Villmergen
150-Jahr-Jubiläum: Ein Maurersohn baute einst das neue Gotteshaus

Die Pfarrei gedenkt der Einweihung der Kirche Peter und Paul vor 150 Jahren.

JÖRG BAUMANN
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Der Baumeister der Kirche Peter und Paul in Villmergen: Wilhelm Keller aus Rüedikon. ZVG

Der Baumeister der Kirche Peter und Paul in Villmergen: Wilhelm Keller aus Rüedikon. ZVG

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Der Sohn eines Maurers aus Rüedikon (Gemeinde Schongau, LU) schrieb einst in Villmergen Geschichte: Wilhelm Keller erbaute vor 150 Jahren die neugotische, riesige Pfarrkirche Peter und Paul. Die katholische Pfarrei Villmergen feiert dieses Ereignis am übernächsten Wochenende vom 25. und 26. Juni zusammen mit der Bevölkerung mit einem grossen Kirchenfest, bei dem Bischof Felix Gmür den Festgottesdienst halten wird.

Historiker rollt Geschichte auf

Die Geschichte des Kirchenbaus rollt der Villmerger Historiker Josef Kunz in einer kurzweilig formulierten Festschrift auf. Mit einigen Interviews und viel Bildmaterial und Plänen wolle er den Menschen von heute zeigen, wie die Villmerger Kirche mit dem riesigen, 63,43 Meter hohen Kirchenturm entstanden sei, sagt Kunz.

Die Villmerger trennten sich damals von ihrer mittelalterlichen, baufälligen Kirche auf dem Kirchhügel, am Platz des heutigen Friedhofs. Die älteste Glocke aus dem Jahr 1638 installierte man im neuen Kirchturm. Sie harmoniert ausgezeichnet mit den sechs anderen Glocken, die für die neue Kirche gegossen wurden.

Mit dem Abklingen von Barock und Klassizismus suchten Architekten und Baumeister nach neuen Formen. Sie fanden diese in den traditionellen abendländischen Baustilen der Romanik und der Gotik. Einer dieser Baumeister war Wilhelm Keller (1823-1888). Keller soll als Maurersohn nur zwei Winter lang im Estrich eines Bauernhauses in Rüedikon regulären Schulunterricht besucht haben. Schon mit elf Jahren begann er, als Handlanger im väterlichen Betrieb mitzuhelfen. Daneben wanderte er wöchentlich hinüber ins Kloster Muri, um sich von P. Leodegar Kretz im Zeichnen unterrichten zu lassen.

Nach Gesellen- und Wanderjahren in Süddeutschland, wo er den von München ausgehenden Erneuerungsbewegungen im Kirchenbau begegnet sein dürfte, gründete Keller in Schongau ein eigenes Bauunternehmen, das er 1854 nach Hitzkirch und später nach Luzern verlegte. 1847 leitete er bereits erstmals einen Kirchenbau in Ballwil nach den Plänen von Johann Seidl.

Mehrere Projekte eingereicht

Die Villmerger beschäftigten sich seit 1834 mit dem Bau einer neuen Kirche. Das Kloster Muri schob die Pläne aber auf. Sie wurden erst 1846 wieder an die Hand genommen. Es wurde eine Baukommission gegründet. Johann Pankraz Keusch aus Boswil reichte unaufgefordert ein Projekt ein. Darauf traten die Villmerger nicht ein. Vielmehr bestellten sie bei Caspar Joseph Jeuch aus Baden, der schon früher als Experte für den Bauplatz in Villmergen tätig gewesen war, Pläne für das neue Gotteshaus. Der Regierungsrat griff aber 1853 ein und forderte Jeuch gegen die Meinung der Baukommission auf, die Pläne «byzantinischer Bauart» in «gotischer Bauart» abzuändern.

Inzwischen hatte auch der Zürcher Architekt Ferdinand Stadler einen neuen Entwurf für eine flachgedeckte gotische Basilika mit einem Frontturm eingereicht. Die Gemeinde wünschte aber einen gewölbten Kirchenraum mit einem Flankenturm. Hier schaltete sich Wilhelm Keller als Gutachter ein. Stadler zog sich, nachdem er einigen Änderungswünschen nachgegeben hatte, verärgert aus dem Rennen zurück. Damit schlug die Stunde für Keller. Dieser entwarf auch die gesamte Innenausstattung mit Altären, Kanzel und Taufstein. Nur die Orgel wollten die Villmerger nicht nach Kellers Plänen bauen lassen.

Kirche später ausgeschmückt

Mit der Grundsteinlegung begannen am 3. Mai 1863 die Bauarbeiten. Am 2. September 1866 weihte Bischof Eugène Lachat, der später unter unglücklichen Umständen abdanken musste, die neue Villmerger Kirche ein. In einer umfassenden Renovation wurde das Innere der Kirche 1908/10 stark verändert. Aus dieser Zeit stammt die Ausschmückung des Gewölbes mit den prägnanten lindengrünen Blattranken. Teile der von Keller entworfenen und 1908 entfernten Ausstattung fanden bei der letzten Renovation 1976/77 wieder den Weg in den Kirchenraum.

Quelle: Villmerger Blätter Neujahr 1996.

Die alten Glockenklöppel werden versteigert

Am Kirchenfest öffnet die Kirchenpflege am Samstag, 25. Juni, von 14 bis 17 Uhr, die Kirche und das Pfarrhaus. Beide Gebäude können gründlich besichtigt werden. Es ist auch möglich, den Kirchturm bis zum Glockenstuhl zu besteigen. Im Pfarrgarten werden die Besucher mit Kaffee und Kuchen verwöhnt. Dort werden ab 16.15 auch die alten Glockenklöppel versteigert. Der Erlös geht an das Kinderheim St. Benedikt in Hermetschwil. Um 17.30 Uhr wird die Schola Gregoriana die Vesper begleiten. Am Sonntag, 26. Juni, um 10 Uhr feiert Bischof Felix Gmür zusammen mit früher in Villmergen tätigen Priestern das Pontifikalamt. Musikalisch wird der Gottesdienst vom Cäcilienchor und von einem Orchester mit Solisten unter der Leitung von Stephan Kreutz umrahmt. Nach dem Gottesdienst ist die Bevölkerung zu einem Apéro eingeladen. (BA)