Wohlen
70000 Franken Genugtuung für Familie von Raseropfer Tiziana

Die Familie der vor fünf Jahren durch einen Raser getöteten Tiziana Bertone erhält 70 000 Franken. Keine Genugtuung erhält die damals beste Freundin. Sie sei keine direkte Angehörige, begründete das Bezirksgericht.

Andrea Weibel
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Wohlen, 2. November 2005: Tiziana Bertone wurde von einem Autolenker getötet, als sie mit dem Velo die Strasse überquerte. mzm/archiv

Wohlen, 2. November 2005: Tiziana Bertone wurde von einem Autolenker getötet, als sie mit dem Velo die Strasse überquerte. mzm/archiv

Es ist bereits fünf Jahre her, dass die 14-jährige Tiziana Bertone beim Überqueren der Bünztalstrasse in Wohlen von einem Auto erfasst und getötet wurde. Gestern entschied das Bezirksgericht Bremgarten über eine Genugtuung für ihre Eltern, ihre acht Jahre ältere Schwester und ihre damals beste Freundin. Eine genaue Forderungssumme fehlte jedoch in den Gerichtsakten. «Ich könnte nicht über den Betrag verhandeln, der den Tod meiner Tochter aufwiegen soll», sagte Tizianas Mutter vor Gericht.

So lag es am Bezirksgericht unter der Leitung des Gerichtspräsidenten Peter Thurnherr, die Höhe der Genugtuung festzulegen. Für den Vater wie auch für die Mutter legte das Gericht die Genugtuungssumme auf je 25 000 Franken fest, der Schwester wurde eine Summe von 12000 Franken zugesprochen. Dazu kommt ein Schadenersatz von 8000 Franken.

«Sie waren wie Schwestern»

Als umstrittenste Klägerin trat Lara P. (Name geändert), die damals beste Freundin von Tiziana, auf. «Sie waren wie Schwestern», betonte die ganze Familie, wie auch deren Anwalt wiederholt. Der Anwalt des angeklagten Unfallfahrers stellte aber den Antrag, diese Forderung zu streichen. «Die Kausalität kann nicht verifiziert werden. Ausserdem liegen keinerlei entsprechende Bundesgerichtsentscheide vor. Das ist auch verständlich, denn die Forderungen würden ins Uferlose wachsen», begründete er. Das Bezirksgericht sah dies ähnlich. «Angehörige, das heisst Eltern und Geschwister, haben ein Anrecht auf eine Genugtuung. Da Frau P. aber keine direkte Angehörige ist, müssen wir diese Ansprüche abweisen. Das bedeutet aber nicht, dass wir kein Verständnis für die Trauer von Frau P. haben», formulierte es Gerichtspräsident Thurnherr.

Lara P. sei zwar die Tochter von Tizianas Cousine, «aber sie tritt hier nicht aus verwandtschaftlichen Gründen auf, sondern als beste Freundin», so Thurnherr weiter. Auch er stützt sich darauf, dass es das erste Mal gewesen wäre, dass ein Gericht einer Nicht-Angehörigen in einem solchen Fall eine Genugtuung zugestanden hätte. «Plötzlich kämen auch andere Freunde, die sicherlich alle auch gelitten haben, und brächten Forderungen vor», untermauerte der Gerichtspräsident das Urteil.

«Es wurde immer schlimmer»

Dass die Familie Bertone erst fünf Jahre nach dem Tod ihrer Tochter und Schwester eine Zivilforderung stellt, begründet sie damit, dass sich die Familienmitglieder anfangs zwar in psychologische Behandlung begeben hatten, erst aber Abstand gewinnen wollten. «Ich dachte erst, die Zeit heile alle Wunden, aber das war ganz und gar nicht so, im Gegenteil. Es wird immer schlimmer», beschrieb Tizianas Mutter ihre Gefühle.

«Man kann ein Menschenleben niemals mit einem Geldbetrag aufwiegen, die Tochter oder Schwester kommt nicht zurück», sagte Thurnherr abschliessend. Dennoch müsse man einen gewissen Betrag einsetzen. Die Höhe dieses Betrags erklärte er pragmatisch: «Wenn ein Elternteil ein Kind verliert, geht man von einer so genannten Einsatzgenugtuung von 30000 Franken aus, bei Geschwistern von 15000 Franken.»

Die zugesprochene Summe ist niedriger ausgefallen. «Einerseits hat die fehlende Bereitschaft des Täters, sich zu entschuldigen und Reue zu zeigen, den Betrag erhöht. Andererseits dürfen wir aber auch nicht ausser Acht lassen, dass die Art und Weise, wie Tiziana die Strasse damals überquert hat, ein sehr hohes Risiko mit sich gebracht hat», begründete Thurnherr. Ob sie das Urteil annehmen oder es weiterziehen will, konnte die Familie Bertone nach der Verhandlung noch nicht sagen.