Wohlen
Absurd: Ambulanz stände bereit, darf mögliche Verletzte aber nicht retten

Am Open Air Touch The Air in Wohlen darf die bereitstehende Ambulanz Alpha Medic Verletzte des Festivals erst retten, wenn keine andere Ambulanz innert einer Viertelstunde vor Ort ist. Was führt zu dieser absurden Situation?

Dominic Kobelt
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Das Team von Alpha Medic mit Geschäftsführer Jean-Claude Furegati (rechts) im Sanitätseinsatz am «Touch The Air» in Wohlen.

Das Team von Alpha Medic mit Geschäftsführer Jean-Claude Furegati (rechts) im Sanitätseinsatz am «Touch The Air» in Wohlen.

Dominic Kobelt

Seit Donnerstag feiern Tausende Jugendliche am Open Air Touch The Air in Wohlen. Den Sanitätsdienst leistet das junge Wohler Unternehmen «Rettungsdienst Alpha Medic». Angenommen, ein Besucher verletzt sich so schwer, dass er ins Spital muss, ruft Alpha Medic die Sanitätsnotruf-Nummer 144 an. Obwohl das Alpha-Medic-Team mit zwei Ambulanzen vor Ort ist, dürfen sie den Transport nicht selber durchführen. Die kantonale Sanitätsnotrufzentrale bietet dann einen Rettungsdienst auf, der für sogenannte Primäreinsätze im Kanton Aargau zugelassen ist – zum Beispiel den Rettungsdienst Neeser, Intermedic oder den Rettungsdienst des Spitals Muri. Dieser muss innert 15 Minuten vor Ort sein. Wenn keiner der Rettungsdienste in nützlicher Frist mit einem Team auf dem Festgelände sein kann, dann muss Alpha Medic den Transport durchführen, wenn dies die Sanitätsnotrufzentrale 144 so entscheidet.

Oder anders gesagt: Die Voraussetzungen für einen Primärtransport hat das Unternehmen, kommt aber erst zum Einsatz, wenn die Ambulanzen der etablierten Rettungsdienste nicht zu Verfügung stehen. Der Patient wartet auf einen Rettungsdienst, auch wenn neben ihm eine Ambulanz bereitsteht, die sämtliche Voraussetzungen für einen Notfalltransport erfüllt.

Alpha Medic will Zertifizierung

«Wegen verschiedener Benachteiligungen gegenüber den anderen Rettungsdiensten im Kanton streben wir die Bewilligung für Primäreinsätze im Aargau an und werden in Kürze die Unterlagen einreichen», sagt Jean-Claude Furegati, Geschäftsführer des Rettungsdienst Alpha Medic. Für die Anerkennung von Rettungsdiensten ist der Interverband für Rettungswesen (IVR) zuständig. «Die IVR-Zertifizierung wird in der Regel aber nur an Rettungsdienste vergeben, die mindestens zwei Jahre in der Notfallrettung tätig waren – was im Kanton Aargau ohne IVR-Zertifikat nicht möglich ist. Die Katze beisst sich sozusagen in den eigenen Schwanz», erklärt Furegati.

Trotzdem darf das Unternehmen hoffen: «Das Nicht-Erreichen von einzelnen Kriterien in den Richtlinien ist kein Grund zur Verweigerung der Anerkennung», sagt Marcel Schättin, stellvertretender Direktor des IVR. «Die Erstanerkennung ist meistens mit Auflagen verbunden. Berichte über die nichterfüllten Kriterien können dann innerhalb eines Jahres nachgeliefert werden. Knackpunkte sind meistens der fehlende 24-Stunden-Betrieb, die Ergebnisqualität und das Personal.»

