Vor zwei Jahren verunglückte in einer Pneuhandelsfirma ein Arbeiter tödlich. Er fiel aus einer Höhe von knapp drei Metern von einem Podest und schlug mit dem Kopf auf dem Betonboden auf. Die Staatsanwaltschaft klagte die beiden Firmeninhaber wegen fahrlässiger Tötung und pflichtwidrigem Verhalten ein. Denn das Podest war nicht durch ein Geländer gesichert.
Inzwischen wurde das Versäumte nachgeholt und auf Anordnung der Behörden am Podest ein Geländer montiert sowie eine Leiter durch eine Treppe ersetzt.

Inhaber bestreiten Schuld

Das Bezirksgericht Bremgarten verurteilte den Bürochef zu einer bedingten Geldstrafe von 97 500 Franken und einer Busse von 9750 Franken. Der Werkstattchef wurde mit einer bedingten Geldstrafe von 150 000 Franken und einer Busse von 15 000 Franken bestraft.

Die Inhaber bedauerten den Vorfall. Daran litten sie noch heute, sagten sie vor Gericht. Ihnen sei danach die Lust am Arbeiten vergangen. Aber sie fühlten sich nicht schuldig am Tod des Arbeiters. Ihr Betrieb sei bezüglich Sicherheit «branchenüblich» eingerichtet gewesen.

Sie seien schon lange im Geschäft und hätten nie gefunden, dass die Betriebssicherheit Mängel mangelhaft sei. Das sah die Oberstaatsanwältin anders. Jeder vernünftige Mensch hätte sehen müssen, dass die Sicherheitsbestimmungen nicht eingehalten worden seien. Der Unfall hätte mit einem Geländer am Podest verhindert werden können. Offenbar hätten die Inhaber die einschlägigen Sicherheitsbestimmungen nicht gekannt oder dann nicht konsultiert. Beides verstehe sie nicht.

Die Verteidiger plädierten übereinstimmend für einen Freispruch. Die Inhaber hätten die Gefahren in ihrem Betrieb nicht erkannt. Heute wisse man mehr darüber. Der verunglückte Arbeiter habe zu grosse Schuhe getragen. Deshalb erscheine es wahrscheinlich, dass dieser auf dem Podest gestolpert und so auf den Betonboden gestürzt sei, sagte der Verteidiger des Bürochefs. Man habe nicht damit rechnen müssen, dass ein Mensch sich tödlich verletzen könne, wenn er aus einer Höhe von zwei Metern achtzig abstürze. Kletterstangen auf Turnplätzen seien viel höher und auch nicht gesichert.

Der Anwalt des Werkstattchefs brachte ebenfalls die zu grossen Schuhe ins Spiel, die der Arbeiter getragen hatte. Überdies sei die Normeninflation im Bereich der Sicherheitsvorschriften heute derart gross, dass man den beiden «Chrampfern», die immer selber Hand angelegt hätten, nicht habe zumuten können, sich darin auszukennen. Die Oberstaatsanwältin wandte ein, dass die Sicherheit immer Chefsache sei. Sie habe selbst beim Baumhaus ihrer Tochter Fangschutzmatten anbringen lassen, um das Kind nicht einer Gefahr auszusetzen.

Chef ist verantwortlich

Nach langer Urteilsberatung erklärte Gerichtspräsident Lukas Trost, dass die Halle vor der Installation des Geländers ein gefährlicher Arbeitsort gewesen sei. Man hätte nur den gesunden Menschenverstand gebraucht, um die herrschende Gefahr einschätzen zu können.

Ein Chef sei für alles verantwortlich: für die Buchhaltung, die Löhne, die Einhaltung der Vorschriften bei der Anstellung von Ausländern – und eben auch für die Sicherheitsbestimmungen. Aber darum müsse man sich selber bemühen. «Man kann nicht alle Vorschriften kennen. Aber man kann sich bei den zuständigen Stellen darüber informieren.» Es sei nicht hilfreich, wenn die Betriebsinhaber die Sicherheit in der Halle als «branchenüblich» bezeichneten. «Man darf sich nicht am schlechten Beispiel orientieren. Sicherheitsgeländer sind heute überall üblich.»