Sie war irgendwie alterslos. Denn sie liess sich von keiner Art von Schubladisierung einengen. Karin Rüttimanns gedanklicher und auch lebenspraktischer Horizont richtete sich nie nach den gängigen Rollenmustern – sie tat, was sie für richtig hielt und dies stets mit vollem Engagement und viel Zivilcourage.

Es gehörte zu ihren herausragenden Eigenschaften, dass sie zwar in all ihren Lebensphasen wusste, was allgemein erwartet wird – von einer Frau, von einer Mutter, von einer 70-Jährigen, von einer gebürtigen Berlinerin, etc. – sie ging aber unbeirrt ihren eigenen Weg.

Dieser Weg ist nun zu Ende. Völlig unerwartet ist Karin Rüttimann nur 4 Tage vor ihrem 71. Geburtstag am Samstag in Wohlen gestorben.

Steuerrad und Segel

«Ich weiss», sagte sie Ende Juli in ihrem schönen neuen Haus an der Lindenbergstrasse, «man sieht mir nicht unbedingt an, dass ich schon 70 bin. Aber ich habe auch noch viel vor.»

In der Küche stand eine riesige, bemalte Kartonschachtel, ausgerüstet mit selbst gebasteltem Steuerrad und Segel – «das», sagte Karin Rüttimann, «ist das Piratenschiff meines Enkels.» Und beim Gedanken an den kleinen Noah ging ein Strahlen über ihr Gesicht. Er spielte eine wichtige Rolle im Leben von Karin Rüttimann, genau so wie ihre Töchter Claudia und Nathalie.

Ihr Mann starb schon 1981

Karin Rüttimann ist in den Kriegs- und Nachkriegsjahren in Berlin aufgewachsen. Mit einem Handelsdiplom in der Tasche kam sie Anfang der 60er-Jahre in die Schweiz, wo sie unter anderem als Serviceangestellte in Hallau arbeitete und dort ihren späteren Mann Josef (Josi) Rüttimann, Transportunternehmer aus Wohlen, kennen und lieben lernte. die beiden heirateten, gründeten in Wohlen eine Familie und alles schien gut.

Doch 1981 starb Josi Rüttimann völlig unerwartet an Herzversagen. Karin Rüttimann stand plötzlich alleine da mit den beiden Töchtern im Schulalter und einem Unternehmen mit mehreren Angestellten. Sie fragte nicht lange und übernahm für ein paar Jahre die Leitung des Unternehmens. Und sie schrieb: 1985 erschien ihr erster Roman, «Das geschenkte Jahr. Ein Abschied», in dem sie den Tod ihres Mannes verarbeitete. Das Buch löste grosses Echo aus und brachte ihr viel Anerkennung ein.

Karin Rüttimann beteiligte sich aber auch aktiv am Wohler Dorfleben, engagierte sich unter anderem als Einwohnerrätin der Gruppe «Eusi Lüüt» und als Mitglied der Sozialkommission, arbeitete im Freizeitverein mit, schrieb und malte mit Erfolg. «Ich wollte die Menschen hier kennenlernen, teilnehmen am öffentlichen Leben, Verantwortung übernehmen», sagte sie im Sommer, als sie auf ihr Leben zurückblickte.

Auch eine Malerin

Auf ihr erstes Buch folgten weitere Romane, mehr und mehr tat sich Karin Rüttimann auch als Malerin hervor. Und nebst dem künstlerischen Schaffen absolvierte sie über die Jahre noch verschiedene Ausbildungen und Studiengänge – ihr Wissensdurst war kaum zu stillen. Prägend war auch ihr Leben in zwei Welten – sie war – je nach Lebensabschnitt – Berlinerin in Wohlen oder Wohlerin in Berlin. 2007 kehrte sie nach 14 arbeitsintensiven Jahren in Berlin (und mit einem druckfertigen Buchmanuskript) definitiv nach Wohlen zurück. Sie wollte in der Nähe ihrer Familie sein.

Wohlen wäre ärmer, hätte sich in den 60er-Jahren nicht eine junge Berlinerin in den Freiämter Transportunternehmer Josef Rüttimann verliebt. Denn Karin Rüttimann, eine eigenständige, weltoffene Frau mit vielen Talenten und Fazetten, hat Spuren hinterlassen. Mit ihren Büchern, mit ihren Bildern, aber auch mit ihrem Mut und – nicht zuletzt – mit ihrem Wirken in der Gemeinde.

Die Trauerfeier findet am Freitag, 18. Oktober, um 15.30 Uhr, in der Abdankungshalle Wohlen statt. «Es dürfen bunte Kleider getragen werden», heisst es in der Todesanzeige. Das hätte Karin Rüttimann gefallen.