Mit ihrer Stimme füllte sie schon ganze Konzertsäle in Madrid, Paris und Luxemburg. Seit fünf Jahren lebt die Sängerin in Sarmenstorf. Christina Daletska, die ursprünglich aus der ukrainischen Grossstadt Lemberg stammt, gehört zu den europäischen Grössen der Opern- und Konzertsängerinnen. Bei einem Spaziergang durch Wohlen entlang der Bünz erzählt sie: «Die Landschaft hier gefällt mir sehr, sie ist nicht so flach wie in der Ukraine.»

Einmal jährlich reist sie in ihre Heimat, doch dieses Mal geht ihre Reise nach Paris. Denn vom Aargauer Kuratorium erhielt sie ein Stipendium im Wert von 18'000 Franken für einen Atelieraufenthalt in der Kunstmetropole. Regelmässig können sich Aargauer Künstler um Atelieraufenthalte und Reisestipendien bewerben. «Wenn das Talent der Künstler und ihre Pläne mit dem Stipendium mit den Vorstellungen des Kuratoriums übereinstimmen, genehmigen sie das Stipendium», erklärt Daletska. «Die Künstler sollen sich durch die Aufenthalte für neue Werke inspirieren lassen.»

Zwischen Musik und Amnesty

Ihre samtig weiche Mezzosopranstimme wird etwas höher und fröhlicher, wenn sie über ihr Stipendium spricht: «Ich freue mich sehr auf Paris. Für mich ist es auch Erholung, ich war in letzter Zeit streng mit mir selbst und habe viel gearbeitet.» Durch ihre nebenberufliche Arbeit als Botschafterin von Amnesty International Schweiz spricht sie sieben Sprachen, Französisch wird die achte. Deutsch spricht sie im Zürcher Dialekt, ihr ukrainischer Akzent ist kaum zu hören.

Vor 13 Jahren, als sie an die Zürcher Musikhochschule kam, war dies noch anders. Damals war sie Geigerin und begann erst mit ihrem Studium zur Sängerin. Denn Geige spielte sie nur ihrer Mutter zuliebe. «Sie war selbst Geigenspielerin und unterrichtete mich schon mit vier Jahren. Sie dachte, der Wunsch Sängerin zu werden, sei nur eine Phase», erzählt sie.

Dass der Atelieraufenthalt in Paris sein wird, kommt ihr auch auf eine andere Art zugute: Dort wird die Uraufführung ihrer Europatournee stattfinden. Die Oper spielt in Fukushima zu der Zeit, in welcher der Atomreaktor von einem Erdbeben zerstört wurde. Sie befasst sich mit grundsätzlichen Fragen des Lebens, zum Beispiel wie die Menschheit der Erde schadet.

"Man darf Ungerechtigkeit nicht gelten lassen"

Daletska vertritt zu diesem Thema eine klare Haltung: «Man sollte Ungerechtigkeit in keiner Form gelten lassen», erklärt sie mit tiefer, ernster Stimme. «Ausserdem sollten wir uns nicht auf kleine Probleme fokussieren, denn bevor wir diese lösen können, müssen zuerst die grossen Probleme, wie beispielsweise die Ausbeutung durch Grosskonzerne, gelöst werden.»

Den Kommunismus in der Ukraine hat sie als kleines Kind miterlebt. «Es ist durchaus möglich, dass ich deshalb bei Amnesty bin», meint die Sängerin. «Doch ich kann mich kaum an diese Zeit erinnern.» Sie setzt sich auf eine rote Parkbank. «Nur wenige Ereignisse sind mir im Gedächtnis geblieben», erzählt sie. «Das eine war, als ich mit meiner Grossmutter einkaufen ging. Es gab einen kleinen Laden, der nur Brot und Milchprodukte verkaufte. Wir mussten in zwei Schlangen anstellen, um etwas kaufen zu können.»

Die Sängerin möchte sich verstärkt für Menschenrechte einsetzen, indem sie bei Amnesty in der Abteilung Research arbeitet. Sie sammelt Beweise, die ungerechte oder illegale Taten von Grosskonzernen aufdeckt. Ihre musikalische Tätigkeit ist ebenfalls mit ihren Ansichten verknüpft: «Ich gebe keine Konzerte in Ländern, welche die Todesstrafe noch vollziehen.»