Konkurse
«Es gab Tage, da waren wir am Boden»

Fünf Jahre lang waren Maya und Rolf Egloff selbstständig, bis sie Konkurs anmelden mussten. Eine Zeit, die sie trotz Existenzängsten, Lungenkrebs und Zukunftssorgen nicht missen möchten. Jetzt können sie einen Schlussstrich ziehen.

Marco Wölfli
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Farben und Pinsel erinnern Maya und Rolf Egloff an die fünf turbulenten Jahre als Unternehmer.

Farben und Pinsel erinnern Maya und Rolf Egloff an die fünf turbulenten Jahre als Unternehmer.

Marco Wölfli

Der Garten ist der grosse Stolz von Maya und Rolf Egloff. Die verschiedenen Hecken und Sträucher sind akkurat gestutzt. Unter einer lauschigen Pergola lädt ein Steintisch zum Verweilen ein. An diesem Samstag im Frühsommer ist die Gartenpracht im Einfamilienhausquartier von Büblikon aber ungeniessbar. Es regnet den ganzen Tag in Strömen. Ein sinnbildliches Wetter für das letzte Jahr im Leben des Ehepaars Egloff. Als Ersatz für den Garten muss der Wintergarten herhalten, den der 61-jährige Rolf Egloff in Eigenregie gebaut hat.

Bis vor kurzem rechnete das Ehepaar Egloff damit, das grosse Haus mit dem geliebten Garten verkaufen zu müssen. Grund dafür: die schwierige finanzielle Situation, nachdem ihre Firma Konkurs gegangen war. Am 15. Oktober 2010 meldete Rolf Egloff beim Bezirksgericht in Brugg den Konkurs der EMSA Künstlerbedarf AG an. Es war nach fünfeinhalb Jahren das Ende der Selbstständigkeit. «Dabei hatten wir so gute Voraussetzungen», erinnert sich Rolf Egloff. Er ist kaufmännischer Spezialist, sie hat langjährige Verkaufserfahrung, beide sprechen Englisch und Französisch.

Rolf Egloff war Geschäftsführer der EMSA Künstlerbedarf, die als Schwesterunternehmen der EMSA Rahmenleisten AG fungierte. 2005 hätte die Künstlerbedarfsfirma verkauft werden sollen. Rolf Egloff sah die Chance gekommen, noch einmal etwas Neues zu machen. Zusammen mit seiner Frau steckte er sein ganzes Geld in den Firmenkauf. Sie führten nun ein Unternehmen mit 700000Franken Jahresumsatz. Sie kauften bei einem grossen französischen Hersteller Farben, Pinsel, Spraydosen und Leinwände für Künstler und Hobbymaler. Diese verkauften sie in der ganzen Schweiz an Bastelgeschäfte, Farbengeschäfte und Grosskunden, welche Schulen beliefern.

Egloffs merkten gleich von Beginn an, was es heisst, selbstständig zu sein. Der «Jungunternehmer» war jeden Samstag im Büro und widmete jede freie Minute seinem Unternehmen. Drei Wochen Ferien waren das Maximum. «Beim Essen hatten wir jeweils einen Notizblock neben uns, um Ideen immer gleich aufzuschreiben», erzählt er aus den Anfangszeiten. Nach einem Jahr zogen die ersten Wolken über der EMSA Künstlerbedarf auf, ohne dass Maya und Rolf Egloff ahnten, dass sich daraus bald ein Gewitter entwickeln würde. «Wir konnten den Umsatz zwar ein bisschen steigern, merkten aber, dass wir zu wenig liquid waren, um nachhaltig zu wachsen. Damals hätten wir uns einen Partner suchen müssen.» Die Liquidität rückte aber schnell in den Hintergrund. 2006 wurde bei Rolf Egloff Lungenkrebs diagnostiziert. Während er vom bösartigen Tumor erzählt, der glücklicherweise früh entdeckt und ohne Chemotherapie entfernt wurde, raucht Rolf Egloff ruhig seine Mary Long. «Eigentlich hatte es meine Frau viel schwerer. Sie musste die Firma ganz alleine leiten.» Die Angesprochene fällt ihm ins Wort: «Quatsch. Hauptsache, du bist wieder gesund.»

