Wohlen
Am Telefon mit der Kantizeit: Ein Geschichtensammler macht's möglich

Das 50-Jahr-Jubiläum der Kanti Wohlen ist der ideale Anlass, um die Schulzeit wieder zu beleben. Mit der Installation «Ungehört» lässt die Kanti Wohlen 14 ehemalige Schüler in ihren Erinnerungen kramen.

Andrea Weibel
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Initiant Martin Steiner lädt ehemalige Kantischüler ein, sich Zeit für Erinnerungen zu nehmen.

Initiant Martin Steiner lädt ehemalige Kantischüler ein, sich Zeit für Erinnerungen zu nehmen.

Andrea Weibel

«Ich finde, das 50-Jahr-Jubiläum der Kantonsschule ist ein perfekter Moment, um sich Zeit zu nehmen, seine Erinnerungen an die eigene Kantizeit wieder auszugraben», sagt der Englischlehrer und selbst ehemalige Wohler Kantonsschüler Martin Steiner.

Seine Leidenschaft ist das Geschichtensammeln, und genau das soll auch sein Beitrag an den runden Geburtstag der Schule sein: Geschichten. Genauer: Geschichten von ehemaligen Schülerinnen und Schülern aus den sechs Jahrzehnten.

So kamen 14 unterschiedliche Erinnerungen zusammen, die jedoch alle etwas gemeinsam haben: die Kanti Wohlen – beziehungsweise natürlich das Lehrerseminar, das die Kanti vorher war.

Kuscheln in Manchester-Kissen

Zusammen mit einem Strom aus anonymen Schülern wird man beinahe in die Mediothek hineingetrieben. Drinnen ändert sich die Szenerie abrupt: Man kommt an in den Stuben der Erzählenden, in einem von fünf Kabäuschen mit Sofas und Gegenständen, die an eine bestimmte Ära aus den letzten 50 Jahren erinnern.

Ob man auf dem Ledersofa aus den 90ern Platz nimmt oder sich in die Manchester-Kissen aus den 70ern kuschelt, überall erwecken Zeitzeugen Erinnerungen. Eines sollen aber alle Zuhörer tun: sich Zeit nehmen für ein Telefonat mit der Kantizeit. Sie nehmen den Hörer eines Telefons aus jener Ära in die Hand und lauschen.

Zum Beispiel den Erinnerungen von Ruth Koch, die in Villmergen wohnte und von 1968 bis 1972 zum dritten Jahrgang des damaligen Semis gehörte. Sie erinnert sich an das runde, immer strahlende Gesicht ihres Zeichenlehrers oder an den Deutschlehrer, in den alle ein bisschen verliebt gewesen sind. Und natürlich an die Zeit mit ihrer besten Freundin.

«Ein einziger Glückstaumel»

Auch Ewald Keller, der das Semi 1973 bis 1977 besuchte und heute Schulleiter der Beriker Primarschule ist, erinnert sich gern zurück. Er hätte von Mellingen aus das Seminar in Wettingen besuchen müssen. Seine Cousine sei aber eine der Pionierinnen gewesen, die stattdessen die Reuss ins nahe Freiamt überquert und von der familiären kleinen Schule in Wohlen geschwärmt haben.

So kam auch Keller als einziger seiner Bezirksschulklasse ans Wohler Semi. «Ich wäre heute wohl kein Freiämter, wenn ich diesen Schritt damals nicht gemacht hätte», hört man ihn durch den Telefonhörer sagen.

Eine der jüngsten Erzählerinnen ist Yvonne Jaggy, die die Kanti 2000 bis 2004 besuchte. Sie erinnert sich, wie sie nach einer Kindheit im kleinen Muri ihre Freiheit an der Kanti Wohlen fand, sich auf einmal bunt kleidete, sich als Frau fühlte, Männer kennen lernte und ihr «Hässliches-Entlein-Dasein» hinter sich lassen konnte, wie sie es nennt.

«Die Schule selber ist mir nicht mehr so präsent. Doch die Zeit war ein einziger Glückstaumel, wie ich ihn nie wieder erlebt habe», beschreibt sie lachend und mit Worten, die sicher aus jenen Kanti-Jahren stammen.

Verträumt statt spektakulär

Die Aufnahmen dauern je zwischen 7 und 25 Minuten. «Man muss sich ein wenig Zeit nehmen, aber es lohnt sich auf jeden Fall», sagt der Initiator Martin Steiner. «Die Geschichten sind nicht spektakulär, sondern sehr persönlich, manchmal lustig, manchmal verträumt, manchmal vielleicht auch noch immer etwas nachtragend. So wie die Kantizeit eben für die Erzählerinnen und Erzähler war.»

Die meisten Geschichten beziehen sich aufs Soziale, nur die wenigsten aufs Schulische, fällt Steiner auf. «Genau so müssen Schulen doch sein: Sie müssen Platz für Erlebnisse und Momente bieten, die man dann sein Leben lang nicht vergisst.» Genau diese will er der Kanti mit seiner Arbeit nun zurückgeben.

Jubiläumsprojekte: Kanti erhält Funkenflug-Preis

Die Toninstallation «Ungehört» ist eines von drei künstlerischen Werken, die von den Lehrpersonen zusammen mit heutigen oder ehemaligen Schülern zum 50. Geburtstag der Kanti Wohlen erschaffen wurden. Die anderen beiden heissen «Bünzfischer» und «Epizentrum». Die Bünzfischer sind lebensgrosse Gipsfiguren, die derzeit von den Dächern und Mauern der Kanti auf die Schüler hinunterschauen.

Das Epizentrum dagegen war ein einmaliges Projekt, bei dem die kleine runde Turmspitze über der Kanti als Zentrum gewählt wurde, von dem aus konzentrische weisse Kreise von bis zu 170 Metern Durchmesser ausgehen. «Wir wollten damit symbolisieren, wie die Kanti nach aussen wirkt und Wissen sich verbreitet», erklärt Gaby Rey, eine der Initiantinnen und Lehrerin für bildnerisches Gestalten.

Für die Bünzfischer und das Epizentrum zusammen erhielt die Kanti eine von fünf Funkenflug-Auszeichnungen des Kantons, die jeweils mit 5000 Franken dotiert sind. «Das Geld soll in neue kulturelle Projekte fliessen», so Rey.

Ungehört Mediothek Kanti Wohlen,
Vernissage: 15.9., 20 Uhr. Dann 19.9. bis 30.9. während Schulöffnungszeiten, samstags und sonntags 14 bis 17 Uhr geöffnet.