Einkaufstouristen. Dieser Ausdruck wird in der Schweiz zunehmend als Schimpfwort verwendet. Die Kritik kommt aus dem Umfeld der beiden Grossverteiler Migros und Coop. Die Argumentation: Mit der Abwanderung der Konsumenten ins Ausland entgingen dem Schweizer Detailhandel gegen zwei Milliarden Franken Jahresumsatz und es würden folglich Schweizer Arbeitsplätze gefährdet.

Nach 30 Minuten Fahrt im Deutschen Lidl

Nun wollte es die az genau wissen: Wie stark ist der Einkaufstourismus in Tat und Wahrheit gestiegen? Und was entgegnen die Schweizer Konsumenten der Kritik aus der Heimat?

Deshalb kauft Sandra Ernst im Deutschen Grenzgebiet ein

Darum kauft Sandra Ernst in Laufenburg beim Lidl ein

Auf der Jagd nach den Schnäppchenjägern führt uns der Weg von Aarau in 30 Minuten über die Rheinbrücke ins Deutsche Bad Säckingen. Ist der Grenzposten einmal passiert, wird der Automobilist mit dem gelben Schild «Bundesrepublik Deutschland» begrüsst. Daraufhin folgt der Parkplatz des Harddiscounters Lidl. Dort angekommen, sticht als erstes die gut gefüllte Fläche ins Auge. Bei genauerer Betrachtung zeigt sich, dass rund 20 Prozent der Fahrzeuge ein Schweizer Kennzeichen tragen.

Kunde: Nicht alle Schweizer sind reich

Das gilt auch für den silbernen Honda von Arnost Novotny. Einmal im Monat fährt er nach Bad Säckingen einkaufen. «Im Lidl decken wir uns mit Milchprodukten, Frischkäse, Früchten, Gemüse und Backwaren ein». Dann schaltet sich seine Gattin ins Gespräch ein: «Wir kaufen hier ein, weil es günstiger ist. Mindestens 40 Prozent.» In Einzelfällen sei der Lidl in Deutschland gar 50 Prozent günstiger als die beiden Detailhandelsgiganten Migros und Coop in der Schweiz.

Ein schlechtes Gewissen plagt die Novotnys deshalb nicht. Daran ändert nicht einmal die Kritik aus der Schweiz etwas. «Diese Kritik ist lächerlich. Gehen Sie einmal in den Denner. Bereits dort sind Körperpflegeprodukte 40 bis 50 Prozent günstiger als bei Migros und Coop. Das ist doch Wahnsinn», sagt der 78-jährige.

Löhne in der Schweiz zu tief

Zudem gibt das Ehepaar Novotny zu bedenken, dass es in der Schweiz eine Bevölkerungsschicht gebe, welche nicht über unerschöpfliche finanzielle Mittel verfügt: «Diese Menschen haben wie wir ein Anrecht, gut zu leben. Wir sind Rentner und müssen mit dem Geld sparsam umgehen.»

Diese Ansicht teilt Aida Salkic. Sie kommt laut eigenen Angaben zweimal pro Monat hierher. «Wir müssten nicht in Deutschland einkaufen, wenn die Löhne in der Schweiz höher wären». Die 27-jährige Mutter kann nicht verstehen, dass der Mittelstand für sein Einkaufsverhalten kritisiert wird, während die Krankenkassenprämien und Mehrwertsteuer bei gleichbleibendem Lohn steigen. «Mein Mann arbeitet auf dem Bau. Sein Salär ist so klein, dass uns gar nichts anderes übrig bleibt, als im Ausland Lebensmittel einzukaufen», sagt Aida Salkic.

Breiter Mittelstand in Deutschland anzutreffen

So richtig in Fahrt kommt Salkic, als sie mit der Kritik konfrontiert wird, sie würde mit dem Auslandeinkauf Schweizer Arbeitsplätze gefährden. Es sei ja nicht so, dass sie die Schweizer Detaillisten meide. Aber: «Im Coop zahle ich für ein Kilogramm Kalbfleisch über 20 Franken - hier im Lidl gerade einmal sieben bis acht Euro.»

