Maria Wyss sitz in ihrem Zimmer im Alterszentrum Solino in Boswil und strickt – mit einer Hand. Ihre Rechte kann sie seit einem Schlaganfall, den sie vor sieben Jahren erlitt, nicht mehr bewegen. Trotzdem strickt die Frau mit Jahrgang 1939 tapfer weiter, hört Radio und geniesst den Ausblick über die Gemeinde Boswil.

«Die sind für den Freund meiner Enkelin», sagt die Seniorin und zeigt auf ihre violett-graue Lismete, die sich als Socke in der Entstehung herausstellt. Sie sind mein Weihnachtsgeschenk.

Maria Wyss wird das Fest mit ihrer Familie verbringen. Wer jetzt aber an ein kleines Beisammensein im Wohnzimmer denkt, irrt sich. Wyss’ Familie ist so gross, dass die gemeinsame Weihnachtsfeier in einer Waldhütte stattfindet. Die Seniorin hat 11 Kinder und 25 Enkel. «Früher, wenn alle nach Hause kamen, mussten wir uns auf zwei Stuben und ein Esszimmer aufteilen», erinnert sie sich.

«Als dann aber alle noch einen Anhang mitbrachten, mussten wir in die Waldhütte umziehen, zu Hause hatten wir nicht mehr genügend Platz.» Wyss kennt es gar nicht anders. Sie selber hat vier Schwestern und vier Brüder und ihre Eltern waren stolze Grosseltern von 52 Kindern.

1942: traurige Weihnachten

«Man feierte schon, aber nicht gross», erzählt Wyss von der Weihnachtszeit, als sie noch klein war. Eltern und Kinder waren für sich auf ihrem Bauernhof in Weissenbach. Die älteren Mädchen halfen in der Küche, die Buben draussen. Zum Znacht gab es Voressen, Hörnli, Rüebli und Erbsen. Danach wurden die Geschenke ausgepackt. «Nur die drei Jüngsten bekamen etwas. Farbstifte, ein Malbüechli und Schoggi.

Und der jüngste Bruder bekam einen Bären. Wir älteren Kinder bekamen nichts, dafür reichte das Geld nicht.» Die Kinder machten ihren Eltern keine Geschenke. Basteln war weder in der Schule noch daheim ein Thema: «Davon wussten wir nichts, der Vater hat das nicht erlaubt», so Wyss.

An eine Adventszeit aus ihrer Kindheit erinnert sich die spätere Hausfrau und Mutter besonders gut: «Es war am 4. Dezember 1942. Unsere Tiere bekamen die Seuche. Meine Eltern mussten alles Vieh und alle Säue schlachten.

Der ganze Hof war für drei Monate abgesperrt», erzählt die Freiämterin. «Ich kann mich noch erinnern, wie sie die letzte Kuh rausgeworfen haben. Alle haben geweint, aber ich habe das damals noch nicht verstanden.»

Nähmaschine für Geschenke

Als Maria Wyss 21 Jahre alt war, heiratete sie und brachte ein Jahr später bereits ihr erstes Kind zur Welt. Und in den nächsten zwölf Jahren folgten zehn weitere. «Ich sage es nicht gern», erzählt die Weissenbacherin, «aber in einem Jahr musste ich sogar meine Nähmaschine verkaufen, damit ich all meinen Kindern ein Weihnachtsgeschenk besorgen konnte. Jedes bekam dann einen Pullover und Schoggi.»

Am Weihnachtstag fuhr die Familie jeweils mit dem Traktor in die Kirche zur Messe. Auch wenns in die Ferien ging, nahm man den Traktor. «Dann habe ich alle Kinder in den Anhänger geladen und bin mit ihnen zum Bahnhof gefahren», lacht Wyss. Sobald der älteste Sohn fahren konnte, nahm die Familie dann das Auto.

«Wir hatten daheim immer viele Dekorationen, ich habe Gestecke gemacht und diese verkauft.» Ihre Kinder halfen ihr dabei und die Familie veranstaltete einen eigenen Weihnachtsmarkt in einer Waldhütte in Bettwil.

«Einmal kamen so viele Leute, dass wir die Autos einweisen mussten», erinnert sich die Seniorin mit leuchtenden Augen. Ein eingerahmtes Foto auf dem Fenstersims zeigt Wyss, umgeben von ihren elf Kindern, die alle eine Samichlaus-Mütze tragen.

Gestecke mit einer Hand

Ihr Hobby behielt Wyss selbst nach ihrem Schlaganfall bei. «Ich habe lange Gestecke mit einer Hand angefertigt», erzählt sie stolz. Auch jetzt besucht sie mit ihren Nachkommen immer noch Weihnachtsmärkte, ihr Zimmer im Solino ist weihnachtlich dekoriert. Auf dem Tisch stehen Kerzen umgeben von Tannenästen und roten Kugeln.

«Meine Töchter sind mit mir nach Spreitenbach, damit ich auch etwas von der Weihnacht habe», sagt Maria Wyss und zeigt auf Schneeflocken, die ihre Fensterscheibe schmücken «die habe ich mit ihnen gekauft.»