Als Wohlen eine Garnisonsstadt war

Das erste eidgenössische Militärübungslager wurde vor 200 Jahren im Freiämter Dorf durchgeführt.

Jörg Baumann
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Schüsse hallen 1820 mitten im Frieden über Wohlen hinweg. Viele Leute glauben, sie hörten schlecht. Doch Eingeweihte können die Bevölkerung beruhigen: Im Aesch in Wohlen, auf einem noch nicht überbauten grossen Feld, wird der Krieg nur gespielt. Konkret: Am ersten eidgenössischen Übungslager treffen sich 2591 Soldaten und Offiziere aus den Kantonen Zürich, Bern, Luzern, Uri, Basel und Aargau zum ersten gemeinsamen Manöver im langsam zusammenwachsenden Bundesstaat, der 1848 schliesslich begründet wird. Wohlen, ein kleines Dorf mit nur 2000 Einwohnern, wird mit einem Schlag als Garnisonsstadt in der halben Schweiz berühmt.

Wohler Hausarzt als Chronist des Militärübungslagers

Als Zeitzeuge rapportiert der Infanterie-Leutnant und spätere Aargauer Regierungsrat Ludwig Berner (1794-1857) aus Unterkulm 1821 in einer Denkschrift über das Ereignis, das über die Grenzen von Wohlen hinaus die Gemüter bewegt. Berners Bericht erscheint als gedruckte Broschüre im Orell Füssli-­Verlag. Der früh verstorbene Wohler Hausarzt Benno Michel (1891–1941), der sich als Rotkreuzarzt und in der Historischen Gesellschaft Freiamt als ­Vizepräsident engagiert, zeichnet das Übungslager 1934 in der Jahresschrift «Unsere Heimat» der Historischen ­Gesellschaft Freiamt nach. Er hält sich dabei an Berners Denkschrift. Benno Michel, selber ein guter Sportler, Menschenfreund und überzeugter Militarist, ist mit dem Thema bestens vertraut. Am 15. August 1820, an einem heissen Tag, seien die Truppen eingerückt, schreibt Michel. «Schon bei Sonnenaufgang waren die Landstrassen, die nach Wohlen führten, ringsum mit Truppen bedeckt. Freudig folgten alle dem Rufe, und in den Kantonen habe man sich schon lange vorher eifrig im Waffenunterricht betätigt, um mit den eidgenössischen Brüdern in der ­gemeinsamen Prüfung in Ehren zu bestehen.» Pathetisch fügt Michel an: «Es muss ein farbenprächtiges Bild gewesen sein an diesem Augustmorgen, das auch den trägsten Schläfer aus den ­Federn lockte.» Überall habe man Trommeln und Trompetengeschmetter gehört.

Eine «ungeheure Volksmenge» sei dem ersten Einrücken gefolgt, «sodass der Tag einem Nationalfeste glich», erfährt man von Michel. Schon im Lauf des Vormittages wurden zwischen Wohlen, Anglikon und Villmergen die «kriegerischen Zelte» aufgestellt – acht Reihen hintereinander. Dahinter befinden sich die Zelte der Kompagnie-­Offiziere, der Stabsoffiziere der Bataillone und Brigaden und ganz im Hintergrund, schon etwas komfortabler, die Baracken für die Offiziere des Generalstabs. Auf dem rechten und linken Flügel des Lagers bauen die als Esslokale dienenden Marketendereien. Über der Wohnung des Oberbefehlshabers Oberst Charles-Jules Guigner von Prangins (1780–1840) prangt die Bundesfahne. Von allen übrigen Zelten grüssen die kantonalen Banner, die mit der eidgenössischen Bandschleife geschmückt sind.

«Männer aller Stände und aller Waffen» sind an der Übung dabei

Ein Major verliest den Tagesbefehl des Oberbefehlshabers und begrüsst die im Viereck aufgestellte Mannschaft. Der Major macht klar, dass sich am Manöver «Männer aller Stände und aller Waffen» einige Tage in den Pflichten ihres Standes üben und sich mit Verrichtungen, «die früher oder später ein ernsterer Ruf des Vaterlandes» ihnen auflegen könne, unter geschickter Leitung vertraut machen sollten. Die Hitze ist unterdessen so stark geworden, dass mehrere Soldaten aus dem Gliede geführt werden müssen. Diese hätten sich aber bald wieder erholt, zitiert Benno Michel den Chronisten Berner.

