«Allgemein ist das Unglück selten mehr ein grosses Thema im Dorf, ausser natürlich bei jenen, die persönlich davon betroffen gewesen sind. Oder dann, wenn sich, wie jetzt, die Katastrophe jährt und Journalisten das Thema wieder in Erinnerung rufen», sagt Ernst Gisi.

Damals allerdings sei es auch für die Verantwortlichen der Gemeinde eine hochemotionale Angelegenheit gewesen. Der 74-jährige, der später 40 Jahre Kanzler in Dottikon war, hat den Tag der Explosion als Zivilstandsbeamter und Stellvertreter des Gemeindeschreibers erlebt: «Ich selber war vor allem auf der administrativen Ebene gefordert. Weil unter den Toten auch Gastarbeiter aus dem Ausland gewesen sind, waren viele für mich ungewohnte Formalitäten zu erledigen.»

Vor allem für Gemeindeschreiber Paul Michel und den damaligen Gemeindeammann Hans Eric Fischer seien es allerdings sehr belastende Tage gewesen: «Sie haben sich sofort um die Angehörigen der Toten und Verletzten gekümmert und wir alle haben überall so gut wie möglich zu helfen versucht.»

Der Vater kam nicht mehr heim

Bruno Brunner (79), der langjährige Dottiker Feuerwehrkommandant, hat in der Sprengstoff-Fabrik Dottikon seine Lehre als Chemielaborant gemacht, und – mit einem kurzen Unterbruch – bis zur Pensionierung dort und in den Nachfolgefirmen gearbeitet. Auch am Unglückstag: «Von der Chaos-Phase habe ich wenig mitbekommen, Wir sind, wie in den eingeübten Notfallszenarien vorgeschrieben, sofort in den grossen Luftschutzkeller gegangen. Von dort aus habe ich dann versucht, etwas über das Schicksal meines Vaters Josef zu erfahren, der auch dort gearbeitet hat.»

Später sei er dann nach Hause gegangen und habe mit seiner Mutter um den Vater gebangt: «Am Abend musste ich in die Uni-Klinik in Zürich fahren. Dort lagen drei toten Männer, die bisher nicht hatten identifiziert werden können. Mein Vater war nicht darunter. Erst am nächsten Tag haben wir dann von Pfarrerin Michel die Nachricht von seinem Tod bekommen.»

Bruno Brunner hat bald wieder in der Pulveri gearbeitet: «Es war sicher alles andere als einfach, aber es war die einzige Möglichkeit, über das Geschehene hinwegzukommen. Ein Care-Team hat es damals noch nicht gegeben. Klar wurden wir von den Verantwortlichen der Gemeinde und von den Seelsorgern nach Kräften unterstützt, aber sonst mussten wir uns halt weitgehend selber helfen und irgendwie klarkommen.»

Gedenktafel war kein Thema

So wie Bruno Brunner ist es damals vielen ergangen. Man schaute nach vorne und versuchte, das Drama irgendwie zu überwinden. Das ist denn nach Aussagen vieler Betroffener und Involvierter wohl auch der Grund dafür, dass weder auf dem Betriebsgelände noch irgendwo in der Gemeinde eine Gedenktafel zum Unglück zu finden ist: «Soweit ich mich erinnern kann, war eine Gedenktafel im Gemeinderat nie ein Thema.

Ich denke, man wollte die Katastrophe allgemein möglichst hinter sich lassen und nicht immer wieder daran erinnert werden», sagt alt Gemeindeschreiber Ernst Gisi dazu.

Sein Leben lang das Unglück nicht verdaut hat Toni Natsch, der 2018 im Alter von 87 Jahren verstorben ist: «Ich war in der Firma, in der ich nach dem Unglück noch bis zur Pensionierung weitergearbeitet habe, auch Betriebssanitäter und in dieser Funktion später noch mehrmals mit schweren Vorfällen konfrontiert. Diese habe ich alle verkraften können. Aber die Explosion von 1969 nicht. Ich erschrecke immer noch, wenn es unvermittelt irgendwo chlöpft. Dann kommt das ganze Geschehen wieder hoch», hatte Natsch 2012 in einem Interview mit der AZ erklärt (siehe Box unten).