Gewalt

Erlebnis-Inseln machen Kinder stark

«Wir wollen den Kindern zeigen, dass das Leben schön sein kann», sagen Jael Bueno (rechts), Betriebsleiterin des Frauenhauses Aargau-Solothurn, und Bianka Hubert, zuständig für Kommunikation und Personelles.  emanuel freudiger

«Wir wollen den Kindern zeigen, dass das Leben schön sein kann», sagen Jael Bueno (rechts), Betriebsleiterin des Frauenhauses Aargau-Solothurn, und Bianka Hubert, zuständig für Kommunikation und Personelles. emanuel freudiger

Kinder lernen von ihren Eltern – und nicht nur das Gute. Wenn der Vater die Mutter verprügelt, erleben die Kinder untaugliche Verhaltensweisen als «normal». Mit einem speziellen Projekt will das Frauenhaus AG-SO diese Kinder ansprechen.

«Viele Frauen, die zu uns kommen, sind überzeugt, dass ihre Kinder nichts davon mitbekommen haben, wie die Mutter von ihrem Ehemann oder Partner immer wieder geschlagen, verprügelt und gequält wurde», berichtet Jael Bueno, Betriebsleiterin Frauenhaus Aargau-Solothurn. «Sie wollen den Kindern auch nicht offen sagen, dass sie nun im Frauenhaus sind – sie sprechen lieber von ‹Ferien›.»

Den Kindern könne man jedoch nichts vormachen. «Häusliche Gewalt kann man vor den Kindern nicht verbergen», weiss Jael Bueno. «Jede häusliche Gewalt schränkt die Entwicklung des Kindes ein und Ehrlichkeit gegenüber den oftmals traumatisierten Kindern ist äusserst wichtig.» Zum einen, um den Kindern bei der Verarbeitung des Erlebten zu helfen, zum anderen aber, um ihnen zu zeigen, wie gesunde Beziehungen funktionieren. «Die Frauenhäuser in der Schweiz sind jetzt 30 Jahre alt. Bereits kommen geschlagene Frauen zu uns, die schon als Kinder mit ihren Müttern in einem Frauenhaus Zuflucht suchen mussten», erklärt Bueno. Und aus manchen der Buben von damals sind möglicherweise Täter geworden – wie ihre Väter.

Bianka Hubert, zuständig für Kommunikation im Frauenhaus AG-SO, sagt: «Wir wollen den Kindern zeigen, es geht auch anders, man kann auch auf andere Art Beziehungen führen.» Denn: «Kinder, die gelernt haben, dass ein Mann mit Geschrei und Schlägen seine Ziele anstrebt und erreicht, übernehmen dieses Muster als Erwachsene», sagt Bueno. «Wir müssen den Kindern andere Referenzen vermitteln.»

Vor bald einem Jahr hat das Frauenhaus AG-SO aus eigenen Mitteln, mit Beiträgen von Privatpersonen, Stiftungen und Frauenorganisationen, ein entsprechendes Interventions- und Präventionsprojekt für Kinder bis 13 Jahre initiiert. «Wir wollen den Kindern zuhören und dafür sorgen, dass ihre Traumatisierung nicht chronisch wird», so Bueno. Eine Psychologin/Psychotherapeutin und zwei Sozialpädagoginnen kümmern sich speziell um die Kinder. Jedes Kind hat mindestens ein Gespräch mit der Psychologin zugute und je nach Situation folgen weitere Gespräche. Bis Ende August haben 36 Kinder mit der Psychotherapeutin gearbeitet. «Für diese Kinder war es eine grosse Entlastung, einmal über das Erlebte sprechen zu können. Im Rahmen der Traumatherapie gelingt es den Kindern, die schlimmen Erlebnisse in ihr kleines Leben zu integrieren», erklärt Jael Bueno. Das grundlegende Anliegen der professionellen Kinderbetreuung: Die Kinder sollen «eine gute Zeit» haben im Frauenhaus. «Wir wollen für sie eine Insel aufbauen, wo sie behütet sind, gehört werden und etwas Schönes erleben dürfen – wie etwa einen Zoobesuch.» Es gebe viele Klientinnen, die mit ihren Kindern noch nie im Kino, im Zoo oder auch nur auf einem Spaziergang gewesen seien. «Die schönen Erlebnisse können den Kindern auch in späteren, schwierigeren Zeiten helfen – sie können in die Erinnerungen abtauchen und haben die Gewissheit: Das Leben ist nicht immer schlecht.»

Da die Kinder mit ihren Müttern das Frauenhaus spätestens nach drei Monaten wieder verlassen müssen, wird auf die regionale Vernetzung mit anderen Fachstellen grossen Wert gelegt. Besteht der Verdacht, ein Kind sei gefährdet, werde vernachlässigt oder könnte sexuell ausgebeutet werden, wird diese Vernetzung besonders wichtig.

Zum Kinderprojekt gehört aber auch Erziehungsberatung. «Die Mütter wiederholen oft Muster aus ihrer eigenen Gewaltgeschichte», sagt Jael Bueno. «In ihrer Hilflosigkeit meinen sie, wenn sie laut und grob würden, hätten sie mehr Erfolg im Umgang mit ihren Kindern.» Auch hier gelte es, Verhaltensmuster zu durchbrechen. «Die Frauen müssen lernen, wie man anders miteinander sprechen kann.»

Das Kinder-Pilotprojekt wird vom Marie-Meierhofer-Institut fachlich begleitet und von der Hochschule Luzern evaluiert. Die Auswertung wird Anfang 2012 vorliegen, danach wird sich das Frauenhaus mit einem Antrag an die beiden Kantone Aargau und Solothurn wenden. «Allein das Therapieangebot kostet 80000 Franken, wobei der Kanton Solothurn das Projekt bereits mit einem pauschalen Jahresbeitrag von etwa 14000 Franken unterstützt», erklärt Bueno. «Dennoch kommen wir an die Grenzen unserer finanziellen Ressourcen. Wir erhoffen uns von den Kantonen, dass sie ab 2012 für die Interventions- und Präventionsarbeit mit Kindern aufkommen, wie dies beispielsweise schon in den Kantonen Zürich und Bern geschieht.» Dort wird nicht unterschieden zwischen Frauen- und Kindertarifen. In den Kantonen Aargau und Solothurn hingegen darf für Kinder nur der halbe (Erwachsenen-)Tarif in Rechnung gestellt werden. Konkret also will das Frauenhaus AG-SO neu die Kindertherapie in das Regelangebot aufnehmen und diese Leistung über den Tagesansatz für Kinder, den die Kantone bezahlen, dauerhaft finanzieren.

«Häusliche Gewalt kann man nur durch Präventionsarbeit verhindern – die sich übrigens bestimmt auch volkswirtschaftlich gesehen lohnt», betont Bianka Hubert. «Das Frauenhaus kann dabei die ersten Schritte tun, die weiteren Schritte müssten aber die Kantone leisten», ergänzt Jael Bueno. «Es geht darum, beispielsweise in der Schule daran zu arbeiten, den Kindern zu ermöglichen, neue Vorbilder, neue Geschlechterrollen zu erleben und daran zu arbeiten, dass sich männliche Jugendliche nicht mehr mit Gewalt ausübenden Männern identifizieren.»

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