Wohlen
1966 fiel die Wohler Bezirksschulhaus-Renovation durch

Hans Stalder und Markus Hübscher bekämpften eine aufwendige Vorlage – und waren mit ihrem Referendum erfolgreich. Mit Blick auf die Schulraum-Investitionen sagt Stalder: «Ich bin der Meinung, dass wir Notwendiges von Wünschbarem trennen müssen.»

Jörg Baumann
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Hans Stalder vor dem Wohler Bezirksschulhaus, das nach einigen Umwegen doch noch renoviert werden konnte. BA

Hans Stalder vor dem Wohler Bezirksschulhaus, das nach einigen Umwegen doch noch renoviert werden konnte. BA

Wer in einer Gemeinde das Referendum gegen ein Sachgeschäft ergreift, macht sich nicht unbedingt beliebt. Das mussten in Wohlen vor 47 Jahren auch Hans Stalder und Markus Hübscher erleben. Sie brachten 1966 die erste Teilrenovation des Bezirksschulhauses zu Fall.

Die Akten über den Abstimmungskampf bewahrte der 74-jährige Hans Stalder lange auf. Inzwischen hat er sie entsorgt. Aber er erinnert sich noch gut an die letzte Gemeindeversammlung, die 1965 stattfand, bevor 1966 der Einwohnerrat eingeführt wurde. 800 Stimmbürger erschienen zur Versammlung, an der die Schulhausvorlage behandelt wurde. Die Teilrenovation hätte 310 000 Franken kosten sollen. Gemeinderat, Schulpflege und Lehrerschaft waren für die Vorlage, Stalder und Hübscher sprachen sich dagegen aus.

Ins Auge sprangen Stalder damals vor allem die Kosten, die für den Ersatz der alten Fenster berechnet worden waren. «Viel zu teuer», fand er und liess in der Fensterfabrik Niederwil eine neue Kostenschätzung anstellen. Die Schätzung fiel um einiges tiefer aus, als in der Renovationsvorlage angegeben. Es gelang Stalder und Hübscher, die Mehrheit der Stimmbürger an der Gemeindeversammlung von ihren Argumenten zu überzeugen. Die Vorlage wurde vom Volk deutlich abgelehnt.

Nach dieser Abfuhr griff der Gemeinderat das Anliegen sofort wieder auf. Im nun eingeführten Einwohnerrat wurde die Vorlage noch bewilligt. Stalder und Hübscher ergriffen gegen den Beschluss das Referendum und bekamen vom Volk erneut Recht. Die Stimmbürger verwarfen die Renovation des Schulhauses an der Urne am 16. Oktober 1966 mit 1029 gegen 747 Stimmen.

Stalder weiss noch gut, wie er und sein Nachbar Markus Hübscher eigenhändig auf einem Vervielfältigungsapparat die Flugblätter herstellten und sie mit der Hilfe ihrer Kinder in alle Haushaltungen verteilten. «Wir hatten nicht das Geld dazu, die Flugblätter drucken und sie per Post verschicken zu lassen», berichtet Stalder. «Darum machten wir die Flugblätter eben selber.»

Natürlich kam die Opposition beim Gemeinderat schlecht an. Dieser warf den hartnäckigen Gegnern «Falschinformation» vor. Eine Lokalzeitung habe sich sogar geweigert, einen seiner kritischen Leserbriefe zu publizieren, erzählt Stalder.

Trotz der Gegenwehr musste der Gemeinderat erneut eine Niederlage einstecken. Daraus zog dieser den Schluss, dass die Renovationsvorlage wohl überladen gewesen sei. Deshalb teilte er diese in mehrere Etappen auf und hatte damit letztlich Erfolg.

Aber die gesamte Schulhausrenovation habe zuletzt über eine Million Franken gekostet, erinnert sich Stalder. Mit der Taktik, die Vorlage in mehrere Etappen zu gliedern, habe der Gemeinderat der Opposition praktisch den Wind aus den Segeln genommen. Deshalb habe er den Kampf gegen die Bezirksschulhaus-Renovation aufgegeben – zwar zähneknirschend, aber aus dem einfachen Grund, «weil mir für die Kampagne für ein weiteres Referendum das Geld fehlte», erklärt Stalder.

«Vielleicht würde ich heute in der gleichen Angelegenheit nicht mehr gleich vorgehen. Ich bin aber nicht ganz sicher. Denn ich bin der festen Meinung, dass eine Gemeinde die Steuerfranken sinnvoll einsetzen und Notwendiges von nur Wünschbarem trennen muss.» Das sagt Hans Stalder auch mit Blick auf die vermutlich grossen Ausgaben, die die Gemeinde Wohlen in nächster Zeit im Schulbereich tätigen muss.

Beruflich hat Stalder seine oppositionelle Haltung nicht geschadet. Er arbeitete sich im Stahl- und Walzwerk der Ferrowohlen AG bis zum Schmelzmeister empor. 1994 musste die Ferro das Werk schliessen. Stalder und viele andere Angestellten erhielten die Kündigung. Im Alter von 56 Jahren musste Stalder auf Stellensuche. «Das war äusserst schwierig», erzählt er. «Ich habe Hunderte von Bewerbungen geschrieben und stets Absagen erhalten.»

Stalder biss dennoch tapfer auf die Zähne. Nach einer längeren Durststrecke erhielt er vom Betreibungsamt Wohlen wieder eine feste Anstellung als Zustellbeamter. Diese Arbeit, «in der ich viel über die Menschen und ihre Charaktereigenschaften lernte», hat Hans Stalder bis zu seinem 70. Altersjahr zuverlässig ausgeführt.

Politisch blieb Stalder aktiv. So stimmte er vor kurzem gegen die erste Kreditvorlage für den Umbau der Friedhofhalle, weil sie ihm überrissen schien. Prompt scheiterte die Vorlage in der Volksabstimmung. Der Gemeinderat reduzierte die Kosten, die zweite Vorlage wurde bewilligt. Alle sind nun zufrieden – auch Hans Stalder. Der Umbau der Friedhofhalle hat inzwischen begonnen.

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