Sins
Abgebrannte Werkräume: Brücken-Installation gibt Motivation

Aus der Not eine Tugend gemacht: Seit dem vermutlichen Brandanschlag findet der Werkunterricht in Sins auf dem Pausenplatz statt. Das Brücken-Projekt stösst bei den Schülern auf grosse Begeisterung und das gemeinsame Arbeiten stärkt den Zusammenhalt.

Cornelia Bisch
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Alles selbst gemacht: Schüler der zweiten und dritten Oberstufe präsentieren ihre gelungenen Werke.

Alles selbst gemacht: Schüler der zweiten und dritten Oberstufe präsentieren ihre gelungenen Werke.

Cornelia Bisch

Der Schulhausplatz des Oberstufenzentrums Sins ist in diesen Tagen belebt wie kaum je zuvor. Strassen aneinander gefügter Brückenkonstruktionen aus hellem Tannenholz verbinden die verschiedenen Gebäude. Kein Brücken-Modell ist gleich wie das andere. Es gibt fantasievoll verspielte Übergänge, den Kanalbrücken Venedigs nachempfundene Bogenkonstruktionen oder moderne, geradlinig schnörkellose Architekturen.

In den Pausen und vor Unterrichtsbeginn herrscht reger Verkehr, begleitet von viel Heiterkeit und Gelächter. Leert sich der Platz vom Schulvolk, wagen sich auch die Kleinen an Mamas Hand auf den neuen, spannenden Robinsonspielplatz.

Einfach und unkompliziert

Die Ermittlungen zur Täterschaft laufen

Der Notruf an die Feuerwehr ging am Sonntag, 28. September um 20.30 Uhr ein. Jugendliche hatten über dem Schulareal in Sins Rauch festgestellt und Alarm geschlagen. Die Feuerwehr Sins-Abtwil rückte mit einem grossen Aufgebot an und konnte den in Brand geratenen Werkpavillon rasch löschen. Dennoch ist ein Schaden von schätzungsweise 500 000 Franken entstanden. Der Pavillon muss aufwendig saniert werden, Werkunterricht kann dort vorderhand nicht stattfinden. Die Polizei vermutet aufgrund ihrer Spurensicherung einen Brandanschlag, die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Muri-Bremgarten laufen. Beunruhigend für die Sinser Bevölkerung ist, dass auf die Schule bereits im März 2010 ein Brandanschlag verübt worden ist. (to)

Die Schüler arbeiteten mit einfachsten Mitteln, mit Dachlatten, Sägen, Schrauben und einigen Akkuschraubern. Das Werkzeug stammte aus dem privaten Fundus der beiden Lehrer. «Wir haben nur wenige Eckpunkte vorgegeben: die ungefähre Länge, die Breite, Höhe und das Traggewicht.» Design und Ausführung waren den Schülern überlassen. Jeweils eine halbe Klasse arbeitete an einem Projekt.

Die Idee dazu fiel Pia Gabriel ganz plötzlich ein nach einer schlaflosen Nacht des Grübelns. «Wir brauchten eine Überbrückungslösung, warum also nicht Brücken bauen», resümiert sie.

Grosse Motivation

Die Kunst auf Zeit läuft über drei Etappen

Die 19 Schulklassen, darunter auch Primarschüler, verbauten 320 Dachlatten von jeweils fünf Metern Länge, 7500 Schrauben und erstellten 35 Brücken. Die Brückenstrassen stehen noch bis heute Freitag auf dem Schulhausplatz, danach auf dem Areal Letten und später in Aettenschwil. Dann werden alle Schrauben wieder entfernt und ein neues Projekt entsteht aus demselben und zusätzlichem Holz. «Wir werden Sitzgelegenheiten für die Schüler bauen», verrät Pia Gabriel. Gemütliche Orte, wo sie sich während der Pausen zusammensetzen können. «Das fehlt auf unserem Pausenplatz. Vielleicht können wir der Gemeinde so einen Hinweis geben, wie wir uns den fertigen Platz etwa vorstellen.» In einem dritten Schritt wird eine Reihe von Spriessen entstehen, die als stilisierte Tannenbäume die Weihnachtsdekoration auf dem Schulareal darstellen werden. «Der letzte Akt ist das Verbrennen des Holzes am Weihnachtsanlass.» Vergängliche, mehrfach recycelte und letztendlich nachhaltig entsorgte Kunst, ganz wie es dem modernen Zeitgeist entspricht. (cb)

«Es war allen klar, dass sie sich mit den wenigen Werkzeugen arrangieren mussten, und es war kein Problem», so Gabriel. Für einen neu zugezogenen Schüler sei das Projekt eine ideale Möglichkeit zur Integration gewesen. «Während der Gruppenarbeit hat er seinen Platz gefunden.» Für die beiden Werklehrer haben die vielen positiven Rückmeldungen und Erlebnisse etwas Tröstliches. «Der Verlust unserer Werkräume war nicht leicht für uns. Das Projekt hat uns selbst wieder neue Motivation gegeben.»

«Ich finde das eine sehr gute Idee», sagt die 14-jährige Erika bestimmt. «Wir konnten im Werken mal was zusammen für alle machen.» Ihre 13- und 14-jährigen Kollegen stimmen ihr zu.

Viel Freiheit für die Schüler

«Wir haben oft draussen gearbeitet. Auch das war eine schöne Abwechslung. Wenn es mal regnete, sind wir in die Turnhalle gegangen», erzählt Marc. Die Schüler schätzten die grosse Freiheit, die sie bei diesem Projekt hatten. «Nur ein paar Masse waren vorgegeben. Aber die Brücke haben wir selbst entworfen. Wir konnten einfach drauf los arbeiten», berichtet Aaron. «Ich fand es zuerst schon blöd, dass wir wegen des Brandes nicht weitermachen konnten mit unseren angefangenen Arbeiten», meint Achim.

Marc hat sogar einen Verlust zu beklagen. «Die Armbrust meines Vaters, die ich restaurieren wollte, ist im Feuer verbrannt», erzählt er. Grundsätzlich belaste der Brand sie aber im Alltag nicht sehr, stellen die Jugendlichen einhellig fest.

Pia Gabriel erzählt sogar von einem Schüler, der sie gefragt habe, ob so ein cooles Projekt ohne den Brand überhaupt durchgeführt worden wäre. «Ich solle ihn nicht falsch verstehen, hat er betont. Natürlich tue es ihm leid um die Werkräume. Aber ich habe ihn schon verstanden. Er hat recht. Es ist wie eine Chance im Unglück.»

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