Fernunterricht
Das Jugendzimmer ersetzt das Schulzimmer – Aargauer Grossrat sieht Sparpotenzial bei den Mittelschulen

Die Erfahrungen aus der Coronapandemie mit Fern- und Hybridunterricht sollen in die Schulraumplanung der Mittelschulen einfliessen, sagt Gabriel Lüthy (FDP).

Eva Berger
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Blick in ein leeres Schulzimmer im Frühlings-Shutdown.

Blick in ein leeres Schulzimmer im Frühlings-Shutdown.

Gian Ehrenzeller / KEYSTONE

Vor einem Jahr noch waren landesweit geschlossene Schulen Stoff für Tagträume geplagter Schüler. Dann kam die Pandemie, mit ihr der Fernunterricht und dann die Ernüchterung. «Die Nachteile überwiegen die Vorteile», hält der Regierungsrat in seiner kürzlich veröffentlichten Antwort auf einen Vorstoss von Gabriel Lüthy (FDP) zu den Erfahrungen mit dem Fernunterricht fest.

An den Kantons- und an den Berufsfachschulen sei der im vergangenen Frühling abrupt angeordnete und drei Monate dauernde Fernunterricht mehrheitlich als problematisch empfunden worden. Ein Modell für die Zukunft sei dieser also nicht, andere Unterrichtsformen, die keine ständige Präsenz erforderten, dürften hingegen vermehrt in die Schule Eingang finden.

Kapazitätsgrenzen seit Jahren erreicht

Davon geht auch Interpellant Gabriel Lüthy aus. «Ich erwarte, dass die Pandemie auch die Lernformen der Schule verändert», sagt er. Das zwangsverordnete Homeoffice beeinflusse die Arbeitswelt nachhaltig. «Warum soll das nicht auch beim Homeschooling und den Schulen der Fall sein?»

Lüthy wollte vom Regierungsrat darum wissen, wie alltagstauglich er die in der Pandemie erprobten Unterrichtsmodelle einschätzt, inwiefern der Kanton den Erfahrungsaustausch sicherstellt und vor allem, ob die Schulraumplanung auf der Sekundarstufe 2 durch die neuen Unterrichtsformen beeinflusst sein könnte.

Gabriel Lüthy, Grossrat FDP.

Gabriel Lüthy, Grossrat FDP.

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Die Sekundarstufe 2, das sind die Mittel- und Berufsschulen. Und dort stehen im Aargau grosse Projekte an. Seit Jahren sind die Kapazitätsgrenzen der Mittelschulen erreicht, laut Kanton sind sie insgesamt zu 105 Prozent ausgelastet und bis 2045 rechnet man noch einmal mit 25 Prozent mehr Mittelschülern – das wären dann rund 8000.

Im Fricktal und im Mittelland sollen darum bis 2028 respektive 2030 neue Mittelschulen entstehen. Der Grosse Rat entscheidet voraussichtlich in diesem Jahr über die Standorte. Gabriel Lüthy sagt:

«Bei der Schulraumplanung geht es um sehr viel Geld. Die in der Pandemie gemachten Erfahrungen könnten die Planung optimieren, deshalb sollten sie berücksichtigt werden.»

Gleich die Schulen abzureissen und den Unterricht nur noch digital in die Jugendzimmer zu übertragen, ginge natürlich zu weit, «aber wenn die Schülerinnen und Schüler weniger Präsenzzeit haben, brauchen sie auch weniger Platz in der Schule, der dann anders genutzt werden kann», so Lüthy.

Praxiserfahrung noch ungenügend

Das bestätigt ihm der Regierungsrat, konkrete Projekte gebe es aber noch nicht. «Was die Organisation der Räumlichkeiten anbelangt und deren multifunktionalen Einsatz, werden die Erkenntnisse (aus dem Fernunterricht) in jedes Vorhaben für die Erweiterung des Schulraums der Sekundarstufe II einfliessen», schreibt er in seiner Antwort auf Lüthys Interpellation. Bisher habe keine Schule auf vermehrtes Arbeiten zu Hause umgestellt und das sei auch an keiner Schule geplant. Welche Anteile an selbstorganisiertem Lernen sich wie auf den Raumbedarf auswirke, sei noch nicht erforscht und die Praxiserfahrung noch ungenügend.

Gabriel Lüthy ist mit der Antwort nur teilweise zufrieden. «Ich vermisse von der Regierung klarere Aussagen zur Strategie, wie die Fernunterrichtserfahrungen in die Planung einfliessen», sagt er. Die Pandemie biete hier sogar eine Chance, «diese sollten wir nutzen». Er werde jetzt zuerst den Puls im Grossen Rat für sein Anliegen fühlen und dann entscheiden, ob er konkretere Aussagen von der Regierung fordert.

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