ADHS – Was «Struwwelpeter» zeigt

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Die Schweizerische Fachgesellschaft ADHS erklärt das Syndrom so: «Seit über 30 Jahren wird in den USA unter dem Begriff die obligat im Kindesalter beginnende häufige Verhaltens- und Lernstörung verstanden, die der Frankfurter Psychiater Heinrich Hoffmann bereits im 19. Jahrhundert im berühmten ‹Struwwelpeter› in all seinen typischen Erscheinungsformen beschrieben hat.» Seit Beginn des 20. Jahrhunderts werde betont, dass als Ursache eine angeborene Konstitution und nicht etwa eine schlechte Erziehung oder ungünstige Umweltbedingungen im Vordergrund stehe. «Lange wurde ADHS als eine auf das Kindesalter beschränkte Entwicklungsstörung betrachtet. Heute ist wissenschaftlich belegt, dass auch Erwachsene weiter unter dieser Störung leiden können. Die Aufmerksamkeitsprobleme halten an oder werden erst jetzt belastend.» Auch treten bei ADHS-Patienten viel häufiger Zweiterkrankungen wie Depressionen, Angst- und Sucht-Erkrankungen auf. Auch das Auftreten von Dissozialität und Kriminalität sei «nicht selten». «Andererseits sind viele ADHS-Betroffene häufig auch sehr kreative, spontane und originelle Persönlichkeiten.»

Die Frage, die im Umgang mit ADHS-betroffenen Kindern oft aufkommt, hat Stephan Rey der Spezialistin Ilona Maier gestellt: «Wie verhält sich die Situation bei Kindern, deren Abklärung auf ADHS positiv verläuft und die vor der Wahl stehen: Ritalin ja oder nein?» Maiers Antwort, die auch im Buch nachzulesen ist: «Ich bin in der Regel sehr zurückhaltend mit der Abgabe von Medikamenten, insbesondere bei Kindern. Eine ADHS/ADS-Diagnose bedeutet in meinen Augen auch nicht zwangsläufig eine Therapie mit Methylphenidat (Ritalin). Das ausschlaggebende Argument ist für mich der Leidensdruck des Kindes. Es gibt Kinder, die sehr viel Potenzial haben und dieses aufgrund ihrer ADHS-Symp­tomatik nicht umsetzen können. Wenn eine Diskrepanz vorliegt zwischen dem Leistungspotenzial und den erbrachten Schulleistungen, sollte man sich eine Medikation durchaus überlegen. Die Eltern müssen jedoch hinter der Medikation stehen können. Wenn das Kind die Unsicherheit der Eltern spürt, macht eine Medikation meines Erachtens keinen Sinn.» (aw)