Geltwil

Aargauer Botschafterin vor 50 Jahren: «Ich war am Expo-Tag sehr nervös»

Die Kadettenmusik Wohlen mit dem legendären Dirigenten Emil Gacond am Festumzug in Lausanne.

Die Kadettenmusik Wohlen mit dem legendären Dirigenten Emil Gacond am Festumzug in Lausanne.

Bethli Rey durfte an der Landesausstellung 1964 in Lausanne den Beitrag des Kantons Aargau überreichen. Zuvor hatten die Aargauer Stimmbürger gleich zweimal den Kantonsbeitrag für die Expo abgelehnt. Trotzdem kamen noch 600000 Franken zusammen.

Vor 50 Jahren fand in Lausanne die Landesausstellung Expo 64 statt. Aufgeregt war am Festakt die zwölfjährige Bezirksschülerin Bethli Rey aus Geltwil: Sie durfte Ständerat und Expo-Präsident Gabriel Despland symbolisch den Beitrag des Kantons Aargau an die Expo überreichen.

Elisabeth Bucher-Rey, die heute mit ihrer Familie in Boswil lebt, erinnert sich noch gut an ihren grossen Auftritt an der Expo 64 vor 50 Jahren. «Ausgewählt wurde ich als Schülerin aus Geltwil, weil die Gemeinde einen Beitrag von 1000 Franken an die Expo beisteuerte, was dem höchsten Pro-Kopf-Beitrag aller Aargauer Gemeinden entsprach.» Sie sei aufgeregt gewesen an diesem Tag.

«Das Expo-Komitee stellte aber eine freundliche Hostess an meine Seite. Sie sollte mich beruhigen.» Zuvor kam eine Delegation extra nach Geltwil, um in Bethli Reys Elternhaus festzustellen, wen man da als Aargauer Botschafterin nach Lausanne schicken wolle. «Meine Eltern kamen nicht mit an die Expo. Sie waren auch an diesem Tag zu Hause auf dem Bauernhof verpflichtet und mussten auf die Reise nach Lausanne verzichten», erzählt Elisabeth Bucher-Rey.

Grosszügige Geltwiler Bürger

Als der Beitrag der Gemeinde Geltwil an die Expo zur Diskussion stand, hatte der damalige Gemeindeschreiber und Gesamtschullehrer Arthur Brühlmeier (79) die Hand mit im Spiel. Er stellte zuhanden der Ortsbürgergemeinde den Antrag, sich mit 1000 Franken grosszügig an der Landesausstellung zu beteiligen. «Und die Ortsbürgergemeinde machte mit», stellt Brühlmeier fest. Die Aargauer und Freiämter Schulen waren in Lausanne gut vertreten.

Auch Arthur Brühlmeier reiste aus Geltwil mit 25 Erst- bis Achtklässlern ins Waadtland, um am Festzug und am erhabenen Festakt teilzunehmen. «Der Umzug durch Lausanne stockte zuweilen etwas. Er hatte etwas von einer Handorgel», weiss Brühlmeier. Im Umzug lief auch der Bäckerssohn Hanspeter Iten aus Waltenschwil mit. Er präsentierte den staunenden Zuschauern am Strassenrand den «Mesoscaph» im Miniformat in einer Nachbildung aus der Backstube. Der vom überragenden Forscher Auguste Piccard erbaute Mesoscaph war ein U-Boot, das während der Expo im Genfersee abtauchte und das Publikum verzückte.

Wey AG baute Pavillon

Am Bau des Pavillons der Schweizer Armee war die Firma Beton-Wey aus Villmergen beteiligt. Sie erstellte die Hülle des Bauwerks, das aus ungezählten Stacheln bestand, welche im damals herrschenden Kalten Krieg der Grossmächte den Wehrwillen der Schweiz demonstrieren sollte. Stramm ausgerichtet und ebenfalls im Militärstil marschierte im Umzug auch die Kadettenmusik von Wohlen mit, angeführt von ihren unvergesslichen Dirigenten Emil Gacond, einem grossen Förderer des Blasmusiknachwuchses.

