Seit 50 Jahren stillt die Volkshochschule Wohlen den Durst vieler wissbegieriger Menschen. «Wir haben damals klein angefangen», erinnert sich Alfreda Kron (88), von 1959 bis 1987 Bezirksschullehrerin für Chemie, Physik und Mathematik in Wohlen. Die Lehrerin drückte der Volkshochschule in den Gründerjahren als Präsidentin den Stempel auf, zusammen mit ihren Mitstreitern in der Programmkommission, den Bezirkslehrern Anton Wohler, dem Gründungspräsidenten der Volkshochschule, und Kurt Hartmann sowie dem Sekundarlehrer Fritz Stäuble.

Ein bescheidenes Honorarbudget

«Unsere finanziellen Mittel an der Volkshochschule waren äusserst bescheiden. Wir konnten den Referenten nur ein kleines Honorar zahlen. Trotzdem kamen sie immer gerne nach Wohlen», berichtet Alfreda Kron. Denn hier trafen die Dozenten auf ein Publikum, das damals noch nicht dem Fernsehen und vielfältigen Arten der Zerstreuung verfallen war und deshalb freudig das aufnahmen, was sie Neues aus der Welt der Wissenschaft, der Literatur oder der Kunst lernen konnten.

Die Volkshochschule hatte in Wohlen eine Vorläuferin, die kulturelle Vereinigung «Kultur im Dorf», die seit 1943 damals bekannte Schriftsteller wie Louis de Wohl, Josef Reinhart und Werner Bergengrün, aber auch General Guisan nach Wohlen brachte. Alfreda Kron begriff ihren Bildungsauftrag an der Volkshochschule so, wie sie auch ihre Schülerinnen und Schüler an der Bezirksschule unterrichtete: mit dem Anspruch, im Kursangebot ein hohes Niveau zu halten, sich aber nicht in den Wolken zu verlieren. Es lag ihr viel daran, dass ein unterschiedlich gebildetes Publikum den gebotenen Stoff verstand und begriff.

Das erste Volkshochschulprogramm bot vier Zyklen mit je fünf Vorträgen zu den Wissensgebieten Medizin, Literatur, Naturwissenschaften, Technik und Kunst. Dazu wurde ein Bastelkurs angeboten. Das passte zu der vielseitig interessierten Bezirksschullehrerin. «Schon mein Vater hat mich und meine Schwester in die klassische Literatur eingeführt. Er las uns aus den Büchern vor, die in seiner grossen Bibliothek standen», erinnert sich Alfreda Kron. Für die klassische Musik konnte sie sich auch schon früh begeistern. Obwohl sie Klavierunterricht nahm, habe ihr Talent aber nicht ausgereicht, um in der Musik höhere Ziele anzupeilen.

Ihre grosse Liebe gehört den Mineralien. Aus ausgesuchten Steinen und Muscheln stellte sie früher Halsketten und Ohrringe her – für sich und eine Kundschaft, die richtiges Kunsthandwerk noch zu schätzen wusste. In den letzten Jahren ist diese Freizeitbeschäftigung etwas in den Hintergrund geraten. «Ich will wieder einmal einen Versuch wagen, sobald es mir etwas besser geht», sagt Alfreda Kron. Sie muss sich aber von einem schweren Sturz erholen, bei dem sie den linken Arm brach und die Beine verletzte.

Einzige Frau an der Bez Wohlen

Aufgewachsen in Zagreb, studierte Alfreda Kron nach einer abenteuerlichen Flucht in die Schweiz an der Uni Fribourg Mathematik, Physik und Chemie. Später erwarb sie den Doktorhut in Mineralogie und Petrografie. Um zusätzlich Geld zu verdienen, nahm sie in der Schweizerischen Sprengstofffabrik Dottikon einen Nebenjob als Sprachlehrerin an. «Ich brachte dem Kader und den Angestellten Italienisch bei», erzählt sie.

So konnte die Vielsprachige eines ihrer Talente nutzen. «An der Bezirksschule habe ich auch einmal meinen Lehrerkollegen Robert Stäger als Italienischlehrerin vertreten», erinnert sie sich. An der Bezirksschule sei sie 1959 als damals einzige Frau nach der legendären Naturkunde-, Geografie- und Mathematiklehrerin Anna Turnherr gut aufgenommen worden. Noch gut erinnert sie sich an das Vorstellungsgespräch, an dem Schulpfleger Walter Meyer und Schulpflegepräsident Viktor Wendelspiess teilnahmen.

«Ich war Sekundarlehrerin in Klingnau und fuhr zur Antrittsvisite bei der Schulpflege mit dem Zug nach Wohlen. Am Bahnhof musste ich die Leute zuerst nach dem Weg zum Bezirksschulhaus fragen.»

Die Lehrerin verlangte Disziplin

Im Lehrerteam fühlte sich Alfreda Kron wohl. Denn wie ihre männlichen Kollegen hielt auch sie auf Disziplin beim Lernen. Sie verlangte viel von ihren Schülern, versuchte diese aber auch in ihrer Eigenart zu verstehen und ihnen zu helfen. «Ich war sehr gerne Lehrerin», bemerkt sie. Mit einigem Genuss wird sie später festgestellt haben, dass unter den nun erwachsenen Zuhörern an der Volkshochschule auch ehemalige Schüler sassen, die sich an ihre strenge, im Innersten aber verletzliche, humorvolle und feinfühlige Lehrerin erinnerten.