Wollte man vor 125 Jahren die Alpen bewandern, wurde man bestenfalls ausgelacht. Die meisten Leute hielten einen wohl eher für verrückt. Unterdessen ist das Bergwandern zum Volkssport geworden. Damit das heute möglich und so sicher ist, wie das trotz Naturgewalten eben geht, haben sich vor allem die Sektionen des Schweizer Alpen Clubs (SAC) in den vergangenen beiden Jahrhunderten stark eingesetzt. So auch der SAC Lindenberg, der dieses Jahr seinen 125. Geburtstag feiern darf. Doch warum gibt es im Freiamt überhaupt einen solchen Verein, wo die Berge doch gar nicht in der Nähe sind?

Eben genau deshalb: Heute kauft man sich eine Karte oder druckt sich eine Route im Internet aus, steigt ins Auto und kann in etwa einer Stunde mit dem Wandern beginnen. Früher waren die Vorbereitungen und auch die Anreise viel komplizierter. Es gab noch kaum Kartenmaterial, Autos gab es auch nicht, und es war noch gar nicht lange her seit der Erstbesteigung verschiedener Schweizer Gipfel. Die Jungfrau beispielsweise wurde 1811 erstmals erklommen, die Dufourspitze, der höchste Berg der Schweiz, 1855, und das Matterhorn gar erst 1865.

Ort zum Austausch gesucht

Doch die Freiämter wollten z’Berg. Dazu schrieb der SAC-Lindenberg-Präsident Hans Hartmann zum 100-Jahr-Jubiläum: «Von vielen Orten im Freiamt geniesst man eine prächtige Sicht in die Alpen. Die Rundsicht vom Hasenberg oder vom Lindenberg an einem klaren Föhntag ist einmalig. Dies ist sicher ein Grund, dass viele Freiämter eine besondere Beziehung zu den Bergen haben.» So waren es 1894 zwei Wohler Bergfreunde, die fanden, es brauche auch im Freiamt einen Ort, wo sich Alpenbegeisterte zum geselligen Austausch und zum Planen neuer Abenteuer treffen könnten.

Laut 100-Jahr-Festschrift waren das «Herr Dr. R. Müller und Herr Vorstand Huber-Egli». Denn ja, damals waren die Alpen, zumindest, was das Bergsteigen anging, wohlhabenden Männern vorbehalten. Arme Bauern konnten sich ein solches Vorhaben nicht leisten, und Frauen wurden kaum mitgenommen. Erst ab 1978 durften Frauen offizielle im SAC Lindenberg mitmachen.

Ursprünglich wollten die beiden Herren im Freiamt eine Untersektion des SAC Aarau aufbauen, bei dem sie beide Mitglieder waren. «Aber es kam anders. Der Aufruf war rasch von 57 Interessenten unterzeichnet, denen sich später noch einige anschlossen», so die 100-Jahr-Festschrift. Am 29. Januar 1894 wurde also im damals 3000-Seelen-Dorf Wohlen eine eigene SAC-Sektion gegründet und auf den Namen Lindenberg getauft.

Seither ist sehr viel gegangen. Der SAC Lindenberg zählt mittlerweile über 750 Mitglieder und führt in seinem Programm jährlich über 100 Angebote auf – von Familienwanderungen bis zu anspruchsvollen, hochalpinen Touren. Dieses Jahr sollen es genau 125 Gipfel sein, die sie besteigen. Abgesehen von den unzähligen Bergbegehungen gibt es in der Sektion aber vor allem zwei Highlights, die die Jahre überstrahlen. «Besonders stolz sind wir auf unsere Salbithütte und die Salbitbrücke», hält der heutige Präsident Francis Kuhlen fest.

Bereits 1930 äusserten die Sektionsmitglieder den Wunsch, wie viele andere Sektionen eine eigene Hütte zu besitzen. «Nun besteht die Möglichkeit, innert den nächsten Jahren auf der Salbitalp ob Göschenen eine kleine Refuge zu errichten. Diese Gelegenheit dürfen wir uns nicht entgehen lassen», schrieb der Vorstand damals. «Der Aufstieg von Göschenen erfordert kaum 21/2 Stunden. Die Alp liegt wildschön», hiess es weiter. So baute der SAC Lindenberg 1931 auf 2105 Metern über Meer seine Salbithütte. Mit den Jahren wurde diese im grossen Stil aus- und umgebaut, sodass sie heute 58 Schlafplätze fasst, eine moderne Küche und Solarzellen auf dem Dach aufweist.

Sichere Touren und Singen

Die Salbitbrücke, die 2010 eingeweiht wurde, verbindet die Salbithütte mit der Voralphütte. Als der damalige Hüttenwart Hans Berger erstmals mit der Idee einer Brücke an die Sektion gelangte, hielten ihn viele für einen Spinner. Doch heute ist die Brücke ein Highlight und bringt nicht mehr nur Kletterer, sondern auch viele Wanderer ins Salbitgebiet im Urnerland.

«Für mich gibt es neben Hütte und Brücke aber noch zwei weitere ganz wichtige Highlights in all den Jahren», sagt Präsident Francis Kuhlen. «Und das sind die Geselligkeit und die Sicherheit.» Das klinge abgedroschen, aber genau aus diesen Gründen brauche es den SAC. «Ich habe schon so viele tolle Touren zu atemberaubenden Plätzen erlebt, bei denen wir abends in den Hütten gesungen und geredet haben. Dabei war auf die Bergführer und Tourenleiter immer Verlass. Das ist ein wunderbares Gefühl.»

Doch am meisten merke man, wie grossartig der SAC sei, wenn man einmal einen Unfall habe. «Denn dann erst erkennt man, wie wichtig es ist, mit gut ausgebildeten Leuten unterwegs zu sein. Da bin ich sehr stolz darauf, dass wir so viele sehr gute und erfahrene Führer in der Sektion haben.»