150 «Knutschkugeln» aus der Nachkriegszeit – BMW Isettas, Messerschmitt und Heinkel Kabinenroller, Fulda- und Goggomobils und viele weitere einst bekannte Marken – können an drei Tagen rund um die Wohler Bleichi, auf Ausfahrten in der Region oder am Sonntag, 29. April, am GP Mutschellen bestaunt werden.

Das Treffen findet seit 1976 in der Regel alle vier Jahre statt, und seit damals stehen die gleichen Leute hinter dem Anlass – eine engagierte, eingeschworene Truppe um den Sarmenstorfer Bernhard Taeschler.

Alles Micro-Car-Fans mit viel Benzin und Zweitaktöl im Blut. «In den 70er-Jahren haben sich ein paar gute Freunde jeweils am Donnerstag im Hotel Delphin in Meisterschwanden zu einem ‹Herrenabend› getroffen, über Gott und die Welt diskutiert und natürlich Benzingespräche geführt», erinnert sich Taeschler an den Ursprung des heutigen Grossanlasses.

Knutschkugel löst Boom aus

Er habe damals in St. Gallen studiert und dort einen Messerschmitt Kabinenroller entdeckt und spontan gekauft: «Das Ding war zwar in einem desolaten Zustand, aber immerhin habe ich es damit von St. Gallen nach Sarmenstorf geschafft», lacht Taeschler im Rückblick.

Seine Mutter habe beim Anblick des kleinen Gefährts zu ihm gesagt: «Jetzt spinnsch!» Doch bei seinen Kollegen hätte die Knutschkugel pure Begeisterung ausgelöst: «Praktisch alle machten sich umgehend auf die Suche nach ähnlichen Gefährten, und bald standen an unserem Herrenabend nicht mehr alte rostige Peugeots auf dem Delphin-Parkplatz, sondern Messerschmitts, BWM-Isettas und Heinkel. Die meisten davon in einem eher schlechten Zustand, aber dafür waren diese Gefährte zu jener Zeit noch für wenig Geld zu haben.»

Es habe sich eine richtige Dynamik entwickelt. Man habe gemeinsam nach Kabinenrollern gesucht und sie auch mit vereinten Kräften restauriert.

1976 gab es ein erstes Treffen am Hallwilersee: «Vor dem Hotel Delphin standen knapp vier Dutzend Micro Cars, die meisten aus der Schweiz, aber auch ein paar aus Deutschland. Weil mich der Virus gepackt hatte und ich mich überall über die Ursprünge dieser Autos informierte, hatte ich recht schnell auch Kontakt zur damals noch kleinen internationalen Szene gefunden.»

Im Gegensatz zu heute, wo die meist perfekt restaurierten Gefährte auf Anhängern oder in Transportern zu den Treffen gebracht werden, sind vor 42 Jahren noch alle aus eigener Kraft ins Seetal gerollt: «Ich mag mich an einen Studenten erinnern, der mit einem Fulda-Mobil vorgefahren ist und darin sogar übernachtet hat, zusammen mit seinem Hund», lacht der Sarmenstorfer.

Ein Stück Nachkriegsgeschichte

Seither hat Bernhard Taeschler zehn weitere Treffen organisiert, auch beim bevorstehenden insgesamt elften Anlass ist er OK-Präsident.

Die anfängliche Begeisterung für die kleinen Autos ist zur grossen Leidenschaft geworden: «Ich interessiere mich seit je allgemein für Autos, und in meiner Garage stehen auch ‹normale› Oldtimer, unter anderem eine Mercedes-S-Klasse-Limousine mit Jahrgang 1977. Micro Cars sind für mich aber nach wie vor etwas Besonderes. Es ist einfach faszinierend, dass beispielsweise ein Messerschmitt mit knapp 240 Kilo Gewicht und 200-ccm-Motor nicht nur fährt, sondern sogar eine Geschwindigkeit von rund 100 km/h erreicht.»

