Im Kellertheater Bremgarten wühlt gegenwärtig ein Theaterstück das Publikum auf: «Polenliebchen» vom Autor Paul Steinmann, der aus Villmergen stammt. In einem Interniertenlager erschiesst (im Zweiten Weltkrieg) in einem Dorf der in der Ehre verletzte Schweizer Leutnant Robert Zoller (Sebastian Meier) den internierten Polen Marek Przybos (Valentin Meier). 

Ein Parallelfall spielte sich 1945 im Flüchtlingslager im Kornhaus in Bremgarten ab. Das recherchierte der Bremgarter Historiker Fridolin Kurmann. Ein offenbar überforderter Hilfsdienst-Soldat schoss um sich. Dabei wurde der 23-jährige serbische Student Milos Todorovic getötet.

Theaterstück und die Wirklichkeit

Im Stück «Polenliebchen» ist die Sympathie für die einquartierten Polen geteilt. Gleich verhielt es sich auch in Wirklichkeit. Denn eigentlich war es Einheimischen verboten, sich mit den Polen einzulassen.

Im Stück hält sich Emilie (Anja Betschart) nicht an die Vorschrift. Sie verliebt sich in Marek. Entsetzen und Ratlosigkeit machen sich nach dem Tod des Polen breit. Denn ein toter Pole, das hat dem Dorf gerade noch gefehlt. Das Stück hat Thomy Truttmann packend inszeniert und mit guten, leidenschaftlich agierenden Schauspielerinnen und Schauspielern besetzt.

Ein Flüchtlingsschicksal

Das Stück hat Paul Steinmann nicht an einem bestimmten Schweizer Ort angesiedelt. Doch es könnte gut in Bremgarten spielen. Denn es gibt Parallelen: In Bremgarten gab es im Zweiten Weltkrieg zwei Flüchtlingslager, eines im Kornhaus und das andere im St. Clara-Kloster.

Der im Kornhaus erschossene Student Milos Todorovic geriet offenbar bei Auseinandersetzungen zwischen den Lagerinsassen und der Lagerleitung zwischen die Fronten und fand dabei den Tod. Er wurde auf dem Bremgarter Friedhof beigesetzt. Der Grabstein befindet sich am nordöstlichen Rand des Friedhofes, gegen die Friedhofstrasse hin.

Als der Student erschossen wurde, befand sich Martin Bier (Jahrgang 1919), ein deutsch-jüdischer Flüchtling, schon nicht mehr im Lager in Bremgarten. Bier war am 14. August 1944 ins Flüchtlingslager Hedingen verlegt worden.

Ihm und seinen Brüdern Gerhard und Georg gelang 1944 aus dem fahrenden Zug die Flucht in die Schweiz. Martin Bier schilderte 1997 in den Bremgarter Neujahrsblättern, wie es dazu kam und wie er das Lagerleben erlebte.

Er sei in Bremgarten in der Landwirtschaft, bei einem Dachdecker und in der Lagerküche zum Arbeitsdienst eingeteilt worden, berichtet er. Beide Flüchtlingslager im Kornhaus und im St.-Clara-Kloster waren streng durch bewaffnete Wehrmänner bewacht. Insgesamt habe die Arbeitszeit bis zu zwölf Stunden betragen, schreibt Bier.

Das Lagerleben in Bremgarten empfand Bier als deprimierend, die Verpflegung als karg, die Direktiven der Lagerleitung als engherzig, weshalb es zu einer Aussprache zwischen Bier und einem Feldweibel kam.

Als grosszügiger und fortschrittlicher erlebte Bier die Zeit im Lager Hedingen, die nur vier Tage dauerte. Nach einem Landwirtschaftseinsatz in Ebersecken, den Bier nicht beanstandet, erhielt er die Aufenthaltsbewilligung in der Schweiz, über die Caritas eine Unterkunft in Zürich mit Unterhaltsgarantie und die Bewilligung, an der ETH zu studieren.

Deshalb bedankte sich Bier trotz all seiner Kritik am Lager in Bremgarten in einem Beitrag in den Bremgarter Neujahrsblättern dafür, dass die Schweiz ihm und seinen beiden Brüdern damals Asyl gewährt hatte sowie bei allen Mitbürgern, welche das Los der Flüchtlinge zu erleichtern suchten.


Das Theaterstück «Polenliebchen» wird im Kellertheater Bremgarten noch am 12., 18. und 19. März sowie am 1., 2., 6., 8., 9., 15., 13. und 16. April aufgeführt. Vorverkauf bei: Cartouche & Emma, Marktgasse 25, Bremgarten (056 633 44 22, Dienstag bis Samstag). Reservationen online: www.kellertheater-bremgarten.ch.