47 Prozent glauben im Aargau, dass es ein Leben nach dem Tod gibt. 43 Prozent glauben das nicht, 10 Prozent wissen es nicht. Interessanterweise glaubt eine Mehrheit der Frauen (57 Prozent), aber nur 38 Prozent der Männer, dass nach dem Tod noch etwas kommt. Erstaunlicherweise unterscheiden sich die Antworten der 15- bis 34-Jährigen, 35- bis 54-Jährigen und über 55-Jährigen nur marginal. Die Umfrage zeigt zudem deutlich: je höher die Bildung, desto kleiner der Glaube an ein Leben nach dem Tod.

Rechtzeitig etwas ins Reine bringen

Was denken Menschen, die von Berufes wegen oft mit dieser Frage konfrontiert sind? Regula Erb ist leitende Ärztin der Interdisziplinären Intensivstation am Kantonsspital Baden (KSB). Sie erfährt dort vorab die Angst von Patientinnen und Patienten vor dem Sterben und möglichen starken Schmerzen und Leiden dabei. Etwas sehr Wichtiges ständig zu verschieben, was manche Menschen tun, sei ein grosser Fehler, sagt Erb aus ihrer Erfahrung. Denn plötzlich könnte es zu spät sein. Das Bewusstsein, etwas nicht ins Reine gebracht zu haben, könne das Sterben sehr schwierig machen. Dass fast die Hälfte der Menschen an ein Leben nach dem Tod glaubt, und dass ihnen dies Hoffnung und Trost gibt, versteht sie gut. Sie selbst glaubt nicht daran.

Aus Sicht der Trauernden begegnet die Meisterfloristin Ursula Wild-Donat dem Tod. Sie führt das Blumengeschäft der Friedhofsgärtnerei in Wohlen. Bei trauernden Kunden spürt sie sofort, ob diese das Gespräch suchen oder ganz sachlich bleiben. Kürzlich hörte sie einer Dame über eine Stunde zu. Diese bedankte sich später. Sie hatte niemanden, um über ihren schmerzlichen Verlust zu reden. Im Gespräch zeige sich manchmal, dass Hinterbliebene Mühe mit dem Entscheid des Verstorbenen für das Gemeinschaftsgrab haben. Ein rechtzeitiges Gespräch miteinander über dieses Tabuthema könnte oft hilfreich sein.

Myrtha Schmid ist Sterbebegleiterin am Kantonsspital Baden. Sie könnte, was sie erlebt, nicht ertragen, wenn sie nicht selbst an ein Leben nach dem Tod glauben würde. Der Gesichtsausdruck Verstorbener sei so gelöst und friedlich, «dass ich überzeugt bin, dass sie jetzt an einem wunderschönen Ort sind», sagt Schmid. Sterbenden sagt sie, dass sie jetzt einen grossen Schritt tun und dass ihre verstorbenen Liebsten auf sie warten. Da erkenne sie auf den Gesichtern ein richtiges Strahlen. Doch ob nach dem Tod wirklich noch etwas kommt, wer weiss es? Für Schmid ist der Tod ein grosses Geheimnis. Sie hofft, dass es so bleibt. Was sagen die grössten Landeskirchen zur Umfrage? Luc Humbel, Präsident des Kirchenrates der Römisch-Katholischen Landeskirche, fragt sich, ob die Umfrage wirklich repräsentativ sei. Man dürfe aus dem Ergebnis jedenfalls nicht ableiten, ob jemand gläubig sei oder nicht. Sie zeigt ihm den Trend zur Individualisierung, in deren Folge sich viele vom Glauben abwenden. In einer Zeit der permanenten Verfügbarkeit so vieler materieller Dinge kümmere man sich nicht um das, was man grad nicht zu brauchen glaubt. Da sieht er Parallelen zum Umgang mit der Religion. Die Herausforderung für die Kirche sei, besser aufzuzeigen, was sie alles leistet, etwa im Bereich der Gemeindearbeit und der Spezialseelsorge.

Vom Ergebnis nicht überrascht

Luc Humbels Kollegin an der Spitze der Reformierten Kirche, Claudia Bandixen, zeigt sich vom Ergebnis nicht überrascht. Relevant ist die Frage für sie aber nur, wenn die Antwort darauf einen Einfluss auf die Gestaltung des eigenen Lebens hat. Wer überzeugt ist, dass er nach dem Tod vor demselben Gott steht wie im Leben, lebt anders als jemand, der glaubt, dass mit dem Tod alles zu Ende ist. Anders gesagt, ist Claudia Bandixen überzeugt: Wem bewusst ist, dass er nicht zufällig hier ist, sondern dass er oder sie ein Glied in einer langen Kette von von Gott erschaffenen Menschen ist, lebt anders. Der wisse, dass auch der geringste Mensch nicht überflüssig sondern Gottes Werk sei, und er handle auch danach.

Wer an Gott glaubt, für den sei es einfacher, mit dem Tod umzugehen. «Denn er weiss», so Claudia Bandixen, «ein gütiger Gott begleitet uns im Leben und auch im Tod. Das glaube ich ganz fest.»