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Frau Schuppli, ärgert Sie die «Nicht Auswahl»?

Parallel zur Ausstellung «Auswahl 10» des Kunsthauses Aarau findet dieses Jahr die «Nicht Auswahl Bleifrei» statt. Davor lud die az Aargauer Zeitung Baldinger und Kunsthausdirektorin Madeleine Schuppli zu einer Aussprache ein.

Sabine Kuster
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Initiant Tizian Baldinger will im Atelier Bleifrei die vom Kunsthaus abgewiesenen Werke ausstellen. Die dortige Vernissage fand gestern eine Stunde nach jener des Kunsthauses statt.

Herr Baldinger, misstrauen Sie der Jury des Aarauer Kunsthauses?

Tizian Baldinger: Nein, in keiner Art und Weise. Die machen das sicher super.

Ihre Ausstellung ist aber eine Provokation. Sie sagt: Wir finden gut, was das Kunsthaus schlecht findet.

Baldinger: Nein, die Ausstellung «Nicht Auswahl Bleifrei» soll einfach eine weitere Plattform sein. Das Kunsthaus ist räumlich begrenzt und hat zudem einen anderen Anspruch als wir. Wir wollen auch den anderen Raum bieten.

Sind sie denn genug gut?

Baldinger: Man muss das nicht werten: Im Kunsthaus hat es keinen Platz, bei uns hat es Platz.

Es kann also jeder ausstellen.

Baldinger: Nein, denn es traut sich nicht jeder, sich beim Kunsthaus zu bewerben. Die Werke sind also schon eine Selektion.

Im Windschatten des Kunsthauses kommen Sie so zu einer Ausstellung.

Baldinger: Ja, das kann man so sagen. Aber es soll nicht Windschatten für den Gegner sein, sondern wie beim Radsport für ein Teammitglied. Ich trage dasselbe Trikot. Mir schwebt ein grosser Kunst-Event mit dem Zentrum Aargauer Kunsthaus vor. Die «Auswahl» ist genial und lässt sich ausdehnen. Ich möchte auch andere motivieren, aktiv zu werden. Aarau soll leben.

Frau Schuppli, ärgert Sie die Ausstellung «Nicht Auswahl»?

Madeleine Schuppli: Nein, überhaupt nicht. Dieses Modell hat eine lange Tradition, ausgehend von dem Pariser «Salon des refusées» im 19. Jahrhundert. Es gab schon immer offizielle Bewertungen und gleichzeitig auch das berechtigte Interesse, jene Werke sehen und zeigen zu wollen, die nicht ausgewählt wurden. Wir wählen aufgrund der Qualität aus, denn es soll kein Jekami sein, sondern eine sorgfältige Präsentation des Aargauer Kunstschaffens.

Der Salon des refusées konnte damals viele Werke zeigen. Anscheinend waren die Künstler überzeugt von ihrer Arbeit und schämten sich nicht, abgewiesen zu sein. Wie ist das bei den Aargauer Künstlern?

Baldinger: Ich kann das nicht beurteilen, weil ich viel zu wenig Zeit hatte, um für die «Nicht Auswahl» zu werben. Dies ist ein entscheidender Grund, dass es nur fünf Anmeldungen gab. Ein Grund für die wenigen Anmeldungen war vielleicht auch, dass die Leute dachten, es sei ein rebellischer Akt. Das ist mein Fehler – man kennt mich bisher eher von meiner rebellischen Seite.

Wie schätzen Sie die Aargauer Künstler ein, Frau Schuppli, sind sie selbstbewusst, können sie dazu stehen, es nicht ins Kunsthaus zu schaffen?

Schuppli: Die «Auswahl» ist eine emotionale Sache. Wir merken, es bedeutet den Künstlerinnen und Künstlern viel, dabei zu sein, und sie engagieren sich stark für ihren Auftritt. Wir nehmen die Ausstellung auch sehr ernst. Für die einen ist eine Absage schwierig, andere gehen locker damit um. Die Künstlerinnen und Künstler sollen auf jeden Fall selbst entscheiden, ob sie dies publik machen wollen. Wir geben die Liste mit den abgelehnten Werken daher nicht heraus.

Wer sind denn die fünf Künstler der «Nicht Auswahl»?

Baldinger: Die Künstler sind zwischen 25 und 50 Jahren alt. Dabei ist zum Beispiel der Suhrer Oliver Krähenbühl mit gegenständlich-abstrahierten Filzstiftzeichnungen. Ganz geile Sachen, muss ich sagen, die passen perfekt für uns.

Warum wollten Sie Krähenbühl nicht, Frau Schuppli?

Schuppli: Ich war dieses Jahr nicht Teil der Jury und kenne die Argumente nicht. Wichtig ist aber: Es geht nie um ein Urteil über den Künstler, sondern immer nur um die aktuell eingegebenen Werke.

Herr Baldinger, Sie haben die Bilder gesehen. Sind Sie überrascht, dass diese nicht gewählt wurden?

Baldinger: Nein, dieses Jahr wurde einfach anderen der Vorzug gegeben. Ich will die Auswahl nicht infrage stellen, denn sie ist sehr gut.

Machen Sie die «Nicht Auswahl» nächstes Jahr wieder?

Baldinger: Ja. Und dann in engerer Zusammenarbeit mit dem Kunsthaus. Dieses Jahr fehlte mir die Zeit.
Schuppli: Ich fand es schade, dass wir erst sehr spät vom Projekt erfuhren. Vor allem die Vernissage sollte nächstes Jahr besser koordiniert werden damit nicht zwei separate Veranstaltungen stattfinden. Sie sprechen ja dieselben Leute an.
Baldinger: Da höre ich im Unterton heraus, dass du Angst hast, dass wir euch die Leute wegnehmen.
Schuppli: Nein, das denke ich nicht. Wir haben ohnehin immer sehr viele Gäste an der Vernissage im Kunsthaus. Aber Aarau ist eine kleine Stadt, und wenn wir beide etwas am selben Abend veranstalten, fragen sich die Leute doch zu Recht: Sprechen sich die nicht ab? Ich würde die Veranstaltungen daher gerne koordinieren und enger zusammenarbeiten – im Sinne eines Services für die Interessierten.

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