Freiamt
Anschlagserie auf Kirchenfiguren: Madonna war nicht das einzige Opfer

Am 10. Juni brannte in der Boswiler Kirche eine Marienstatue. Wer die Mondsichelmadonna angezündet hat, ist bis heute unklar. Eine Anschlagserie auf Kirchenfiguren in Auw, Boswil, Bünzen, Muri, Oberrüti und Sins hält den Kanton in Atem.

Fabian Hägler
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Durchschlagen der Erfolg zu Dutzenden Vandalenakten im Freiamt: Die Polizei verhaftete einen 44-jährigen Italiener. Die aktuellste Sachbeschädigung: Der Italiener zündete am Donnerstag diesen Ford Fiesta an.
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Zwei Tage vor dem Brand des Ford Fiestas brannte am Dienstag in Muri morgens um 4 Uhr ein weiteres parkiertes Auto vollkommen aus
Auch in Freiämter Kirchen machte sich der Italiener mehrmals zu schaffen: In Oberrüti hackte der Mann der Madonna die Hand ab, dann wurde sie noch geklaut.
Boswil: Die Madonna fehlt an ihrem gewohnten Platz
Muri: Der Satan ist vom Erzengel Michael immer noch an die Kette gelegt
Sins: Die Schlange auf dem Marienbild bekam sechs Nägel in den Kopf gehämmert
Auw: Auf dem Taufstein nahm die Schlange auf dem hölzernen Deckel Schaden
Bünzen: Der Drache unter dem Heiligen Georg sieht ziemlich verkohlt aus
Bünzen: Der Drache wurde arg in Mitleidenschaft gezogen
Bünzen: Auch der Schwanz des Drachens ist verkohlt
Im luzernischen Müswangen am Lindenberg wurde dem Teufel zu Füssen des heiligen Theodul der Kopf abgesägt
Mehrere Anschläge auf Zeichen des Bösen in Oberfreiämter Kirchen

Durchschlagen der Erfolg zu Dutzenden Vandalenakten im Freiamt: Die Polizei verhaftete einen 44-jährigen Italiener. Die aktuellste Sachbeschädigung: Der Italiener zündete am Donnerstag diesen Ford Fiesta an.

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Nun zeigt sich: Der Brandanschlag auf die Boswiler Madonna war kein Einzelfall. In der Wohler Ausgabe vom 19. August berichtet das Pfarrblatt «Horizonte» über eine eigentliche Anschlagserie auf Kirchenfiguren im Oberfreiamt.

«In der Murianer Pfarrkirche St. Goar hat es Satan erwischt, den der Erzengel Michael an die Kette gelegt hat, in Auw die Schlange auf dem hölzernen Deckel des Taufsteins», zählt Autor Andreas C. Müller auf.

Und weiter: «In Sins bekam die Schlange auf dem Marienbild sechs Nägel in den Kopf gehämmert, in Oberrüti wurde der Madonna die Hand abgehackt, in der sie einen
Apfel hielt, in der Pfarrkirche Bünzen sieht der Drache unter dem heiligen Georg ziemlich verkohlt aus.»

Polizei: «Keine normalen Vandalen»

In allen sechs Fällen - der letzte ereignete sich am 10. Juli - ermittelt die Kantonspolizei. «Die Anschläge fanden tagsüber statt, deshalb ist es wahrscheinlich, dass jemand die Täter gesehen hat», sagt Mediensprecher Bernhard Graser der az Aargauer Zeitung. Es seien Hinweise eingegangen und Personen befragt worden - bisher allerdings erfolglos. «Auch das Motiv ist nicht klar, es handelt sich offensichtlich nicht um gewöhnliche Vandalenakte», erklärt Graser.

Tatsächlich ist bei allen Fällen ein spezielles Muster erkennbar. Beschädigt wurden immer die «Zeichen des Bösen» aus der Kirchengeschichte: die Schlange, die Eva dazu verführt, die verbotene Frucht zu essen, der Apfel in der Hand von Maria und der Drache, der im Christentum oft mit dem Teufel gleichgesetzt wird.

E xperten: «Psychisch kranker Täter»

«Horizonte» befragte zwei Experten zu diesem ungewöhnlichen Tatmuster. Josef Sachs, Chefarzt Forensik der Psychiatrischen Dienste des Kantons Aargau, erklärt: «Die Beschädigungen passen nicht zu bekannten Provokationen jugendlicher Vandalen oder Satanisten.» Vandalen würden zum Beispiel ins Weihwasserbecken pinkeln oder wahllos Statuen zerstören.

Bei satanistischen Gruppen wären Symbole wie umgekehrte Kreuze und die Zahl «666» zu erwarten. Josef Sachs vermutet, dass es sich beim Täter «um einen Menschen mit einer wahnhaften oder paranoiden Erkrankung handelt.»

Täter fühlt sich vom Bösen bedroht

Sektenexperte Georg Schmid hält fest: «Aktivitäten von sektiererischen Gruppen können wir ausschliessen.» Vertreter einer fanatischen Sekte hätten in den Kirchen umfassende Verwüstungen vorgenommen.» Er glaubt, dass es sich «mit hoher Wahrscheinlichkeit um einen psychisch auffälligen Einzeltäter handelt».

Möglicherweise meine der Täter, er selbst oder die Kirche sei vom Bösen bedroht und wolle etwas dagegen tun. «Dieses Bedürfnis in Kombination mit einer psychischen Erkrankung führt dazu, dass der Kampf gegen das Böse auf der Bildebene ausgetragen wird», erläutert Schmid.

Restauration aufwändig und teuer

Inzwischen stehen die Madonna von Boswil und der Auwer Taufstein in der Werkstatt von Michael Kaufmann in Muri. Zudem wird der erfahrene Restaurator, der oft im Kloster tätig ist, auch die Georg-Statue aus Bünzen und die Murianer Erzengel-Michael-Figur restaurieren. «Pro Statue rechne ich mit 80 bis 160 Stunden Aufwand», sagt Kaufmann der az.

In der Kirche Boswil brannte eine Marienstatue
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Die Reste der abgebrochenen Hand liegen in Asche
Der Marienstatue fehlt nun eine Hand

In der Kirche Boswil brannte eine Marienstatue

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Dies bedeutet Kosten von 8000 bis 15 000 Franken pro Fall. Er ist zuversichtlich, dass die Statuen originalgetreu wiederhergestellt werden können. «Anhand der vorhandenen Reste ist dies möglich», erklärt Kaufmann.