Die für die Bewirtung zuständigen Soldaten hätten ihr Handwerker unterschiedlich gut verstanden, berichtet Michel, «gerade wie unsere heutigen Küchenchefs in den Einheiten auch noch». Trotzdem habe die «ungezwungene Fröhlichkeit und Harmonie» vorgeherrscht. «Es wurde auf das Wohl der sechs Orte getrunken und vaterländische Lieder gesungen, besonders aber das Lied «Seid willkommen, wackere Brüder». Eigens für das Manöver in Wohlen wurden einige Lieder komponiert. Am ersten Tag um 19.30 Uhr schlagen die Tambouren den Zapfenstreich. Die polizeilichen Dispositionen «zur Erhaltung von guter Ordnung und Manneszucht» sind getroffen worden. Der Eintritt ins Lager ist jeder Zivilperson untersagt. Um 22 Uhr müssen die Wirtschaftslokale geschlossen sein. Jeden Abend unterhalten zwei Feldmusiken von Zürich und aus dem Aargau die Truppen «mit wohlklingendem kriegerischen Spiel», schreibt Michel. Um 20 Uhr ist Nachtruhe, dafür um vier Uhr bereits Tagwache.

Zwei Kanonenschüsse wecken die Truppen, um fünf Uhr schliessen sich Tambouren und Trompeter an und geben damit das Signal zur Sammlung. Der Oberbefehlshaber erscheint mit seinem Stab zu Pferd, inspiziert die Mannschaft, kommandiert einige Gewehrgriffe und lässt die Truppen defilieren. Darauf üben die Soldaten Schwenkungen und Manöver aus der Peletons- und Bataillonsschule des eidgenössischen Exerzierreglementes. Um neun Uhr müssen die verschwitzten Kleider bereits gewechselt werden. Alle Truppenteile hätten sich die grösste Mühe gegeben. Jedoch habe es hie und da auch Verfehlungen gegeben. Das Ehrgefühl des Fehlbaren sei bei der Verhängung von Strafen aber geschont worden. Ein Offizier sei mit Zeltarrest über den Sonntag bestraft worden, weil sich sein Tambour im Augenblick eines höheren Besuchs unbemerkt von der Feldwache entfernt hatte, teilt Michel mit. «Ob der Tambour auch bestraft wurde, ist leider nicht erfindlich, gewiss ein interessantes und lehrreiches Beispiel der militärischen Straf- und Rechtspflege unserer Vorfahren.»

Essig und Branntwein, damit die Soldaten gesund blieben

Die gute Gesundheit der Truppen ist darauf zurückzuführen, «dass der Herr Oberkommandant die Vorsicht gehabt hatte, zweckmässige Portionen von Essig und Branntwein unter die Soldaten auszuteilen» – ob zu externem oder internem Gebrauch sei ihm nicht bekannt, bemerkt der Chronist. Landschäden habe man überdies streng vermieden, heisst es weiter. Am 18. August erscheint Oberst Ludwig von Sonnenberg (1782–1850), Kommandant und Inspektor der eidgenössischen Übungslager, auf dem Platz. Sonnenberg stand in französischen und spanischen Diensten und war 1814 am Sturz der Luzerner Regierung beteiligt. Er und der Oberbefehlshaber inspizieren Kleidung, Bewaffnung und Ausrüstung der Truppen. «Alles war sauber und blitzblank, und die ruhige Haltung der Mannschaft gewährte einen schönen Anblick», konstatiert Michel. Am nächsten Tag werden zum ersten Mal blinde Patronen ausgeteilt. Die Truppen versammeln sich auf einem Feld Richtung Villmergen und halten eine Schiessübung ab. Am Sonntag ist Waffenruhe – Zeit für die Gottesdienste, getrennt abgehalten für die Katholiken und die Protestanten. Die Bevölkerung besucht das Truppenlager in Scharen. Im Dorf sind Kramstände aufgebaut worden, und in den Wirtschaften steht der Sinn «nach Spiel und Spass».

Das Übungslager sei bitter nötig gewesen

Am 24. August ist das Übungslager zu Ende. Die Truppen streben ihrer Heimat zu. Benno Michel zitiert nochmals den Chronisten Ludwig Berner: Das Übungslager sei bitter nötig gewesen. «Denn die Zeit ist vorüber, wo man unsere stille Freiheit und Neutralität ohne weiteres schone, wenn wir nicht selber Hand anlegen und ein gut geschultes Heer schaffen, das im Ausland Respekt erweckt.» Winkelried und den alten Eidgenossen sei es 1386 in der Schlacht von Sempach noch gelungen, die österreichische Phalanx zu besiegen. Heute würde aber «ein Regen von Kugeln» auch einen so kühnen Volkshaufen rasch dahinstrecken.

Das Fazit unter das Übungslager zieht die eidgenössische Tagsatzung 1821. Die Abgeordneten der eidgenössischen Ständen sind überzeugt, dass der Anlass seinen Zweck, die Wehrertüchtigung, erfüllt hat. Das Lager hat 41166 Franken gekostet. Die Behörden sind mit der Art, wie Wohlen den Anlass bewältigt hat so gut zufrieden, dass sie das fünfte Übungslager bereits 1828 wieder nach Wohlen vergeben.