Die Familien Salkic und Novotny gehören zur Minderheit, die mit der Presse sprechen möchte. Dies bestärkt den Eindruck, dass lediglich Schweizer mit Migrationshintergrund den Weg über den Rhein in Angriff nehmen. Dieses Klischee entspricht jedoch nicht der Realität.

Schweizer Kunden meiden die Presse

Vielmehr zeigen sich die Menschen mit Migrationshintergrund auskunftsfreudiger, während die wenigsten Schweizer Konsumenten das Bedürfnis verspüren, über ihr Konsumverhalten zu sprechen. Stellvertretend dafür steht ein Mann, der beim Aldi Bad Säckingen aus seinem Auto steigt.

So kaufen die Schweizer Konsumenten in Deutschland Ware ein

So kaufen die Schweizer Konsumenten ihre Ware in Bad Säckingen in Deutschland ein

Der Solothurner will nur mit der az sprechen, wenn sein Name nicht in der Zeitung erscheint. Erst danach begründet er, weshalb er in Deutschland shoppen geht. «Wir kommen ein bis zweimal pro Jahr hierher - schliesslich ist es billiger als in der Schweiz». Gut schlafen könne er trotzdem. «Die Schweiz gibt mir auch nichts», sagt der Solothurner und krault dabei seinen Schnauz an der Oberlippe. Er nehme sich das Recht heraus mit seinem verdienten Geld zu machen, was er wolle: «Da beeindruckt es mich nicht, wenn ich als Landesverräter betitelt werde.»

Applaus für Johann Schneider-Ammann

Eine Station weiter outet sich dann auf dem Lidl-Parkplatz in Laufenburg erstmals eine Schweizerin aus dem Kanton Aargau. Margrit Friedli kauft wegen dem tiefen Euro im Discounter ein. Sie meint: «Es gibt aber auch gewisse Produkte, die ich in der Schweiz nicht finde.»

Die 59-jährige fand es mutig, dass sich Bundesrat Johann Schneider-Ammann offen auf die Seite der Einkaufstouristen stellte. Das Verhalten von Migros und Coop kann sie hingegen nicht begreifen. «Migros und Coop importieren Ware aus dem Ausland und wollen den günstigeren Einkaufspreis aber nicht immer den Kunden weitergeben. Das grenzt an Geldgier und ist nicht in Ordnung.»

Deo in Deutschland 1 Euro - in der Schweiz 5 Franken

Sandra Ernst aus Basel pflichtet ihrer Vorrednerin bei: «Hier kostet ein Deo einen Euro - in der Schweiz lasse ich für das identische Produkt fünf Franken liegen. Da muss ich nicht lange überlegen, wo ich einkaufe.» Die Baslerin bekommt einen Lachanfall, als sie hört, dass Konsumenten wie sie, nicht «patriotisch» genug seien. «Das ist Kindergarten. Ich fühle mich nicht als Landesverräterin», sagt die 41-jährige.

Als der Journalist die Grenze wieder überqueren will, kann er sich einem Wortgefecht zwischen einem jungen Elternpaar nicht entziehen. Das Thema: Der Preisunterschied des Detailhandels in Deutschland und der Schweiz. «Wir sind zum ersten Mal hier», sagt Denise Nussbaum.

Windeln kosten sieben Euro

Sie hörten von Freunden, dass es in Deutschland deutlich günstiger sei als in der Schweiz. «Bestes Beispiel die Pampers-Windeln: Die kosten hier 6.49 Euro. In der Schweiz kosten sie 30 Franken - dafür bekommen sie aber nur die Hälfte», sagt die 22-jährige Mutter. Aus diesem Grund hätten sie entschieden, einmal im Monat hier Windeln und Lebensmittel einzukaufen.

Auf dem Rückweg von Laufenburg in die Schweiz wird dann einmal mehr deutlich, wie nahe die deutschen Harddiscounter sind. 200 Meter vom Lidl entfernt steht der Grenzwachposten und 20 Minuten später erreicht das Fahrzeug des Journalisten wieder Aarau.