Fall Wohlen
Aargauer Polizisten schossen auf Mann – bald stehen sie vor Gericht

Vor sechs Jahren schoss ein Polizist einer Sondereinheit in Wohlen auf einen Mann. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm und zwei weiteren Polizisten versuchte vorsätzliche Tötung und schwere Körperverletzung vor – nun muss das Gericht entscheiden.

Fabian Hägler
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Tatrekonstruktion im Fall Wohlen durch die Polizei mit einem Figuranten.

Tatrekonstruktion im Fall Wohlen durch die Polizei mit einem Figuranten.

Zur Verfügung gestellt

Im Mai 2009 alarmierte die besorgte Ehefrau eines 30-jährigen Serben aus der Wohnung ihrer Nachbarin in Wohlen die Polizei. Dorthin war sie mit ihrer dreijährigen Tochter geflüchtet, weil sie sich von ihrem Ehemann bedroht fühlte. Dieser war betrunken nach Hause gekommen und hatte gedroht, sich mit einem grossen Rüstmesser umzubringen.

Umgehend rückte die Regionalpolizei Wohlen aus, dies in der Annahme, es gehe um häusliche Gewalt. Die Polizisten mussten sich aber zurückziehen, weil der Mann sie mit einem Messer bedrohte. Der Mann schloss sich zudem in seiner Wohnung ein. Deshalb wurde Verstärkung angefordert. Als mehrere Patrouillen der Kantonspolizei vor Ort waren, versuchte die Polizei erneut, mit dem Mann zu sprechen.

Er zeigte sich zwar regelmässig auf dem Balkon, liess sich aber auch von einem Bekannten nicht überzeugen, sich der Polizei zu stellen. Vielmehr drohte er weiter, sich mit dem Messer umzubringen. Zudem fügte er sich damit effektiv Verletzungen zu und machte mehrfach Anstalten, sich vom Balkon zu stürzen.

Weil sich die Lage mit der Zeit zuspitzte, wurde die Sondereinheit Argus hinzugezogen. Schliesslich entschied die Polizei, den Mann aus der Wohnung zu holen. Als die Sondereinheit die Wohnungstüre aufbrach, kam es zum Eklat. Der Mann sei sofort mit dem Messer auf den vordersten Polizisten losgegangen, sagte Urs Winzenried, damals Chef der Kriminalpolizei, 2009 an einer Medienkonferenz.

Obwohl der Polizist ihn mindestens dreimal aufgefordert habe, das Messer fallen zu lassen, sei der Mann weiter auf ihn zugestürzt. Schliesslich habe der Angegriffene keine andere Wahl gehabt, als von seiner Waffe Gebrauch zu machen. «Es war ein klarer Fall von Notwehr», so Winzenried.

Laut einer Mitteilung der Staatsanwaltschaft setzte ein weiterer Polizist den Taser ein. Der angeschossene Mann ging schwer verletzt zu Boden. Er wurde von der Sondereinheit umgehend gesichert, medizinisch versorgt und überlebte deshalb.

Die Strafuntersuchungen konzentrierten sich zuerst primär auf den Ehemann, den mutmasslichen Pistolen-Schützen und den Taser-Schützen. 2012 bestimmte der Regierungsrat einen ausserordentlichen Staatsanwalt. Dieser dehnte die Strafuntersuchung auf drei weitere Polizeifunktionäre aus.

Im Herbst 2014 verstarb der ausserordentliche Staatsanwalt unerwartet. Die Aufsichtskommission über die Gerichte des Kantons Aargau setzte den Zuger Rechtsanwalt Urs Sutter als als neuen ausserordentlichen Staatsanwalt ein.

In der Zwischenzeit wurde die Strafuntersuchung gegen die fünf Angehörigen der Kantonspolizei abgeschlossen. Das Verfahren gegen den damaligen stellvertretenden Kommandanten und gegen den Taser-Schützen wird wegen fehlender strafrechtlicher Verantwortlichkeit eingestellt.

Gegen die drei übrigen Polizisten wurde letzte Woche beim Bezirksgericht Bremgarten Anklage erhoben. Das Gericht wird unter anderem die Vorwürfe der versuchten vorsätzlichen Tötung und der schweren Körperverletzung zu prüfen haben. «Bis zu einer gerichtlichen Beurteilung gilt die Unschuldsvermutung», hält die Staatsanwaltschaft fest.

Der damals angeschossene Mann verstarb im April 2015. Sein Tod stand laut Staatsanwaltschaft «in keinem Zusammenhang mit den im Jahre 2009 erlittenen Schussverletzungen.» Die Strafuntersuchung gegen den Serben wurde daraufhin eingestellt.

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