Freiamt
Als der Aargau die begabten Freiämter entdeckte

Vor 50 Jahren wurde in Wohlen das Lehrerseminar gegründet, 1980 entstand daraus die Kantonsschule. Heute besuchen 850 Schüler die in den letzten Jahrzehnten immer wieder erweiterte Kantonsschule.

Jörg Baumann
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Die ersten beiden Klassen, die im Lehrerseminar in Wohlen ausgebildet wurden. In der Mitte Marlyse Gfeller (heute Taeschler-Gfeller), die Lehrerin in Sarmenstorf wurde.

Die ersten beiden Klassen, die im Lehrerseminar in Wohlen ausgebildet wurden. In der Mitte Marlyse Gfeller (heute Taeschler-Gfeller), die Lehrerin in Sarmenstorf wurde.

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Lange musste das Freiamt auf ein eigenes Lehrerseminar warten. Erst vor 50 Jahren, am 31. Oktober 1965, stimmte das Aargauer Volk der Errichtung einer Zweigschule von Wettingen in Wohlen zu. Im Frühling 1966 wurde in den drei im Eiltempo aus Durisol-Fertigbauelementen erstellten Pavillons mit 30 Schülerinnen und Schülern der Unterricht aufgenommen. Das Lehrerseminar hatte allerdings nicht lange Bestand. Bereits 14 Jahre später wurde daraus die Kantonsschule Wohlen. Die Lehrerausbildung wurde dadurch verlängert. Die zukünftigen Lehrer brauchen heute zuerst die Maturität und müssen dann an einer Pädagogischen Hochschule weiterstudieren.

Vorerst war das Lehrerseminar in Wohlen noch eine Zweigschule des Seminars Wettingen. Diese leitete August Süsstrunk (1915–1994), Rektor in Wettingen, im Nebenamt. «August Süsstrunk war so freundlich, am Samstag nach Unterrichtsschluss die Schülerinnen vom Mutschellen mit seinem Auto, einem noblen Rover, heimzufahren», erinnert sich die ehemalige Seminaristin Susanne Stucki aus Widen, die anschliessend als Lehrerin in Sarmenstorf wirkte. Das Seminar Wohlen wurde 1969 selbstständig. Erster Direktor wurde der frühere beliebte Bremgarter Bezirkslehrer und Historiker Eugen Bürgisser (1909–2000).

Wie kam es zur Gründung des Lehrerseminars in Wohlen? In den Sechzigerjahren herrschte im Aargau Lehrermangel. Das bewog den Regierungsrat, den Bau des Lehrerseminars in Wohlen voranzutreiben. Wertvolle Grundlagenarbeit lieferte die Arbeitsgruppe Mittelschule Freiamt unter dem Vorsitz des Wohler Sekundarlehrers und Grossrates Fritz Stäuble, der auch zu den Gründern der Volkshochschule Wohlen gehört hatte. Auf der politischen Ebene setzte sich der Murianer Politiker Leo Weber (1920–1995), von 1961 bis 1965 Grossrat, von 1965 bis 1976 Regierungsrat und von 1976 bis 1987 Nationalrat, zusammen mit Grossrat Werner Schär aus Zofingen im kantonalen Parlament für den Bau von Mittelschulen ausserhalb der Zentren auf dem Land ein.

Das Freiamt sollte als Begabtenreserve erschlossen werden. Mit der Eröffnung des Lehrerseminars in Wohlen eröffnete sich für alle Freiämter Bezirksschüler die Chance, ihre Lehrerausbildung in der Nähe zu absolvieren. Für das Seminar stellte die Gemeinde Wohlen das Land beim Schwimmbad und im Schulhaus Bünzmatt die Turnhalle, den Turnplatz, den Singsaal und die Handfertigkeitsräume zur Verfügung. Das Raumprogramm der Schule beschränkte sich in den ersten Jahren auf das Notwendigste: Es umfasste nur vier Lehrzimmer, die physikalische Sammlung mit einem Praktikumsraum, einen Arbeitsraum für Biologie und Geografie und ein Chemielabor, dazu den Zeichensaal, das Rektoratszimmer, das Lehrer- und Konferenzzimmer und den Schüleraufenthaltsraum. Die Gebäudekosten betrugen 1,575 Millionen Franken. «Der Betrag ist hoch», stellte der Regierungsrat 1965 in seiner Botschaft an den Grossen Rat fest. Aber Fertigelementbauten seien nicht wesentlich billiger als Massivbauten. Aber diese könnten bei Bedarf wieder abgebaut und verschoben werden.

Bei der Gesamtsanierung der Pavillonbauten mussten die Durisol-Elemente 40 Jahre später bis auf die Stahlskelettkonstruktion herausgebrochen und als Sondermüll entsorgt werden, weil sie Asbest enthielten. «Zudem zeigte sich, dass die Elemente zu wenig tragfähig waren, denn die Gebäude mussten nun erdbebensicher sein», sagt der Architekt Stefan Hegi vom Wohler Büro Hegi Koch Kolb Partner, das die Gesamtsanierung ausführte. «Ich habe mich dafür eingesetzt, dass die Pavillons erhalten blieben. Denn sie sind Zeugen einer damals aktuellen, für mich wertvollen Schulhausarchitektur. Heute baut man Schulhäuser gewöhnlich viel kompakter.»

Nicht nur die Seminaristen aus dem Freiamt betraten im neu eröffneten Seminar in Wohlen Neuland, sondern auch die noch wenigen jungen Lehrkräfte. Der Physik- und Mathematiklehrer Konrad Horlacher kaufte für die Schule den ersten Computer an einer Aargauer Mittelschule. Das war ein riesiges Möbel, das viel weniger konnte als die viel kleineren Computer von heute und trotzdem die Unsumme von 12 000 Franken kostete. Das Geld dafür bettelte Horlacher bei Privaten und Firmen zusammen. Der Deutsch- und Geschichtslehrer Alfons Bühlmann erinnert sich daran, dass die Schülerinnen und Schüler «gut durch die aufrührerischen 68er-Jahre gekommen seien». «Denn wir waren am Anfang eine kleine Schule. Das erwies sich als Vorteil.» Diese Zeiten sind endgültig vorbei. Zurzeit besuchen 850 Schülerinnen und Schüler die in den letzten Jahrzehnten immer wieder erweiterte Kantonsschule.