Der Rettungsdienst Alpha Medic hat seinen Standort am Gewerbering in Wohlen vor einem Jahr bezogen und ist seit Herbst 2014 im Besitz der «kleinen» Bewilligung als Transport- und Rettungsdienst im Kanton Aargau. Seither steht auch ein Rettungswagen, ausgerüstet für Primäreinsätze, sowie Rettungspersonal bereit. Rettungseinsätze wurden bis dato noch keine gefahren. Alpha Medic habe das Gespräch mit dem Departement Gesundheit und Soziales (DGS) gesucht, um die bestmögliche Lösung für den Nutzen der Dienstleistung für die Aargauer Bevölkerung zu finden, sagt Furegati. «Wir haben die Behörden auch zu uns eingeladen, damit wir gegebenenfalls Alternativen diskutieren können. Die Antwort des DGS: ‹Wir sehen derzeit kein Bedarf für ein Gespräch.›»

Auch First Responder ein Thema

Für Alpha Medic wäre auch ein Einsatz als sogenannte First Responder ein Thema. First Responder helfen bei der Erstversorgung in Notfällen, wenn sie schneller am Unfallort sein können als das nächste Rettungsteam. Solche First-Responder-Gruppen bestehen im Kanton Aargau bereits in einigen Gemeinden und wurden vom DGS gutgeheissen. Diese sind via Pager, Funk und Statusübermittlung an die Sanitätsnotrufzentrale 144 angebunden und dürfen ein Einsatzfahrzeug mit Blaulicht und Sondersignal ausrüsten. Wahrgenommen wird die Funktion als First Responder meistens von freiwilligen Feuerwehrangehörigen oder anderen Laien, die eine Kurzausbildung in Erster Hilfe absolviert haben.

Momentan können die Rettungsteams des Rettungsdienst Alpha Medic bei einem Notfall also nur helfen, wenn sie zufällig daran vorbeifahren, was auch schon vorgekommen ist. Die Sanitätsnotrufzentrale 144 kann ohne Anschluss und Alarmpager die Retter nicht als Unterstützung bei akuten Notfällen aufbieten.

«Das DGS verweigert dem Rettungsdienst Alpha Medic die Anbindung an die Sanitätsnotrufzentrale 144», sagt Furegati. Das sei ein deutlicher Wettbewerbsnachteil, der zu klären sei. «Einen Anschluss von Rettungsdiensten für Sekundärtransporte an die Zentrale 144 gebe es im Kanton Aargau nicht, wurde uns erklärt.» Das stehe den Vollzugserläuternden Ausführungen entgegen, so der Geschäftsführer. «Denn darin wird festgehalten, dass die Sanitätsnotrufzentrale 144 gegenüber dem Rettungsdienst weisungsberechtigt ist und die Sekundärtransporte zwischen dem Auftraggeber und dem Rettungsdienst bei vorliegender Vereinbarung vermittelt», erklärt Furegati.

Balz Bruder, Leiter der Kommunikation des DGS, schreibt in einer Stellungnahme: «Die Planung, Koordination und Aufsicht über das öffentliche sanitätsdienstliche Rettungswesen obliegen dem Kanton. Im Auftrag des Kantons koordiniert die Einsatzleitstelle 144 alle Rettungsdienste mit einem kantonalen Leistungsauftrag, die 24h/365 Tage mit der erforderlichen Personalqualität zur Verfügung stehen. Die Einsatzgebiete sind hoheitlich den Unternehmen unter Berücksichtigung der politischen und gesetzlichen Vorgaben zugeteilt. Da alle Dienste ihre Vorgaben einhalten, besteht zurzeit kein Bedarf an weiteren Primäreinsatzmitteln.»

Fokus auf Sekundärtransporte

Auch wenn Alpha Medic die «grosse Bewilligung» für Primäreinsätze erlangen möchte, den Fokus lege man klar auf nationale und internationale Sekundärtransporte, sagt der Geschäftsführer. «Wir möchten nicht die anderen Rettungsunternehmen in der Umgebung konkurrenzieren, sondern in gewissen Fällen eine schnellere Erstversorgung zugunsten des Patienten ermöglichen. Im letzten Jahr wurden über 300 Notfalleinsätze im Wohler Gebiet von auswärtigen Rettungsdiensten durchgeführt. In diesen Fällen hätte die Hilfsfrist für die Patienten mit Aufgebot unserer Ambulanz verringert werden können.»