Sparprogramm
Aargauer Kreisschule wollte Kanton austricksen – und flog auf

Weil eine Klassenstunde weggespart wurde, lancierte die Kreisschule Mutschellen einen heiklen Elternaufruf, um sie auf anderem Wege zurückzuholen. Doch die Schulaufsichtbeim Kanton hat den Trick bemerkt und pfiff die Verantwortlichen zurück.

Fabian Hägler
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Bubentrickli: Kreisschule Mutschellen wollte Klassenstunde retten. Symbolbild/Oliver Menge

Bubentrickli: Kreisschule Mutschellen wollte Klassenstunde retten. Symbolbild/Oliver Menge

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Sparmassnahmen im Bildungsbereich sind umstritten, das zeigten die grosse Lehrerdemonstration im vergangenen Herbst und das Nein des Grossen Rats zu diversen Kürzungsanträgen in der Budgetdebatte. Insbesondere die vom Regierungsrat beantragte Kürzung der Stundentafel, also eine Reduktion der Lektionen, wurde klar abgelehnt.

In den früheren Sparrunden sei das Fächerangebot der Schulen allerdings gekürzt worden, steht in einem Elternbrief der Kreisschule Mutschellen.

Unter anderem seien eine Lektion Berufskunde und eine Klassenstunde an der Real- und Sekundarschule gestrichen worden. Berufskunde sei im Fach Deutsch integriert worden, doch für die Klassenstunde bleibe da kaum Platz. «Die Klassenstunde wurde weggespart – wir holen Sie uns zurück mit ihrer Hilfe» steht über dem Schreiben, welches der az vorliegt.

Zeit für Klassengespräche fehlt

Gesamtschulleiter Louis Isenmann erläutert im Elternbrief, dass heute in der Schule viel Zeit benötigt werde für «Gespräche in der Klasse, das Eingehen auf Wünsche, Konfliktlösungen und die Suche nach Kompromissen». In der ersten Sek oder Real könne die dafür nötige Klassenstunde noch im Pflichtfach Ethik und Religionen durchgeführt werden. In der zweiten und dritten Klasse sei dies aber nicht mehr möglich, weil Ethik und Religionen dann nur noch ein Wahlfach sei.

Ausriss aus dem Elternbrief der Kreisschule Mutschellen: «Alles entspricht den gesetzlichen Vorgaben» – dies sieht das Bildungsdepartement anders.

Ausriss aus dem Elternbrief der Kreisschule Mutschellen: «Alles entspricht den gesetzlichen Vorgaben» – dies sieht das Bildungsdepartement anders.

AZ

«Eine Klassenstunde ist nur dann möglich, wenn alle dieses Fach wählen», schreibt Isenmann weiter. Und er bittet die Eltern der Sek- und Realschüler «inständig, das Wahlfach Ethik und Religionen anzukreuzen, damit wir weiterhin eine Klassenstunde führen können». Der Gesamtschulleiter vertritt die Ansicht, der Aufruf an die Eltern bewege sich im legalen Rahmen. «Die Schulaufsicht wird uns zwar kontrollieren, aber mit Ihrem Kreuz bei Ethik und Religionen und Ihrer Unterschrift auf dem Wahlfachbogen entspricht alles den gesetzlichen Vorgaben», versichert er den Eltern und bedankt sich im Voraus für deren Unterstützung.

«Versuch einer Rechtsumgehung»

Doch Isenmann hatte die Rechnung ohne den Kanton gemacht: Regierungsrat Alex Hürzeler wurde nämlich «aus dem Umfeld der Schule» über den Brief informiert, wie Simone Strub, die Sprecherin des Bildungsdepartements, auf Anfrage der az erklärt.

Darauf wurde die Schulaufsicht aktiv: «Sie hat die Kreisschulpflege zu einer Aussprache nach Aarau eingeladen», sagt Strub. Das Bildungsdepartement sieht den Versuch der Schulleitung, mit Unterstützung der Eltern zusätzliche Lektionen vom Kanton zu erhalten, sehr kritisch. «Es handelt sich ganz klar um den Versuch einer Rechtsumgehung», betont Sprecherin Strub. Das Wahlfach «Ethik und Religionen» solle gar nicht primär als solches genutzt werden.

Strub betont, die Schulen im Aargau hätten nicht die Kompetenz, «ein Fach für obligatorisch oder quasi obligatorisch zu erklären und mit einem anderen Inhalt zu füllen.» Beim Fach «Ethik und Religionen» an der 2. und 3. Real- und Sekundarschule handle es sich um ein Wahl- oder Freifach. Die Unterrichtsinhalte und –ziele für dieses Fach seien im Lehrplan festgehalten.

