1696: Ein gross gewachsener, hagerer Mann mit einem feuerroten Bart steigt in der Klosterkirche Muri aufs Baugerüst: Es ist Francesco Antonio Giorgioli. Giorgioli, ein Tessiner aus dem kleinen schmucken Dorf Meride, und sein Landsmann, der Stuckateur und Baumeister Giovanni Bat-tista Bettini, haben den grössten Auftrag erhalten, den das Kloster Muri zu dieser Zeit vergibt. Sie dürfen die neue Klosterkirche im neuen Stil jener Zeit, im Barock, bauen.

Zwei Jahre lang sind Giorgioli, Bettini und die anderen Bauarbeiter in Muri beschäftigt. Sie arbeiten hart, und sie arbeiten vor allem schnell. Denn schon 1697 wird die Klosterkirche fertig sein. Giorgioli malt nach Vorlagen 200 Fresken, vermutlich aber nicht im Alleingang, denn es lassen sich stilistische Unterschiede feststellen. Giorgioli wird dabei von Hilfskräften unterstützt, die am Boden die Pigmentfarben streichfähig zubereiten und sie dem Meister zudienen. «An seiner Maltechnik kann man Giorgioli immer wieder identifizieren», sagt der Murianer Architekt und Klosterführer Hardy Ketterer. «Giorgioli zeichnet sich besonders durch die so genannte Stricheltechnik aus. Er baute seine Bilder mit kleinen, kurzen Strichen auf.»

Der Stuckateur Bettini bereitet die Stuckfelder vor, Giorgioli malt sie mit flinkem Pinsel auf dem noch feuchten Kalkmörteluntergrund aus. So entsteht eine Freske nach der anderen, bis die 200 Bilder fertig sind.

80000 Franken für 200 Fresken

Als Giorgioli die Fresken in Muri malt, ist er nicht mehr der einfache Tessiner Wanderarbeiter, der nach Arbeit suchen muss. In der Klosterkirche Pfäfers kann er 1693 seinen ersten Grossauftrag an Land ziehen. Wegen seiner Arbeit in Pfäfers dürfte Giorgioli dem Abt empfohlen worden sein. Die treibende Kraft vermutet Giorgiolis Biografin, die Kunsthistorikerin Elisabeth Keller-Schweizer, im Stuckateur Bettini, mit dem Giorgioli schon in Pfäfers zusammengearbeitet hatte. Bettini muss mit seinem Freskenmaler sehr zufrieden gewesen sein und übernahm ihn für die Arbeit in Muri. Giorgioli war zur Bauzeit in Muri auch auf anderen Baustellen in der Pfarrkirche Baden und im Schlössli Schneisingen beschäftigt. Für die 200 Fresken erhielt Giorgioli 1074 Gulden Lohn. Der Klosterführer und pensionierte Polizeibeamte Hans Meier hat nachgerechnet: «Das wären heute 80000 Franken, wenn man davon ausgeht, dass ein Gulden 75 Franken wert wäre.»

110 Figuren in der Kirchenkuppel

Das Prunkstück Giorgiolis in Muri ist das grosse Deckenbild in der Mitte des Kuppelbaus. In luftiger Höhe, 25 Meter über dem Erdboden, bringt der Meister dort 110 Jungfrauen, Märtyrer, Bekenner, grosse Ordensheilige der Benediktiner, Patriarchen, Propheten, Apostel, Evangelisten und die Heilige Maria auf einem ovalen Bildfeld zusammen, das 7,30 Meter lang und 6,73 Meter breit ist.

Von blossem Auge kann der Betrachter vom Boden aus die Figuren kaum identifizieren. Dazu braucht er einen Feldstecher. Es könnte sich lohnen, ein solches Instrument auf einen Rundgang durch die Klosterkirche Muri mitzunehmen.

Hans-Martin Strebel, ehemaliger Chefarzt am Kreisspital Muri und wie Ketterer Klosterführer, zählt Figuren auf dem Deckenbild auf: die Heiligen Ursula, Agnes, Barbara und Cäcilia und den Heiligen Bruder Klaus. Strebel erinnert sich: «Als ich in Muri zur Schule ging, durften wir nicht in die Klosterkirche. Der Pfarrer beharrte darauf, dass wir zu ihm in die «normale» Pfarrkirche in die Messe gingen.» Die Zeiten haben sich geändert: Heute ist die prächtige Klosterkirche das Vorzeigeobjekt in Muri.

Abt realisierte einen Prachtbau

Abt Placidus Zurlauben plante im 17. Jahrhundert mit der neuen Klosterkirche einen Prachtbau, der alles überstrahlen sollte. Man wollte sich, den Katholiken, und vor allem auch den Reformierten zeigen, zu welchen gewaltigen Leistungen die katholische Kirche fähig war. «Theatralisch», so Strebel, sollte den Einheimischen und den Pilgern, die von weit her nach Muri kamen, die Welt des Glaubens vorgeführt werden – mit farbigen Wand- und Deckenbildern, die mit Tageslicht angestrahlt wurden. So liess der Abt die Romanik weit hinter sich, in der die alte Klosterkirche noch mager ausgeleuchtet war.

Im ersten Kuppelbau einer Kirche nördlich der Alpen sollten Bettini und Giorgioli das neue Konzept verwirklichen. Wobei klar war: Abt Placidus Zurlauben erteilt die Befehle, wie gebaut werden musste, und Bettini und Giorgioli hatten ihm aufs Wort zu gehorchen. Auch die künstlerische Freiheit, in der Kirche einen nackten Engel zu malen, unterband Zurlauben. Puritanisch, jugendfrei, aber prächtig und vom Geist des begüterten Klosters beseelt: So musste sich die Klosterkirche den Gläubigen zeigen. Der Abt muss aber auch prosaische Aufgaben lösen: Für die Bauarbeiter – wie viele es waren, weiss man nicht – müssen die Verpflegung mit den täglichen Essens- und Weinrationen und die Übernachtung sichergestellt werden.

Keine Heizung in der Kirche

Giorgiolis Gemälde wurden 1831 teilweise grossflächig übermalt und nach hundert Jahren wieder von dieser Farbe befreit, um den ursprünglichen Zustand möglichst wieder herzustellen. «Spuren der Übermalung sind noch vorhanden und konnten nicht ganz beseitigt werden», sagt Restaurator Michael Kaufmann, der sich mit seiner Equipe sorgfältig um das gepflegte Aussehen der Klosterkirche kümmert. «Die Klosterkirche befindet sich aber in einem erstaunlich guten Zustand. Das ist auch der Tatsache zu verdanken, dass die Kirche nicht geheizt wird», ergänzt er.