Unrühmliches Aargauer Kapitel

Die Aargauer Stimmbürger schrieben in der Expo-Geschichte zunächst ein unrühmliches Kapitel. Zuerst lehnten sie (damals nur die Männer, weil die Frauen das Stimm- und Wahlrecht noch nicht besassen) zweimal den Beitrag des Kantons Aargau an der Urne ab. Viele Gründe wurden dafür verantwortlich gemacht: Zum einen kritisierte man die Regierung, die sich nur halbherzig um das Engagement für die Landesausstellung gekümmert haben soll, zum anderen die Staatsverwaltung, die das Konzept der Aargauer an der Expo vorerst hinter verschlossenen Türen beschlossen hatte, was gar nicht gut ankam.

Die allgemeine Missstimmung, die mit dem schwelenden Mirage-Skandal und den vom Bund beschlossenen Kulturdämpfungsmassnahmen aufkam, mögen mitgespielt und beide Expo-Vorlagen zu Fall gebracht haben. Nach den zwei verfehlten Volksabstimmungen nahm die Aargauer Presse die Sache an die Hand.

Sie gründete unter dem Patronat der Kulturstiftung Pro Argovia ein Komitee, das «die aargauische Ehrenschuld» tilgen sollte. So kamen durch eine grosse Sammelaktion bei Gemeinden, Privaten und Wirtschaft 600 000 Franken zusammen. In Wohlen weigerte sich die Einwohnergemeinde, einen Beitrag von 5000 Franken zu sprechen. Die Ortsbürgergemeinde wetzte die Scharte aus und gab sich freigebig: Statt der 5000 Franken beteiligte sie sich mit 10 000 Franken.

Nachdem die letzten Rauchschwaden des um ein Haar vermiedenen Aargauer Debakels verschwunden waren, konnte sich der Kanton doch noch einigermassen hoch erhobenen Hauptes in Lausanne zeigen. Bethli Rey aus Geltwil übergab dem Ständerat und Expo-Präsidenten Gabriel Despland ein Aargauer Buch. Beigelegt wurde eine Urkunde, worin bestätigt wurde, dass der Kanton Aargau «in freundeidgenössischer Liebe zur ganzen Westschweiz» 600 000 Franken an die Expo leiste.

Die Badener gewannen dem fast verhinderten Aargauer Auftritt an der Expo eine Prise gut verpackten Galgenhumors ab und wollten für gutes Wetter sorgen: Die dortigen Behörden reisten zur Belustigung des Publikums in aufgeräumter Stimmung in einer Nachbildung der historischen Spanischbrötlibahn von 1847 nach Lausanne und überbrachten dem Expo-Direktor eigenhändig einen Beitrag von 40 000 Franken.

Robert Stäger schrieb Expo-Gedicht

Aargauer Schüler führten im Festumzug ein Spruchband mit, auf dem zu lesen war: «Der Aargau muess a dr Expo sii, denn ohni ihn wär die Expo niene meh». Zwei Seminaristen von Wettingen – der eine war Oskar Rünzi aus Wohlen, später Lehrer in Buchs (2010 verstorben) – trugen auf Deutsch und Französisch ein Gedicht des Wohler Bezirkslehrers und Schriftstellers Robert Stäger vor, das die Westschweiz mit dem ungetreuen Kanton Aargau versöhnen sollte.

«Lang, lang isch es gange . . .  aber hütt simmer cho, meer Aargauer Lüüt, vo wyt undenue», so Stäger in seinem Gedicht, in dem er zum Schluss kam: «Aber all Lüüt händ ned nai gstimmt gha (. . . ). Und, dass Eer au gseend, wi rächt mer wettid danke, bringid mir graad vo jedem Aargauer ai Franke.»

Mit dem insgesamt geglückten Auftritt in Lausanne, in dem sich der Aargau von einer jungen und fröhlichen Seite präsentierte, habe der Aargau seinen in der Eidgenossenschaft ramponierten Ruf letztlich gerettet, stellt der Berner Historiker Roger Sidler in einem Rückblick auf die Aargauer Expo-Geschichte fest. Es gelang, eine Kulturschande erster Güte abzuwenden – aber nur mit knapper Not und viel Glück, wie sich viele Aargauer noch heute mit Schaudern erinnern.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1