Die lichtdurchfluteten Gänge des neuen Labor- und Bürogebäudes in Dottikon sind fast 80 Meter lang. Vier Jahre hat es gedauert, bis Markus Blochers neuste Investition stand. 52 Millionen Franken hat das Projekt gekostet. Die massive Betonstruktur auf vier Geschossen umfasst eine Fläche von 9000 Quadratmetern und ist innen grosszügig verkleidet mit warmem Holz. In der Mitte der Struktur trennt der Gang die Labors von den Büros.

«Das ist ein wichtiger Schritt für uns», sagt Markus Blocher, Sohn des ehemaligen SVP-Bundesrates Christoph Blocher, als er durch die neuen Räumlichkeiten führt. Büros und Labors werden in diesen Tagen bezogen. 100 neue Arbeitsplätze sind entstanden, zusätzlich zu den bestehenden 500. Mit Möglichkeit zum weiteren Ausbau, erklärt der Unternehmer zuversichtlich: «Die Investition gibt uns die Möglichkeit, auf den steigenden Marktbedarf zu reagieren», sagt Blocher. Der Chemiker ist Geschäftsführer und Mehrheitsaktionär der Dottikon Exclusive Synthesis AG (Dottikon ES). Bis 2005 war das Unternehmen Teil der EMS-Gruppe, die von der älteren Schwester Magdalena Martullo-Blocher geleitet wird. Im Auftrag der Pharma- und Chemieindustrie stellt das Unternehmen heute Feinchemikalien her. «Hier werden 200 verschiedene Zwischenprodukte und Pharmawirkstoffe hergestellt», sagt Blocher. Der Grossteil davon wird später zu Medikamenten verarbeitet.

Bezug erst vor kurzem

Erst vor wenigen Tagen sind die ersten Mitarbeitenden aus temporären blauen Containern in das neue Laborgebäude umgezogen. Die Kapazität der alten Labors war überschritten, man musste kurzfristig improvisieren: «Wir haben Aufträge bekommen, Mitarbeitende dafür gebraucht, aber das Labor noch nicht gehabt. Die Teams haben wir fortlaufend aufgebaut», so Blocher.

Die Auftragslage in der Pharmaindustrie ist gut und Blocher erwartet weiterhin ein starkes Wachstum. Statt Dividenden auszuzahlen, investiert er überschüssige Liquidität seit einigen Jahren in künftiges Wachstum: «Das Geld, das wir verdient haben, nutzen wir, um das bestehende Geschäft weiterzuentwickeln. Daran glauben wir.»

In der Pharmaindustrie habe in den letzten Jahren ein Wandel stattgefunden, erklärt der Chemiker. Weil heute Medikamente schneller zugelassen werden, ist das Fenster für die chemische Prozessentwicklung kürzer geworden, sprich: es brauche mehr Mitarbeitende und eine gute Infrastruktur: «Es braucht auch mehr Teams, man muss zum Teil parallel arbeiten, damit die Herstellung in diesem verkürzten Zeitrahmen überhaupt möglich ist», erklärt Blocher. Ausserdem hätten grosse Pharmaunternehmen die Herstellung der Wirkstoffe vermehrt ausgelagert, an Firmen wie die Dottikon ES: «Es gibt für uns mehr zu tun als früher», sagt Blocher. Auch die Tatsache, dass Finanzinvestoren stark in die Biotechbranche investieren, bringt mehr Arbeit für das Aargauer Unternehmen: «Die Innovation wächst damit schneller, es resultieren viele neuartige Wirkstoffkandidaten, welche oft als neue Medikamente auf den Markt gelangen.»

Ganzer Prozess an einem Ort

Vom sogenannten «Routefinding», bei dem die Chemiker und Laboranten den schnellsten und zukünftig kosteneffizientesten Weg zu einer vom Kunden gewünschten chemischen Verbindung suchen und auf Machbarkeit testen, bis hin zur Qualitätskontrolle beim grosstechnisch produzierten Endprodukt findet der gesamte Wertschöpfungsprozess in Dottikon statt.

Markus Blocher hat schon immer eine Ein-Standort-Strategie verfolgt und will diese mit der neuen Investition weiter vorantreiben. «Ich kann viel schneller und zuverlässiger reagieren. Das ist unser grosser Vorteil, den wir ausspielen können.» Der regionale Bezug sei ihm wichtig, betont Blocher, eine grosse Anzahl der Mitarbeitenden komme aus der Region: «Das macht die Stärke des Unternehmens aus.»

Mit dem Neubau habe man nicht nur platzmässig aufgestockt und modernisiert, sondern einen technologischen Fortschritt erzielt. Das gesamte Areal der Dottikon ES umfasst über 600'000 Quadratmeter und gleicht einem Campus. Früher stand hier die Schweizerische Sprengstoff-Fabrik. Deren Explosionsunglück, welches 18 Menschen das Leben kostete, jährte sich kürzlich zum 50. Mal.

«Und plötzlich diese Totenstille»: Zeitzeugen erinnern sich an die Explosionskatastrophe in Dottikon

«Und plötzlich diese Totenstille»: Zeitzeugen erinnern sich an die Explosionskatastrophe in Dottikon. (Video im April 2019 erstmals veröffentlicht)

Vor 50 Jahren hinterliess ein Explosionsunglück in der Schweizerischen Sprengstoff-Fabrik Dottikon Tod und Verwüstung. Was genau geschah an jenem schicksalshaften Dienstagmorgen nach Ostern?

Firma hat weitere Ausbaupläne

In den nächsten vier Jahren soll bei Dottikon ES nochmals kräftig investiert und gebaut werden, kündigt Markus Blocher an: «Wir planen ein Hochregallager, eine Wirkstofftrocknungsanlage, eine neue Pilot- und Mehrzweckproduktionsanlage.» Eine Herausforderung sei es, die geeigneten Fachkräfte zu finden: «Es hat zu wenig Chemie-Pharmatechnologen», fügt Blocher an. Gesucht seien auch Personen, die eine technische Ausbildung haben, sei es in der Metall- oder Lebensmittelindustrie: «Wir nehmen sie auf und schulen sie um auf die chemische Produktion.»

Die Dottikon ES sei im Dorf immer ein Thema, sagt Gemeindeammann Roland Polentarutti, der beim Termin der AZ mit Markus Blocher dabei ist: «Und zwar nicht nur, wenn es um die Steuereinnahmen geht», scherzt er. Das Unternehmen sei ein grosser Arbeitgeber in Dottikon und er freue sich, wenn der Betrieb floriere, sagt Polentarutti.

Das neue Laborgebäude wird heute Freitagabend mit einem Fest offiziell eingeweiht, Markus Blocher erwartet dabei rund 600 geladene Gäste.