Christoph Widmer sitzt an seinem Küchentisch und trinkt Kaffee. Neben ihm liegt ein grosses rotes Buch mit goldigen Seiten. In Erinnerungen versunken, blättert er darin. So, wie er dasitzt, würden ihn wohl die wenigsten Sarmenstorfer Kinder erkennen. Dabei war der 48-Jährige bei den meisten von ihnen irgendwann einmal zu Gast. In der Stube sagten sie ihm Versli auf oder spielten ihm etwas auf der Flöte vor. Christoph Widmer ist Samichlaus. Und zwar von ganzem Herzen. Das merkt man, wenn man ihm zuhört, wie er aus den über 30 Jahren erzählt, in denen er als Chlaus oder Schmutzli von Haus zu Haus gezogen ist.

Bei seinen Geschichten möchte man manchmal fast weinen, manche machen Gänsehaut, und bei wieder anderen muss man laut lachen. Samichlaus ist nicht wie Fasnacht. Beim Samichlaus geht es nicht um Verkleidung, denn viele Kinder wissen, dass nur ein verkleideter Mann vor ihnen steht. Dennoch ist das für sie der Samichlaus. Beim Samichlaus geht es ums Herz.

Warten aufs Glöcklein

Als Christoph Widmer selber noch klein war und nur einen Steinwurf von seinem heutigen Daheim aufwuchs, kam der Samichlaus fast nur zu ihm. Seine vier Geschwister waren mindestens neun Jahre älter als er. Er erinnert sich: «Ich war beeindruckt vom Samichlaus. Er wusste so vieles über mich. Ich wartete immer sehnlichst auf ihn und konnte es kaum erwarten, bis ich sein Glöcklein hörte. Ich weiss noch, was es jeweils für ein schöner Moment gewesen ist, als er seinen Sack mit Mandarinli und Nüssli auf den Stubenboden oder den Tisch ausgeleert hat.» Natürlich sei auch er nervös gewesen und habe Respekt vor den drei Fremden gehabt, die da auf einmal in der Stube standen. «Aber Angst hatte ich nie», erinnert er sich. «Und das möchte ich auch heute den Kindern mitgeben.»

Brummeln und stampfen

Als er etwa 16 Jahre alt war, wurde er angefragt, ob er schmutzeln wolle. Natürlich wollte er. «Es war wunderbar. Als Schmutzli steht man einfach im Hintergrund und kann geniessen und in seinen Bart gigelen. Man kommt in fremde Familien und muss nur ab und zu brummeln oder stampfen, wenn der Chlaus einen etwas fragt.» Beim ehemaligen Förster kletterte ihm, während der Samichlaus erzählte, einmal eine Katze innen die Schmutzli-Kutte hinauf. «Da musste ich mich sehr zusammenreissen, um nicht zu lachen.»

Nach nur wenigen Jahren wurde er zum Samichlaus befördert. «Ich fand die Chläuse immer sehr beeindruckend. Wie sie in ihre Rolle eintauchten, mit den Kindern redeten, aus wenigen Worten eine ganze Geschichte machen konnten und auch die Eltern einbezogen. Sie waren auf jeden Fall Vorbilder für mich.» Heute werden die Samichläuse jährlich in einem kurzen Chlaustraining auf ihre Rolle einimmt. «Es gab einmal eine Phase in den 90er-Jahren, da waren die Leute nicht mehr so zufrieden mit den Chläusen. Darum haben wir ein ganzes Chlaus-Dossier zusammengestellt.»

Chläuse und Schmutzli gesucht

Jährlich werden neue Chläuse, Schmutzli und OK-Mitglieder gesucht. Widmer weiss aus Erfahrung: Die Zeit vor dem 5. und 6. Dezember ist streng. Jeder Chlaus nimmt dann Kontakt mit allen vier bis fünf Familien auf, die er mit seinen zwei Schmutzli pro Abend besucht, geht vorbei, um den Eingang sicher zu finden, und füllt sein goldiges Buch mit Lob und Tadel. «Manchmal fragt man sich: ‹Warum mache ich das eigentlich?› Aber sobald man das Gewand trägt und die leuchtenden Augen der ersten Kinder sieht, spürt man wieder genau, warum man das macht», erzählt Widmer strahlend. In seinem goldigen Buch zeigt er Zeichnungen, die er als Samichlaus bekommen hat.

Besuch bei Schnyderli Toni

Immer wieder beginnt er zu lachen, wenn ihm eine Szene in den Sinn kommt. «Einmal ging ein Mädchen schnurstracks auf einen unserer Chläuse zu. Er fragte, ob es keine Angst vor ihm habe. Es antwortete: ‹Nein, ich bin ja katholisch.› Wir haben das auf Video. Darüber lachen wir heute noch.» Ein andermal sei ein Mädchen am Chlausauszug zu einem der Chläuse gegangen und habe ihn erkannt: «Sie sagte: ‹Hoi Aron, du bist nicht der richtige Samichlaus.› Dieser erschrak, doch die Kleine fuhr fort: ‹Der richtige Samichlaus kommt erst am 6. Dezember.›»

Er hätte noch unzählige Geschichten zu erzählen, doch da klingelt die Hausglocke. Einer der Chläuse braucht den Schlüssel fürs Depot. «Sein Bart passt nicht», erklärt Christoph Widmer schulterzuckend. So ist das halt Anfang Dezember. Als er zurückkommt, erzählt Widmer: «Das Highlight für uns Chläuse und Schmutzli war jedes Jahr der Besuch bei Schnyderli Toni am Ende der Tour. Dort gab es Kafi Güx und Lebkuchen. Doch Toni ist ja leider diesen Sommer verstorben. Wir wussten nicht, was wir machen sollten.» Nun hätten sie aber letztens seine Frau Ottilie getroffen. «Sie sagte, wir müssten unbedingt wieder bei ihr vorbeikommen. Und zwar an beiden Abenden.»