Ich sitze, du sitzt, er sitzt – normalerweise wissen Schüler der Kanti Wohlen schon lange, bevor sie an die Schule kommen, was Verben sind und wie man sie konjugiert. Wenn Lisa Zimmermann also wie auf dem Foto die verschiedenen Formen von sitzen an die Tafel schreibt, dann nicht, weil sie sie noch nicht beherrscht, sondern im Gegenteil: Sie bringt sie Asylsuchenden bei. Die 20-jährige Wohlerin ist eine von rund 30 Kantischülerinnen und -schülern, die im neuen Projekt «Deutsch für Geflüchtete» ein- bis zweimal pro Woche selbst zu Lehrpersonen werden.

Erfolgreiches Pilotprojekt

Die Idee für das Projekt kam von der Unesco-Gruppe der Kanti, die für den interkulturellen Austausch zuständig ist. «Ursprünglich war geplant, dass Asylsuchende in der Zivilschutzanlage unter der Kanti einquartiert würden, da haben wir uns in Gedanken Projekte für sie überlegt», erinnert sich Peter Lötscher, Religionslehrer und Mitglied der Unesco-Gruppe. «Als die Unterbringung nicht zustande kam, wollten wir unsere Ideen aber nicht verwerfen, sondern trotzdem zugunsten von Asylsuchenden umsetzen.» Auch mit der Integrationsplattform Toolbox, die in Wohlen die Flüchtlingsarbeit koordiniert, hat er sich abgesprochen.

Kantischülerin Lisa Zimmermann beim Unterricht mit den Flüchtlingen.

Kantischülerin Lisa Zimmermann beim Unterricht mit den Flüchtlingen.

So organisierte er im März ein Podium zum Thema Eritrea und Ende Mai eine Infoveranstaltung zum Projekt. «Es haben sich erstaunlich viele Freiwillige gemeldet, so konnten wir bereits vor den Sommerferien starten. An sieben Terminen unterrichteten rund 30 Schülerinnen und Schüler jeweils rund 20 bis 30 Flüchtlinge.» Und weil das Pilotprojekt so gut gestartet ist, wird es nun mindestens für ein Semester weitergeführt. Die meisten Flüchtlinge, die teilnehmen, wohnen im Asylzentrum in Villmergen, sind männlich und zwischen 18 und 40 Jahre alt. «Aber es dürfen alle kommen, die möchten.»

Für die Kantischüler bieten sich natürlich soziale und pädagogische Vorteile in dem Projekt. «Daneben erhalten jene, die regelmässig unterrichten, Ende des Semesters aber auch eine schriftliche Bestätigung, die beispielsweise Bewerbungen beigelegt werden kann», erklärt Lötscher.

Mit Händen und Füssen

Lisa Zimmermann war von Anfang an dabei. «Im Freiamt gibt es viele Flüchtlinge, die man aber eigentlich kaum wahrnimmt. Das Projekt ist eine gute Chance, mit ihnen in Kontakt zu kommen.» Auch Nadine Geissmann (19) aus Hägglingen und Janine Kühne (16) aus Rottenschwil sind begeistert. Kühne hatte bereits im Landdienst Kontakt mit Flüchtlingen: «Ich bin eher schüchtern, aber ich hatte eine so gute Zeit mit den Flüchtlingen bei der Arbeit, dass ich mich überwunden habe, beim Deutschunterricht mitzumachen. Jetzt macht es mir grossen Spass, ich würde das jedem weiterempfehlen.»

Der Deutschunterricht selber sei unkompliziert. «Am Anfang war es nicht leicht, unsere Schüler verstanden wenig. Aber mit Händen und Füssen hat es geklappt», erzählt Geissmann.

Unglaubliche Geschichten

Immer wieder stehen die Schülerinnen vor Problemen, mit denen sie gar nicht gerechnet hätten. «Vor den Sommerferien haben wir beispielsweise ein Raclette-Essen durchgeführt. Dafür haben wir den Flüchtlingen eine Einladung geschrieben. Was wir nicht bedacht hatten: Sie verstanden die Einladung ja gar nicht. Also haben wir sie Wort für Wort übersetzt», erinnert sich Zimmermann lachend. Nicht nur solche Events wie das Raclette-Essen, sondern auch die Lehrmittel selber werden hauptsächlich von den Landeskirchen gesponsert. Doch auch eine Wohler Bezirksschulklasse hat letztes Jahr 750 Franken an das Projekt gespendet, die sie durch ein Theater eingespielt hat.

Die drei Schülerinnen haben nur positives Feedback zu den Deutschstunden. Doch die persönlichen Geschichten der Geflüchteten, die sie ihnen manchmal erzählen, nehmen die jungen Frauen auch mit. «Viele erzählen von ihren Frauen und Kindern, die noch daheim sind, und die sie seit Jahren nicht gesehen haben. Das muss sehr schlimm sein», sagt Geissmann. Kühne ergänzt: «Dennoch sind sie immer fröhlich und motiviert. Das finde ich unglaublich toll. Es ist wirklich ein gutes Gefühl, ihnen mit dem Unterricht ein bisschen weiterhelfen zu können.»