es keine Gewissheit darüber, ob es ebenfalls Jodok Singisen oder einem anderen Auftraggeber zu verdanken ist.

Materieller Luxus

In den politisch und wirtschaftlich einflussreichen Klöstern der Barockzeit, zu denen Muri zur Zeit Singisens zählte, war materieller Luxus keine Seltenheit. In erster Linie sind die beiden kostbaren Armreliquiare aber Objekte religiöser Verehrung, denn sie enthalten eine heilige Substanz, die den Himmel mit der Erde verbindet. Reliquien haben die Aufgabe, die segensbringende Kraft der Heiligen auf der Erde zu manifestieren, während sich die Heiligen im Himmel für die Belange ihrer Bittsteller einsetzen. In beiden Behältnissen wurden die körperlichen Überreste der Heiligen durch einen transparenten Stoff verhüllt, der mit Pailletten und Perlen besetzt ist. Im oberen Teil des Behältnisses befindet sich jeweils ein Knochen, der von einem Arm stammen könnte. Ein weiteres Päckchen, in dem nicht näher zu identifizierende Knochen zusammengeschnürt sind, wurde oberhalb des Sockels befestigt.

Alte Tradition

Die ältesten bekannten Arm-Reliquiare haben sich aus dem 11. Jahrhundert erhalten. Zunächst ging die Forschung davon aus, dass die äussere Form solcher Behältnisse durch deren Inhalt bestimmt war. In einem Armreliquiar wurden also Knochen vom Arm eines Heiligen erwartet. Da diese Reliquiare sichtbar Auskunft über ihren Inhalt geben, hat man sie als «sprechende Reliquiare» bezeichnet. Wie die Beispiele in Muri zeigen, können aber mehrere Knochen in einem Reliquiar geborgen sein. Oft finden sich neben Armknochen auch Fragmente von Schädeldecken, Fussknöcheln oder Fingernägeln, die dazu noch nicht einmal vom selben Heiligen stammen müssen. Um Verwechslungen zu vermeiden, wurde jedes Knochenfragment meist einzeln verpackt und durch einen Pergamentzettel, die sogenannte Authentik, mit dem Namen des entsprechenden Heiligen beschriftet.

In den meisten Fällen handelt es sich bei den sogenannten «sprechenden Reliquiaren» um Sammelbehältnisse. Diese Erkenntnis hat die neuere Forschung dazu bewogen, andere Erklärungen für die merkwürdige Arm-Form zu finden. Jüngere Thesen sprechen sich dafür aus, dass der Arm eine symbolische Bedeutung hat. Analog zum Segensgestus, den der Abt oder Bischof im Gottesdienst vollzieht, steht der vergoldete Arm stellvertretend für die vielen segnenden Arme der Heiligen, die durch ihre Reliquien präsent sind. Erhob der Abt zum Segen neben seiner Hand auch ein Armreliquiar, erhielt die klösterliche Versammlung also ebenso den Segen der himmlischen Heiligen.