Aargau
Flurnamen-Serie: Wenn man jemand in die «Wüesti» schickt

Letzter Teil unserer grossen Flurnamen-Serie. Vom Ankenland über die Tüfelschuchi bis zur Wüesti.

Philippe Hofmann
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Alles andere als eine Wüste in klassischem Sinn: Das Gebiet Wüesti oberhalb von Schupfart.

Alles andere als eine Wüste in klassischem Sinn: Das Gebiet Wüesti oberhalb von Schupfart.

Alex Spichale

Stephan Remmler, einstiger Sänger der Band Trio, die mit «Da Da Da» einen bis heute unvergesslichen Hit der Deutschen Welle landeten, wusste bereits 1986: Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei. Recht hat er bis heute, denn auch diese Serie endet nach vielen Ausgaben. Von der fliessenden Milch im Ankenland sind wir bis in die Tüfelschuchi geschritten, haben am Galgenhübel hochgesehen und den Hungerbüel bestaunt, haben in Bethlehem und Sami-chlause das Christchind gesucht und uns vom goldigen Käfer im Käfergrund faszinieren lassen und sind schliesslich im Spieldruckewinkel und Brummel gelandet.

Was einst in Küttigen auf der Läberte zu fliegen begann, über dem ganzen Kanton kreiste, kommt nun jenseits des Juras auf dem Flughafen von Schupfart zurück zum Boden, schiesst aber über das Rollfeld hinaus und landet im gegenüberliegenden Hang. Keine angenehme Landung, heisst es doch dort Wüesti.

Keine Palmen in der Wüesti

Der Flurname Wüesti ist bereits auf dem topografischen Atlas aus dem Jahr 1893 belegt, nicht aber auf der älteren Michaeliskarte. Weitere historische Belege sind aber zu vermuten. Hingegen wird enttäuscht sein, wer sich an diesem Ort eine Wüste nach klassischem Bild vorstellt. Weder Sand noch Palmen oder gar eine Oase prägen das Gebiet. Auch ist das Land heute landwirtschaftlich genutzt wie an anderen Orten auch. Ebenso ist das Namenelement Wüest im Kanton Aargau verbreitet, ohne dass daraus abzuleiten wäre, der Aargau wäre ein wüster Fleck in der Schweiz.

Auch in allen umliegenden Kantonen finden sich entsprechende Nennungen. Im Aargau findet sich eine Wüesti ebenso in Bözberg, Klingnau und Hornussen. Zusammensetzungen mit diesem Element erscheinen beispielsweise als Wüestmatt in Herznach, Schwaderloch, Oberentfelden, Brittnau und Schlossrued, Wüestländli in Berikon bzw. Wüestländi in Menzikon, Wüestacher in Remigen oder Wüestloch Schmiedrued, ohne die Liste abzuschliessen.

Flurnamen-Serie

Die Autoren schreiben in loser Folge über Flurnamen aus dem Aargau. Beatrice Hofmann-Wiggenhauser arbeitet im Namenforschungsprojekt des Kantons Solothurn, Philippe Hofmann hat sich bis 2017 mit Flurnamen von Basel-Landschaft beschäftigt. Aktuell forschen sie zu Aargauer Flurnamen. Die Serie endet mit dieser Ausgabe.

In der Wüste stehen ­gelassen

Das Adjektiv «wüest» entspricht im Schweizerdeutschen dem Neuhochdeutschen wüst im Sinne von öde, unwirtlich, unbebaut, unbewohnt, verwahrlost. Es geht zurück auf mittelhochdeutsch wüeste oder wuoste, das öde, einsam, verlassen, leer bedeutet und lässt sich auf althochdeutsch «wuosti» zurückführen. Als Erstglied in den oben erwähnten Zusammensetzungen charakterisiert Wüest unbebautes, auch verwahrlostes Land, oft verbunden mit schlechtem Boden. Teilweise verweist es auch einfach auf abgelegene, schwer zugängliche Örtlichkeiten. In einzelnen Fällen verweisen Wüest-Namen auf einstige Siedlungsplätze, die heute aber abgegangen und verschwunden sind. Bestenfalls können archäologische Spuren Erklärungen über die einstige Ausprägung liefern.

Ortskundiger hilft weiter

Tatsächlich liegen die Oberentfelder, Hornusser und Herznacher Wüestmatten am Rand des Banns, nicht aber die Wüesti in Schupfart. Auch die Archäologie hilft im konkreten Fall nicht weiter, sei es, weil bis heute keine Spuren zu Tage gefördert werden konnten oder an dieser Stelle gar noch nie gegraben wurde. Zwar fehlen amtliche geografische Bodenanalysen, doch hilft das persönliche Gespräch mit Ortskundigen.

Die Wüesti ist heute stark drainiertes Land und war früher sehr nass mit lettigem, schwerem und feuchtem Boden, der sich nur schlecht bewirtschaften liess, vor allem aber keinen grossen Ertrag abwarf. Das reichliche Wasservorkommen bestätigen auch die umliegenden Flurnamen Ei und Brühl. Beide verweisen auf Mattland am Wasser oder als Wässermatten genutztes Gebiet. Der Name Wüesti ist also im Sinne von wenig ertragreichem, schlechten Land zu deuten.

Mit der Deutung des Flurnamens Wüesti in Schupfart endet diese Serie. Wir bedanken uns herzlich für die zahlreichen Leserfragen und das grosse Interesse.