Was Taeschler auch gefällt, ist die Beachtung, welche den kleinen Wagen zuteil wird: «Schon damals haben wir mit den Micro Cars auf unseren regelmässigen Ausfahrten viel Aufsehen erregt, und bis heute bleiben die Leute am Strassenrand stehen und winken uns zu, wenn wir vorbeifahren.»

Als Unternehmer interessiert ihn aber auch der wirtschaftliche Hintergrund: «Die Geschichte der Micro Cars widerspiegelt auf eine faszinierende Weise auch das deutsche Wirtschaftswunder der Nachkriegszeit.

Es gab kaum Rohstoffe, man hat aus dem, was verfügbar war, ein Land mobil gemacht und Arbeitsplätze geschaffen.» Mit den Kabinenrollern sei nicht zuletzt auch eine Transportmöglichkeit für Kriegsversehrte geschaffen worden: «Man konnte ab Werk Fahrzeuge für Menschen mit den verschiedensten Behinderungen bestellen. Es gab solche mit Handbremse und Handgas oder solche, die so konstruiert waren, dass sie auch von Leuten gefahren werden konnten, die nur noch einen Arm hatten.»

Der Tiger von Herrn Hampe

Bernhard Taeschler ist durch sein Interesse an den Fahrzeugen und auch wegen seiner Kontaktfreudigkeit rasch zu einer bekannten Grösse in der europäischen Micro-Car-Szene geworden.

Das zeigt auch die Geschichte, wie er in den Besitz seines FMR TG 500, des legendären Messerschmitt Tigers, gekommen ist: «Ende der 50er-Jahre ging die Ära der Kabinenroller zu Ende, weil immer mehr sogenannte Volkswagen auf den Markt kamen, die für Normalsterbliche erschwinglich waren und nicht mehr nur zwei, sondern vier bis fünf Personen Platz boten. Die Produktion des Tigers war ein letztes Aufbäumen von Messerschmitt. Er wurde mit 500-ccm-Zweizylinder-Motor für eine Rennserie konstruiert und hat mächtig für Aufsehen gesorgt. Den Niedergang von Messerschmitt als Autoproduzent hat er jedoch nicht mehr aufhalten können», erklärt Taeschler.

Weil vom Tiger nur etwa 280 Stück produziert worden sind, galt er schon in den 80er-Jahren als absolute Rarität und war entsprechend gesucht. «1983 war in Hamburg ein solches Fahrzeug ausgeschrieben. Ich habe mich sofort darum bemüht, war aber lediglich einer von rund 200 Interessenten. Der Besitzer, ein Herr Hampe, hat dennoch den Preis des Fahrzeuges nicht nach oben getrieben, sondern mir den Zuschlag gegeben. Er kannte mich vom zweiten Treffen, das wir 1982 im Seetal organisiert hatten, und war überzeugt, dass der Tiger bei mir in gute Hände komme.»

Ein Ende ist nicht abzusehen

Herr Hampe habe den Tiger damals eigenhändig von Hamburg nach Sarmenstorf gebracht, wo das Gefährt seither liebevoll gepflegt wird und heute ein Vielfaches von dem wert ist, was Bernhard Taeschler damals dafür bezahlt hat. Gerade eben hat der mittlerweile 59 Jahre alte Flitzer die MFK einmal mehr bestanden, und Ende April wird ihn sein Besitzer am elften Micro-Car-Treffen mit Stolz präsentieren.

Es ist mittlerweile seine einzige «Knutschkugel». «Ich habe über die Jahre einige Kabinenroller gekauft, restauriert, gegen andere Fahrzeuge getauscht oder sie an Leute verkauft, welche die Leidenschaft für Kleinwagen mit mir teilten. Inzwischen habe ich etwas zurückgesteckt. Denn nicht nur mein Tiger wird immer älter», lacht Bernhard Taeschler und antwortet auf die Frage, wie lange er das Micro-Car-Treffen noch organisieren will: «Ich weiss es wirklich nicht. Aber sicher so lange, wie ich auf die eingeschworene Truppe zählen kann, die seit 1976 immer wieder viel Aufwand und Freizeit in diesen Anlass investiert.