«So schlimm wie in diesem Jahr war’s noch nie», sagt Heinz Fischlin, Leiter der Abteilung Bau und Planung auf der Gemeindeverwaltung in Muri. «An manchen Tagen war die Strasse schneeweiss vom Krähenkot.» Die Rede ist vom direkten Zugang zum Bahnhof Muri via Nordklosterrain. Vom Zebrastreifen an und unter den Bäumen hindurch, die vom Park der Villa Wild übers Trottoir hinausragen, müssen sämtliche Strassenbenützer damit rechnen, eine Ladung Saatkrähenkot abzukriegen. Seit einigen Jahren schon leben die intelligenten und anpassungsfähigen Rabenvögel im Pflegipark und auf dem Bahnhofgelände. Weil sie da die für ihren Nestbau idealen, gut verzweigten Bäume finden, haben sich die Kolonien stetig vergrössert. Das spricht zwar für lebensfreundlichen Bedingungen vor Ort, ärgert aber die Passanten und Verkehrsteilnehmer, die ohne Rücksicht auf teure Textilien und edle Autolacke von oben herab beschossen werden.

Wen wundert’s, dass sich derart Angeschissene mit einer Stinkwut beim Besitzer des Grundstücks mit den Krähenbäumen melden? Das wäre im Falle der Villa Wild die Gemeinde Muri und dahin wiederum die Abteilung Bau und Planung. «In den Monaten März, April und Mai hatten wir jede Woche ein paar Anrufe, Mails oder Briefe, worin sich die Leute bei uns beschwert haben über den Dreck, der da auf sie runterfällt», erzählt Heinz Fischlin. «Einige haben sogar Schadensersatz von der Gemeinde verlangt, darauf konnten wir aber nicht eingehen. Aber meine Mitarbeiter und ich haben jede Reklamation persönlich beantwortet. Manchmal wussten wir kaum mehr, wo wehren.»

Schon vor zwei Jahren hat Fischlin den Gemeinderat auf das Problem mit der Saatkrähenkolonie aufmerksam gemacht. Diesmal hat er die Initiative ergriffen und hat sämtliche Unterlagen studiert, die zu einer Lösung des Problems führen sollen. «Ich habe die Empfehlungen der Vogelwarte Sempach gelesen und mit verschiedenen Spezialisten Kontakt aufgenommen», beteuert Fischlin, «aber was da vorgeschlagen wird, hilft höchstens kurzfristig. Das wurde mir auch von Fachleuten bestätigt.» Deshalb hat er dem Gemeinderat die einzig wirksame Massnahme empfohlen: Es müssen mindestens zwei der Bäume gefällt werden, in denen die Krähen nisten. Keine Bäume, keine Nester, kein Kot – keine Reklamationen mehr. Eine einfache Rechnung. Dem Gemeinderat hat sie gepasst. Er hat gestern in einer Pressemitteilung darüber informiert, dass «als Massnahme im Herbst 2018 vereinzelte Bäume im Bereich des Fussgängerstreifens zum Bahnhof auf der Parzelle der Villa Wild gefällt oder ausgelichtet werden». Sonst solle nichts gegen die Vögel unternommen werden, sagt Heinz Fischlin, denn innerhalb der Parks und auch sonst störten sie ja niemanden.

Hauptsache zusammen brüten

Livio Rey, Mediensprecher der Schweizerischen Vogelwarte in Sempach, bestätigt, dass der Bestand an Saatkrähen in der Schweiz in den vergangenen Jahren vor allem im Mittelland stark gewachsen sei: «Wir reden von rund 7000 Brutpaaren in der Schweiz.» Natürlich könnten die Vögel nicht mehr brüten, wenn die Bäume weg seien, «nur dann verteilen sie sich einfach auf andere Orte.» Es gäbe verschiedene Massnahmen, die Krähen zu vertreiben (Merkblatt auf der Website www.vogelwarte.ch), aber solange die Lebensgrundlagen für sie stimmten, blieben sie. Die Grösse der Kolonie spiele dabei nicht eine so grosse Rolle. Nur alleine brüten, so wie ihre Verwandten, die territorialen Rabenkrähen, das wollen sie nicht.

Während der Schonzeit vom 16. Februar bis zum 31. Juli sind Saatkrähen geschützt. Dieser Schutz umfasst neben den Altvögeln auch Nester und Jungvögel. Somit dürfen die Krähen noch brüten, wo und wann sie wollen. Da die Bäume im Park der Villa Wild unter keinerlei Schutz stehen, dürfte der Fall klar sein. Es sei denn, es bildet sich ein ähnlicher Widerstand gegen die Massnahme wie Anfang dieses Jahres in Aarau.

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