Weiter hält Strub fest, auch früher habe es kein Fach «Berufskunde» oder eine «Klassenlektion» gegeben. Korrekt an den Aussagen im Brief sei einzig, dass den Schulen die finanziellen Mittel für ein Wahlfach vom Bildungsdepartement zugesprochen werden. Für eine zusätzliche Wochenlektion Ethik und Religionen, wie sie die Kreisschule Mutschellen wollte, würden sich die Lohnkosten pro Jahr auf brutto 5300 Franken belaufen. Bei jeweils sechs Sekundar- und Realklassen wären im nächsten Schuljahr insgesamt 63 600 Franken an zusätzlichen Löhnen angefallen.

Anmeldungen nicht rechtmässig?

Simone Strub betont, das Bildungsdepartement bewillige Wahlfächer nur, «wenn genügend rechtmässig erfolgte Anmeldungen von Schülerinnen und Schülern vorliegen». Die Sprecherin gibt zu verstehen, dass der Kanton die Absicht der Kreisschule Mutschellen wohl ohnehin durchschaut hätte. «Es fällt auf, wenn an einer Schule flächendeckend in jeder Klasse der Wahlfachkurs Ethik und Religionen zustande kommt.»

In einem solchen Fall würden die betroffenen Schulen durch die Schulaufsicht zu einer Stellungnahme aufgefordert. Für das kommende Schuljahr 17/18 laufen die Anmeldungen allerdings erst. Die Meldung der Schulen zur Bewilligung der Ressourcen für Wahlfächer sei noch nicht erfolgt.

Dass eine Schule versucht, zusätzliche Lektionen zu erhalten, ist offenbar kein Einzelfall. Zwar wurde bisher kein anderes Beispiel publik, doch Simone Strub sagt auf Nachfrage der az: «Dem Departement Bildung, Kultur und Sport sind einzelne weitere Fälle aus dem vergangenen Schuljahr bekannt.» Die kantonale Schulaufsicht habe in diesen Fällen ebenfalls eingegriffen.

Lehrer-Demo am Dienstag vor dem Grossratsgebäude in Aarau.
22 Bilder
«Stopp der SPARschweinerei» – wütendes Ballon-Riesen-Sparschwein an der Demo in Aarau. vpod ist derSchweizerische Verband des Personals öffentlicher Dienste.
Ungefähr 4000 Lehrer demonstrierten: So auch Redner Niklaus Stöckli, Präsident des Aargauischen Lehrerverbands.
4000 Lehrer demonstrieren gegen die Einsparungen bei der Volksschule
Niklaus Stöckli, Präsident des Aargauischen Lehrerverbands.
Erwartet werden rund 4000 Demonstranten, es wird eng für die Lehrer.
Erwartet werden rund 4000 Demonstranten, also mehr als an der letzten Lehrerdemo vor zehn Jahren.
Erwartet werden rund 4000 Demonstranten, also mehr als an der letzten Lehrerdemo vor zehn Jahren.
Bildung, Bildung und nochmals Bildung.
Erwartet werden rund 4000 Demonstranten, also mehr als an der letzten Lehrerdemo vor zehn Jahren.
«Bildung statt Beton»
4000 Lehrer demonstrieren gegen die Einsparungen bei der Volksschule
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In Aarau versammelt - wird es die grösste Lehrerdemo im Aargau?
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Ungefähr 4000 Lehrer demonstrierten: So auch Redner Niklaus Stöckli, Präsident des Aargauischen Lehrerverbands.
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Die Lehrer liessen sich was einfallen.jpg

Lehrer-Demo am Dienstag vor dem Grossratsgebäude in Aarau.

Anne-Käthi Kremer

Schulpflege tagt heute Freitag

Astrid Winkler, Präsidentin der Kreisschulpflege Mutschellen, bestätigt auf Anfrage der az, dass eine Aussprache mit der kantonalen Schulaufsicht stattgefunden habe. «Inhaltlich möchte ich mich zu dieser Aussprache nicht äussern, wir werden das Thema am Freitag zuerst in einem internen Gespräch mit Schulpflege und Schulleitung aufarbeiten», sagt sie.

Auch zu allfälligen personalrechtlichen Konsequenzen der Aktion– möglich wäre zum Beispiel ein Verweis für den Schulleiter – schweigt die Schulpflegepräsidentin mit Verweis auf das anstehende Gespräch.

Gesamtschulleiter Louis Isenmann, der Verfasser des umstrittenen Elternbriefs, war bisher für eine Stellungnahme nicht erreichbar.

Simone Strub hält fest, das Bildungsdepartement erwarte von der Kreisschule Mutschellen, dass das Anmeldeverfahren für die Wahlfächer nun mit den korrekten Informationen wiederholt werde. «Die Schulpflege steht diesbezüglich in der Verantwortung.»