Historisch
Ähnliche Probleme wie heute: Wohlen hatte schon 1877 ein Defizit

Blickt man in die Finanzen der Gemeinde Wohlen, lassen sich in vergangenen Zeiten Parallelen zu heute finden – die Armenfürsorge belastete den Haushalt am stärksten.

Jörg Baumann
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Am meisten Geld musste die Gemeinde im 19. Jahrhundert für den Schul- und Armenfonds ausgeben.

Am meisten Geld musste die Gemeinde im 19. Jahrhundert für den Schul- und Armenfonds ausgeben.

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Für die Armen gab die Gemeinde Wohlen 1877, in einem Dorf mit 2600 Einwohnern, gerade mal 12 650 Franken aus. Nur knappe 140 Jahre später geht der Aufwand allein für die soziale Sicherheit in die Millionen. Im Budget 2015 sind dafür 12,8 Millionen Franken eingestellt.

Wer zurückblickt und das Gemeindebudget von damals mit dem von heute vergleicht, muss vorsichtig sein. Vergleiche hinken. Die Löhne und die Lebenskosten waren eklatant tiefer. Die meisten Menschen mussten mit ihrem kargen Verdienst jeden Rappen umdrehen, bis sie ihn ausgeben konnten. Interessant ist, dass der nebenamtliche Armenpfleger 1877 nur 300 Franken im Jahr verdiente, während die drei Hauptlehrer an der Bezirksschule mit total 6000 Franken besoldet waren.

Am meisten Geld musste die Gemeinde im 19. Jahrhundert für den Schul- und Armenfonds ausgeben. Die Gemeinde übernahm die Besoldung der Lehrkräfte, wie sie auch genötigt war, den Armenfonds immer wieder zusätzlich zu speisen. Denn die Ausgaben waren grösser als die Einnahmen. Bei besonders hohen Ausgaben, wie etwa beim Kauf des Armenhauses, verkaufte die Gemeinde Holz aus dem Gemeindewald. Da kein eigentliches Armengut vorhanden war, mussten die Armenlasten fast vollständig durch die ausserordentlichen Steuern auf dem Bürgervermögen gedeckt werden.

Vier Einnahmequellen

Die Gemeinde konnte, um die Unkosten zu bestreiten, auf vier verschiedene Einnahmequellen zurückgreifen. Die Wichtigste war der Ertrag des verpachteten Gemeindelandes. Allerdings war die Zahlungsmoral der Landpächter derart schlecht, dass oft über jahrelange Ausstände Klage geführt wurde und die verantwortlichen Einzüger sich weigerten, bei den renitenten Pächtern immer und immer wieder vorzusprechen, heisst es in der von Anne-Marie Dubler mitverfassten Dorfgeschichte.

Die Rechnungen der Ortsbürgergemeinde und der Einwohnergemeinde wurden schon damals getrennt geführt. Die Ortsbürgerverwaltung rechnete im Budget 1877 mit Einnahmen von Fr. 6483.20 und Ausgaben von 6486 Franken – ergibt ein Defizit von Fr. 2.80. Die Rechnung der Einwohnergemeinde umfasste die Kirchenkasse, in der Einnahmen von 2157 Franken und Ausgaben von 4447 Franken budgetiert wurden, dann die Gemeindeschulkasse, auch diese mit einem Defizit von Fr. 3693.70, schliesslich die Rechnung der Bezirksschule mit Mehrausgaben von Fr. 4043.85 und die Polizeikasse mit einem Defizit von Fr. 21 845.67.

Über die Polizeikasse wurden interessanterweise nicht nur die Löhne des Säckelmeisters (170 Franken), des Gemeindeschreibers (400 Franken) und des Zivilstandsbeamten bezahlt, der 125 Franken mehr verdiente als der Gemeindeschreiber, sondern auch das Wartegeld für drei Hebammen (Fr. 104.10) und die Besoldungen der zwei Polizeidiener (500 Franken) und des Werkführers (ebenfalls 500 Franken). Total budgetierte der Gemeinderat für das Jahr 1877 ein Defizit von Fr. 33 244.97.

Sorgfältiger Umgang

Also sorgte man sich schon damals darum, wie der Gemeindehaushalt alimentiert werden konnte. Allerdings konnte die Gemeinde immer wieder auf das im unversehrt erhaltenen Landbesitz und in den kommunalen Gebäuden liegende Vermögen zurückgreifen. Die Geschäftserfahrung der Repräsentanten aus der Strohindustrie sorgte, so Anne-Marie Dubler, zudem dafür, dass die Gemeinde mit ihren bescheidenen Mitteln sorgfältig umging.