Das hübsche Häuschen in Olten, das Hans Berger mit seiner Familie bewohnt, ist geschmack- und liebevoll eingerichtet, das Gärtchen ist eine kleine Idylle mitten in der Stadt. Doch so ganz kommt es nicht an die Behausung heran, die er 34 Sommer lang bewohnt hat: Die Salbit-Hütte in den Urner Alpen, die der Sektion Lindenberg des Schweizer Alpenclubs (SAC) gehört.

Anders als das Haus in Olten, das zehn Minuten vom Bahnhof entfernt steht, ist die Salbit-Hütte nicht einmal per Auto erreichbar. Man legt die rund 1000 Höhenmeter ab Göschenen zu Fuss zurück, oder – wie es Berger alle drei bis sechs Wochen tat, wenn er etwa eine Tonne Lebensmittel beim Metzger, in der Chäsi und im TopCC einkaufen ging – man lässt sich mit dem Helikopter hinaufbringen. Anders geht es nicht.

Die wilde Bergromantik, die glühenden Alpengipfel, die nahen Kletterwände, der Gemüsegarten, die Einfachheit und natürlich die Gespräche mit den Gästen von Juni bis Oktober werden ihm fehlen. Und auch seine Frau Beatrice Temperli, die 50 % als Maître de Cabine bei Swiss angestellt ist und 22 Sommer lang so oft es ging mit ihm zusammen auf der Hütte war, wird das wunderbar einfache Leben auf der Salbit-Hütte vermissen: «Ein normaler Tag bestand dort aus aufstehen, das Wetter anschauen, nachsehen, wie viele Gäste für den Tag gebucht sind, sich ein entsprechendes frisches Menü ausdenken, dann den ganzen Tag wirten und abends müde und zufrieden ins Bett fallen.» Und mit Rutschbahn, Schaukel und den ganzen Alpwiesen als Spielplatz gefiel es auch den beiden gemeinsamen Kindern sowie Bergers Tochter aus früherer Ehe unglaublich gut.

Er sah viel Potenzial...

Hans Berger ist von der Salbit-Hütte und dem gesamten Gebiet nicht wegzudenken, er ist quasi ein Synonym für all die Klettergebiete, Klettergärten und natürlich für seine waghalsigste und international bekannteste Idee: die Salbit-Brücke.

Alpines Erlebnis: Über die Salbit-Brücke.

«Seit ich 1970, also mit 22 Jahren, meine Ausbildung zum Bergführer abgeschlossen hatte, wusste ich, dass ich Hüttenwart werden wollte. Meine Traumhütte war die Salbit-Hütte, denn sie steht im grössten und kompaktesten Granitklettergebiet der Schweiz, heute kommen Kletterer aus aller Welt eigens für den Salbit-Süd- oder -Westgrat. Aber damals, als ich anfing, gab es nur eine Handvoll klassisch ausgerüstete Routen. Ich wusste, welches Potenzial das Gebiet hatte, und das hat den SAC Lindenberg vielleicht auch überzeugt, mich aus all den Bewerbern für die Hütte auszuwählen», beschreibt der leidenschaftliche Berggänger und Kletterer.

Berger hatte klare Vorstellungen, wie er die Hütte führen wollte: «Wegen des bescheidenen Einkommenst musste ich parallel als Bergführer etwas dazuverdienen. Meine Vision war es, neue Kletterrouten und Klettergärten zu erschliessen.» Diese zwei Standbeine als Hüttenwart und Bergführer gaben ihm den Ausgleich, den er brauchte, um trotz all der Arbeit nicht auszubrennen. Ausserdem würden die neuen Routen das wunderschöne Gebiet populärer machen, was mehr Übernachtungsgäste auf die Hütte bringen würde.

Die Salbit-Brücke: Bergers wohl verrücktestes, aber erfolgreiches Projekt.

Die Salbit-Brücke: Bergers wohl verrücktestes, aber erfolgreiches Projekt.

... und setzte seine Visionen um

Eine seiner ersten Ideen war es, den Zugang von der Salbit-Hütte aus zum spektakulären Westgrat zu erschliessen. Dafür installierte Berger Fixseile an einer beinahe senkrechten Wand. «Doch schon eine Woche nach dem Aufbau war ein Gast, den ich da hindurchgeführt hatte, so begeistert, dass er mir 2000 Franken gab, womit ich die Seile durch eine Kette ersetzen konnte. So entstand der noch heute benutzte Kettenweg.»

1994 liess Hans Berger in Eigenregie sogenannte Topos drucken, also kleine Büchlein, in denen jede einzelne Kletterroute als Zeichnung und Text für Kletterer beschrieben ist. Zu Beginn verfügte das Gebiet über ein paar Kletterrouten für sehr versierte Kletterer. Bis heute sind es rund 60 Routen geworden, von denen die meisten auf Bergers Konto gehen.

Dazu gibt es fünf Klettergärten, auch solche für Anfänger. Knapp 3000 Haken hat er verbaut, die normalen Haken von früher sind alle durch Segmentanker ersetzt worden. Auch den SAC-Nachwuchs brachte Berger auf den Salbit: In Lagern halfen Jugendliche aus der Schweiz und Belgien eine halbe Woche beim Arbeiten, dafür konnten sie eine halbe Woche klettern. Unterstützt wurde er dabei von Helfern der Sektion Lindenberg.

Eine Brücke? Verrückt!

2003 kam Berger dann auf seine wohl verrückteste Idee: Er wollte den Salbit mit der nächsten SAC-Hütte verbinden, der Voralphütte. «Als ich das im SAC erwähnte, hiess es, dieses Projekt sei eine Nummer zu gross.» Doch zu jener Zeit bestand bereits der Urner Alpenkranz, eine Trekkingroute rund um den Kanton Uri. «Das war eine weitsichtige Idee, aber die Salbit-Hütte lag abseits und wurde auf dieser Wanderung leider oft ausgelassen.»

Ein Schäfer brachte ihn auf die Idee einer Brücke. Trotz der Warnungen seitens des SAC ging Berger dieser Gedanke nicht mehr aus dem Kopf. Dann half ihm der Zufall: Mit seiner Familie machte er in einer Ferienhaushälfte Urlaub, in deren anderem Teil ausgerechnet Walter Brog wohnte, der schon die Triftbrücke im Kanton Bern gebaut hatte. «Er war begeistert und organisierte sofort einen Brückeningenieur, einen Geologen und einen Fotografen, die mir bei der Planung halfen.» Unglaublich: 2010 konnte die heute gutbekannte Salbit-Brücke eingeweiht werden, was der Salbit-Hütte bereits im ersten Jahr deutlich mehr Übernachtungen bescherte.

Über all die Jahre war die Salbit-Hütte Hans Bergers zweite Heimat. So fällt der Abschied nicht leicht. «Aber ich bin jetzt 69 Jahre alt und habe eine 14-jährige Tochter und einen 11-jährigen Sohn. Ich möchte mir Zeit nehmen für sie, solange ich noch so gesund bin», erklärt er. «Ich bin froh, dass ein sehr guter Nachfolger gefunden werden konnte. Vor allem aber bin ich dankbar, dass ich meinen Traum so lange leben durfte.» Als Bergführer und Tourenleiter wird er weiterhin in den Bergen im In- und Ausland anzutreffen sein.