Muri
Als in Muri der «Rote Löwen» abgerissen wurde

Restaurator Josef Brühlmann berichtete aus alten Zeiten des Klosters - und von Gebäuden, die früher die Klosteranlage prägten, heute aber nicht mehr stehen.

Jörg Baumann
Drucken
Teilen
Der «Rote Löwen», eines der Gebäude im Murianer Klosterkomplex, das heute nicht mehr steht. ZVG

Der «Rote Löwen», eines der Gebäude im Murianer Klosterkomplex, das heute nicht mehr steht. ZVG

Umbauten, Neubauten und Abbrüche prägten die letzten 300 Jahre im bald tausendjährigen Kloster Muri. Viel Bausubstanz verschwand. Einen herben Verlust im letzten Jahrhundert erlebte der Murianer Josef Brühlmann 1949 aus nächster Nähe: Der Baggerzahn riss damals auf dem Klosterareal den «Roten Löwen» nieder, einen alten Gasthof mit einer sagenhaften Geschichte.

64 Jahre später erinnerte sich Josef Brühlmann, der sich als Restautor beruflich intensiv mit dem Kloster beschäftigte, an dieses Ereignis: «Ich sass vor dem Abbruch zusammen mit meinem Vater im ‹Roten Löwen›», sagte er. Das und noch viel mehr berichtete er an einem Vortrag, den das Kollegium der Klosterführer organisierte.

Der bekannte und beliebte Murianer Arzt Hugo Keller soll nach verlässlicher Quelle die Abbrucharbeiten am Gasthof gefilmt haben. «Das würde mich interessieren. Ich habe den Film noch nie gesehen. Vielleicht müsste man einmal bei der Familie Keller nachfragen», meinte Brühlmann.

Der «Rote Löwen» scheint, obwohl er längst nicht mehr existiert und einem Ökonomiegebäude für die Pflegi Muri Platz machen musste, im Geist weiterzuleben. «Kürzlich rief mich ein Mann aus der Innerschweiz an, der den ‹Roten Löwen› suchte», erzählte Peter Hägler, einer der vielen Klosterführer und Geschäftsführer der Stiftung Geschichte Muri.

Hägler musste dem Mann mitteilen, dass er leider einem Phantom nachjage und der Gasthof schon lange Geschichte sei. Brühlmann klärte seine Zuhörer auf: Der «Rote Löwen» diente von 1703 bis 1841 dem Kloster als «Weibergästehaus». Dort konnten Schwestern, Tanten, Mütter und Grossmütter der Mönche logieren, wenn diese einen ihrer Verwandten im Kloster besuchten. Nach der 1841 handstreichartig vollzogenen Aufhebung des Klosters richteten die Salesianer in diesem Haus die Don-Bosco-Anstalt, eine christlich orientierte Handwerkerschule, ein.

Das Gebäude wurde stark umgebaut und, nachdem der Schulbetrieb geschlossen werden musste, weil den Salesianern das Geld ausgegangen war, 1912 zum berühmten Gasthof, in dem viele alte Murianer, auch die Soldaten im Aktivdienst, erholsame Stunden zubrachten. Der Eigentümer des «Roten Löwen», der Metzgermeister Jean Villiger, war vielseitig begabt. Er gründete das lokale Elektrizitätswerk.

«Auf Schritt und Tritt trifft man in Muri auf die Spuren, die Villiger im Dorf hinterlassen hat», meinte Josef Brühlmann. In den Vierzigerjahren lief die Zeit des «Roten Löwen» oder des «Weissen Hauses», wie man den Gasthof in Muri im Volksmund auch nannte, ab. Die Pflegi kaufte das Gebäude und liess es abbrechen.

Schon im 17. und 18. Jahrhundert veränderten zwei Murianer Äbte die Klosteranlage massiv. Nach der Klosteraufhebung, 1841, befahl der aargauische Kantonsbaumeister, dass die Klostermauern gekröpft werden müssten. In Aarau wollte man die Erinnerung an das Kloster möglichst klein halten.

Aber die grössten Veränderungen hinterliess der verheerende Klosterbrand, dem 1889 das ganze Gebäude mit der Abtskapelle und der Bibliothek zum Opfer fiel. «Zum Glück verbrannten nicht die vielen Bücher in der Bibliothek. Diese befanden sich seit der Klosteraufhebung bereits in Aarau», erklärte Brühlmann.

Aber die Flammen verschonten die sechs zum Hauptaltar in der Klosterkirche gehörenden Bilder nicht. Die Klosterruine wurde renoviert und zur Pflegi umgebaut. Ein Jahr nach dem Klosterbrand verschwand die Magdalena-Kapelle. Sie nun wurde abgebrochen. Den alten Kapitelsaal des Klosters baute man zur Sakristei um.

In grössere Umbauten wurden auf dem Klosterareal die «Vordere Föhn» («Föhn» steht für den französischen Ausdruck «Foin», deutsch: Heu), früher ein Lagerhaus des Klosters, und die «Hintere Föhn», das klösterliche Rüstzeughaus, verwickelt.

Auch im Kreuzgang ist das alte Erscheinungsbild nicht mehr vollständig: Zwei Heiligenbilder aus dem 17. Jahrhundert mussten, weil sie stark beschädigt waren, 1957 aufgegeben werden.

Ganz aus der Klosterkirche verschwunden ist das «Armesünderbänkli», das Brühlmann als Schüler noch kannte und beim Kirchgang benützen musste. «Es war zum Sitzen und zum Knien etwa gleich unbequem. Trotzdem tut es mir leid, dass man das Bänklein aus der Kirche entfernt hat. Es hat historischen Wert.»

Aktuelle Nachrichten