Durch den Krebs konnte Egloff während eines halben Jahres nicht voll für die EMSA Künstlerbedarf arbeiten. Von da an wollten sie kein Risiko mehr eingehen. «Wir gingen nicht einmal mehr Ski fahren aus Angst vor einem Unfall», sagt Rolf Egloff. Der geliebte Garten war das einzige Hobby in der kaum existenten Freizeit. Als Rolf Egloff zurückkehrte, schöpften sie wieder Hoffnung. Diese hielt jedoch nicht lange an. Als die Wirtschaftskrise auf die Schweiz übergriff, waren die Folgen auch für Egloffs spürbar. «Bilder malen ist ein Luxus. Da sparen die Leute zuerst», sagt er lapidar. Als die Umsätze weiter sanken, zahlten sich Maya und Rolf Egloff weniger Lohn aus, das Steuer konnten sie jedoch nicht mehr herumreissen. Im Frühling 2010 kündigte der französische Grosslieferant die Vertriebsverträge. Grund dafür: die Zulassung von Parallelimporten aus der EU in die Schweiz. «Sie haben uns versprochen, dass sich deswegen nichts ändern würde und wir glaubten das», sagt Rolf Egloff. Das Versprechen hielt bloss wenige Monate. Im Sommer teilten die Franzosen mit, dass sie Egloffs Grosskunden von nun an selber beliefern würden. Für das Ehepaar ein Schock: «Wir hätten nur noch die kleinen Läden gehabt, trotzdem wollten wir uns noch nicht geschlagen geben.» Maya und Rolf Egloff kämpften und verloren schliesslich. Bis zum endgültigen Konkurs vergingen drei bis vier Monate mit ständigen Kosten, dafür praktisch ohne Einnahmen. In dieser Zeit kündigte Rolf Egloff seiner Frau und sie suchte eine Stelle.

Heute spricht Rolf Egloff gelassen über diese Zeit, doch damals zweifelte er an allem: «Innerlich tat es sehr weh. Ich hatte das Gefühl, versagt zu haben.» Die beiden sind seit 16 Jahren verheiratet. Für ihre Ehe war der Konkurs eine Belastungsprobe. Es sei nicht immer einfach gewesen, 24 Stunden am Tag nur einander zu haben, erzählt Maya Egloff. Als sich die finanzielle Situation zuspitzte, habe es schwierige Momente gegeben. «Es gab Tage, da waren wir am Boden zerstört.» Ein erster Lichtblick erlebte die 53-Jährige im September. Sie fand nach kurzer Suche wieder eine Stelle, was ihnen endlich wieder ein regelmässiges Einkommen bescherte. Gleichzeitig war ihr Ehemann damit beschäftigt, das Unternehmen geordnet aufzulösen. «Ich hatte einen guten Treuhänder und die Zusammenarbeit mit dem Konkursamt Brugg war hervorragend», so Rolf Egloff. Wenn er sich wieder einmal mit Gläubigern und Behörden herumgeschlagen habe, sei seine Frau eine wichtige Stütze gewesen, erzählt er. «Sie war nüchterner als ich und sagte mir: ‹Schätzli, es ist doch nur Geld›.» Unter dem Strich verloren sie 200 000 Franken und mussten eine zweite Hypothek aufnehmen. Das Haus schrieben sie zum Verkauf aus.

Haben Egloffs auch ihren Ruf verloren? Sie winkt ab: «Unser Umfeld wusste immer, dass es schwierig war, und stand auch nach dem Konkurs zu uns.» Trotz aller Schwierigkeiten blicken sie positiv auf ihre fünf Jahre als Selbstständige zurück: «Wir waren gerne Unternehmer, es hat sich gelohnt», bilanziert Rolf Egloff. Er würde jedem raten, selbstständig zu werden, wenn die Voraussetzungen stimmen würden. Für ihn selber ist das Kapitel jedoch abgeschlossen. Das hat mit dem Konkurs allerdings nichts zu tun hat: «Wenn ich 20 Jahre jünger wäre, könnte ich es mir vorstellen.»

Mit dem Konkursverfahren war die Sache für Rolf Egloff noch nicht ausgestanden. Im Januar erhielt er erstmals Arbeitslosengeld und versuchte, eine neue Stelle zu finden. Ein schwieriges Unterfangen: «Mit 61 bin ich für die meisten Unternehmen zu alt. Er stellte sich auf eine Frühpensionierung ein. Im Frühling pilgerte Rolf Egloff alleine auf dem Jakobsweg, um den Kopf durch zu lüften. In drei Etappen wollte er die 900 Kilometer absolvieren. Doch er hatte die Anstrengung unterschätzt. Egloff stiess an seine Grenzen und beschloss, nach 300 Kilometern schliesslich heimzukehren. Vorher gab er aber noch ein Versprechen ab: «Ich machte mit Gott ab, dass ich den Jakobsweg beende, wenn ich einen Job finde.»

Es funktionierte: Am 15. Juni erhielt er die Zusage für eine Stelle als kaufmännischer Leiter bei einer grossen Karosserie-Firma. «Ich habe vor Freude geweint», erzählt Egloff. Die Erleichterung ist gross. Maya und Rolf Egloff verfügen nun wieder über ein gesichertes Einkommen. «Jetzt ziehen wir einen Schlussstrich», stellt sie fest. Mit dem neuen Job von Rolf Egloff ist der Verkauf ihres Hauses in weite Ferne gerückt. Dafür können sie sich wieder sorgenfrei ihrem Garten widmen. Sobald nicht nur drinnen, sondern auch draussen die Sonne wieder scheint.

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