Wohlen

Als die Krankenkasse noch 80 Rappen pro Monat kostete

Die Gemeinde betrieb hinter der Armenanstalt an der Jurastrasse ein kleines Krankenasyl (rechts hinten im Bild). ORTSGESCHICHTE WOHLEN

Die Gemeinde betrieb hinter der Armenanstalt an der Jurastrasse ein kleines Krankenasyl (rechts hinten im Bild). ORTSGESCHICHTE WOHLEN

Die Donnerstagsgesellschaft und der Gewerbeverein waren an sozialen Errungenschaften beteiligt.

Fortschrittliche Männer sorgten im 19. Jahrhundert in Wohlen für soziale Errungenschaften, nämlich für eine Ortskrankenkasse und eine Lokalbank. Die 1867 gegründete Donnerstagsgesellschaft, die sich zum Gedankenaustausch und zu Vorträgen traf, wandte sich 1868 an den Gemeinderat und regte einen Gewerbeverein und eine Spar- und Leihkasse an. Aus der Donnerstagsgesellschaft heraus entstand letztlich auch die Volksbibliothek, die Vorläuferin der Gemeindebibliothek.

Für alle Kreise offen

Die vom reichen Fabrikanten Josef Bruggisser gespeiste und bereits existierende Dienstbotenkrankenkasse war nur einem beschränkten Kreis zugänglich. Der Gewerbeverein ging weiter und gründete 1878 eine Krankenkasse, die allen Bevölkerungskreisen offen stand. Wohlen bot sich mit seinen vielen Arbeitern in der Strohindustrie geradezu an. Im Gründungsjahr zählte die Krankenkasse 30 Mitglieder. Dem ersten Vorstand gehörten Bezirksrichter Robert Vock als Präsident, der Schuster Josef Hübscher als Vizepräsident, Johann Meyer als Aktuar, der Schneider Daniel Erni als Kassier und der Baumeister Emil Dubler als Mitglied an.

Der Mitgliederbeitrag betrug anfangs 80 Rappen im Monat. Pro Krankheitstag zahlte die Kasse 1.50 Franken, Arzt und Apotheke gingen zulasten des Mitgliedes. Wenn nur ein bis zwei Arztbesuche und ebenso viele Mixturen notwendig waren, übernahm die Kasse anstelle des Taggeldes aber die Arzt- und Apothekerkosten.

Eine getrennte Sterbekasse vergütete den Angehörigen eines Verstorbenen einen Beitrag an die Begräbniskosten von 10 bis 100 Franken, je nach Dauer der Mitgliedschaft. Die Kasse nahm, um das Geschäftsrisiko einzuschränken, nur Mitglieder unter 60 Jahren auf. Geisteskranke oder solche, die an «geheimen oder chronischen Übeln» litten, und Säuglinge versicherte sie nicht. Man war auf gesunde Leute erpicht oder auf solche, von denen man annehmen konnte, sie würden gesund bleiben. Auch die Mitglieder der Kammergesellschaft wurden nicht in die Kasse aufgenommen, weil dem Vorstand der Gesundheitszustand der Kammerherren unbekannt war.

Ein Spital mit vier Betten

Dank einem Legat des Fabrikanten Johann Bruggisser konnte hinter der Armenanstalt an der Jurastrasse 1880 ein Krankenasyl mit vier Betten eröffnet werden. Zwei Schwestern pflegten die Kranken. Nicht alle Patienten liessen sich gerne in diesem «Spital» behandeln. Sie befürchteten, in den Verruf zu kommen, dass sie im Armenhaus und nicht im Spital gewesen seien. Das Krankenasyl bestand nur wenige Jahre. 1885 steckte ein Geistesgestörter das Armenhaus in Flammen. Die obdachlos gewordenen Menschen zügelten in der Not ins ehemalige Spital, das damit aufgehoben wurde. Der Vorstand der Krankenkasse musste in der Folge die Mitglieder davon überzeugen, sich im 1887 eröffneten Kantonsspital Aarau pflegen zu lassen. Den letzten Widerstand unter den Kassenmitgliedern brach die Zusicherung, es werde im Kantonsspital «erst zu Messer und Säge gegriffen, wenn die durch die neuere Wissenschaft und Forschung entdeckten Mittel erfolglos geblieben sind».

Lange verharrten die Prämieneinnahmen und die Pflegekosten auf einem tiefen Niveau. Schrittweise ging die Zahl der Mitglieder herauf: 1916 auf 200, 1936 auf 300 und 1946 auf 500 Mitgliedern. Nach dem Zweiten Weltkrieg schossen Einnahmen und Ausgaben in die Höhe. 1976 zählte die Krankenkasse 900 Mitglieder, ein Jahrzehnt vorher 1000. Die Krankenkasse erlebte 1978 noch ihren 100. Geburtstag. Dann sie ihre Selbstständigkeit auf und schloss sich der Krankenversicherung Sanitas an.

Guter Deal mit der Sanitas

«Der Deal mit der Sanitas war für die Krankenkasse vorteilhaft», bestätigt der pensionierte Versicherungsberater Werner Dubler, der ebenfalls im Krankenkassenvorstand mitgearbeitet hat. Die Krankenkasse war an sich solid finanziert, zumal ihr neben den Einzelmitgliedern auch einige Firmen als Kollektivmitglieder beitraten. Hans Hochstrasser und der damals aktive Vorstand hätten die Zeichen der Zeit aber erkannt und den Weg zur Sanitas rechtzeitig geebnet.

Quellen: «100 Jahre Handwerker- und Gewerbeverein 1887-1987» (Beitrag von Anton Wohler). – Ernst Sturzenegger/Adelbert Hübscher: Geschichte der Krankenkasse Wohlen 1878-1978.

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