Porträt
Andrea Duschén verabschiedet sich nach zwei Jahren als Präsident des Wohler Einwohnerrats

Andrea Duschén hat in den vergangenen zwei Jahren den Wohler Einwohnerrat geleitet und geprägt.

Toni Widmer
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Nach zwölf Jahren im Einwohnerrat, davon zwei Jahre als Präsident, darf sich André Duschen jetzt beruhigt in seinem schönen Sofa etwas zurücklehnen.

Nach zwölf Jahren im Einwohnerrat, davon zwei Jahre als Präsident, darf sich André Duschen jetzt beruhigt in seinem schönen Sofa etwas zurücklehnen.

Toni Widmer

Holz gehackt in seinem kleinen Wäldchen hat Andrea Duschén in letzter Zeit etwas weniger. Und auch sein Motorrad mit Seitenwagen und sein Velo hat er nicht so oft bewegt. «Dafür», schmunzelt der Wohler Unternehmer und Berufsschullehrer, «habe ich noch etwas mehr an Gewicht zugelegt.» Kunststück, als Einwohnerratspräsident war er in den vergangenen zwei Jahren schliesslich auch der politisch gewichtigste Wohler.

Während zwölf Jahren hat Duschén als Vertreter der FDP dem Wohler Parlament angehört und seine politische Karriere mit dem Einwohnerratspräsidium abschliessen dürfen. War das so geplant? «Ganz und gar nicht, es hat sich einfach so ergeben. Ich war zur richtigen Zeit am richtigen Ort», sagt der stets bescheidene, aber auch immer sehr offene Politiker. So rasch habe er allerdings nicht Ja gesagt, als er angefragt worden sei: «Ich wusste, dass dieses Amt nicht einfach ist. Ich habe Respekt davor gehabt und mich auch gefragt: Kann ich das?»

Andrea Duschén

Andrea Duschén (60) hat die Firma Duschén Wohnbedarf in Wohlen von seinem Vater übernommen und bis vor zwei Jahren geführt. Jetzt wird das Unternehmen in dritter Generation von seinem Sohn Marco geleitet. Seit 31 Jahren ist Duschén auch als Gewerbelehrer tätig. Sein Pensum an der Berufsschule Lenzburg hat er nach seinem Rücktritt im Einwohnerrat wieder auf 75% erhöht.

Die Sache mit der Dringlichkeit

Er konnte. Andrea Duschén hat den Einwohnerrat Wohlen in einer zeitweise recht turbulenten Zeit stets sicher geführt. Und er hat es mit seinem trockenen und spontanen Humor mehr als einmal verstanden, eine aufgeheizte Atmosphäre im Rat zu entspannen. Ein Beispiel: Der Rat musste an der gleichen Sitzung dreimal hintereinander über die Dringlichkeit von politischen Vorstössen befinden. Am Schluss sagte Duschén: «Es gibt jetzt noch eine vierte Dringlichkeit. Der Präsident muss auf die Toilette. Wir machen zehn Minuten Pause.»

Er selber hatte es nicht so mit Pausen in den vergangenen zwei Jahren: «Das Einwohnerratspräsidium war nur möglich, weil mein Sohn Marco bereit war, das Geschäft zu übernehmen, und ich dort kürzertreten konnte», sagt Duschén. An der Berufsschule Lenzburg unterrichtet hat er jedoch weiterhin in einem 60-Prozent-Pensum. Dazu kamen die Vorbereitungen der Einwohnerratssitzungen sowie die vielen Anlässe, an denen der höchste Wohler die Gemeinde repräsentieren muss. Duschén behielt auch in hektischen Sitzungen mit vielen Anträgen und Gegenanträgen den Überblick. Das kam nicht von ungefähr: «Ich habe sehr viel Zeit in die Vorbereitung investiert, dabei alle möglichen Szenarien in Gedanken durchgespielt und den geplanten Sitzungsablauf akribisch auf Papier festgehalten. Dieses Konzept habe ich von meiner Vorgängerin Ariane Gregor übernommen, und es hat sich auch bei mir bewährt.» Duschén hat hin und wieder auch Klippen bravourös umschifft. So sagte er in einer Einbürgerungsdebatte vorab entschuldigend: «Heute ist meine Zunge ein bisschen geschwollen. Darum kann ich nicht alle Namen der Eingebürgerten richtig aussprechen. Sonst ginge das natürlich einwandfrei.»

«Endlose Debatten bringen nichts»

Gibt es auch Sachen, die ihm nicht nach Wunsch gelungen sind? «Ja», sagt er spontan, «bei der Redezeit konnte ich mich nicht immer durchsetzen. Es gibt halt immer Leute, die sich einfach nicht beschränken können und die Regel, sich nur kurz zu äussern, nicht beachten.» Er sei froh, sagt der abtretende Ratspräsident, dass die Redezeit im neuen Geschäftsreglement definitiv auf drei Minuten beschränkt worden sei. Endlose Debatten, meint er, brächten meist ohnehin nichts: «Da hört nach einer gewissen Zeit gar niemand mehr zu.» Und vielfach sei ja nach den Fraktionssitzungen ohnehin schon klar, ob ein Geschäft angenommen oder verworfen werde. Mit langen Sitzungen hatte Andrea Duschén generell Mühe: «Nach einem vollen Arbeitstag am Abend noch einmal über vier bis fünf Stunden am Präsidentenpult die volle Konzentration zu bringen und den Überblick zu behalten – das ist schon happig und zehrt an der Substanz», erklärt er.

Und so sei es leider auch einige wenige Male vorgekommen, dass er verbale Ausrutscher von Ratsmitgliedern zu spät bemerkt habe, weil er sich auf etwas anderes konzentriert habe: «Mir ist es ein wichtiges Anliegen, dass man anständig miteinander umgeht und sich gegenseitig respektiert. Es ist die Aufgabe des Präsidenten, einzugreifen, wenn diese Grundsätze nicht beachtet werden, und das habe ich wo immer möglich auch getan.»

Weniger persönliche Angriffe

Ein schönes Beispiel eines solchen «Eingriffs»: Ein Einwohnerrat bezeichnete die Äusserungen eines anderen Parlamentariers als schizophren. Duschén sagte zu diesem Votanten: «Schizophrenie ist eine Krankheit. Ich würde dich bitten, solche Wörter nicht zu benützen. Wenn dir kein passenderes Wort einfällt, dann kommst du zu mir, ich kann dir da gerne helfen.» Zum Glück, sagt Duschén, habe sich die Atmosphäre im Rat im Laufe seiner Amtszeit stark verbessert: «Die Diskussionskultur ist in den vergangenen Monaten viel angenehmer geworden, persönliche Angriffe kommen, wenn überhaupt, nur noch selten vor. Das ist sehr erfreulich, und ich hoffe, es bleibt so.»

Insgesamt zieht der abtretende Ratspräsident ein positives Fazit über seine Tätigkeit im Parlament. Der Einwohnerrat, und da insbesondere die Jahre als Vizepräsident und Präsident, seien eine Art Lebensschule. Man lerne, sich vor die Leute zu stellen und klar auszudrücken, man lerne aber auch, dass es zu einem Thema verschiedene Meinungen gebe und oft nicht nur die eigene Meinung eine gute Meinung sei. Die politische Tätigkeit würde einem zum anderen auch immer wieder bewusst machen, wie gut die politische Kultur in der Schweiz sei: «Wo sonst», sinniert Andrea Duschén, «können die Stimmberechtigten so umfassend selber über die Zukunft ihres Dorfes, ihres Kantons und ihres Landes bestimmen?»

Wohlen ist viel besser als sein Ruf

Anderseits brauche es in der Politik auch einen breiten Rücken. Man müsse lernen, mit Kritik umzugehen. Auf seine Geschäftstätigkeit, erklärt der Unternehmer auf Anfrage, habe sein politisches Amt kaum Einfluss gehabt: «Klar hat mich vielleicht der eine oder die andere nicht mehr berücksichtigt, weil ich in ihren Augen falsch abgestimmt habe. Dafür sind andere gekommen, die vorher keine Kunden waren.»

Jetzt will der 60-jährige Unternehmer die freie Zeit geniessen, sich mehr bewegen, wieder etwas öfter töff- und radfahren, sein Ferienhäuschen im Tessin geniessen oder in seinem Wäldchen Holz hacken. Und natürlich durch «sein» Wohlen schlendern.

Die Gemeinde, die er nach wie vor sehr mag, und von der er glaubt, dass sie bisher deutlich unter ihrem Wert verkauft worden sei: «Wohlen hat in den vergangenen Jahren zu viel negative Schlagzeilen gemacht. Ich hoffe sehr, dass sich das ändert. Denn Wohlen ist ein schönes und intaktes Dorf. Klar gibt es noch viel zu tun und können wir uns in einigen Bereichen noch verbessern. Aber Wohlen hat den schlechten Ruf nicht verdient, den man der Gemeinde in den letzten Jahren angedichtet hat.»

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