Heiligabend

Eine Predigt mit der Stoppuhr – so läuft der TV-Gottesdienst in der Aarauer Stadtkirche ab

Christoph Weber-Berg hält an Heiligabend in der Aarauer Stadtkirche die meistgehörte Predigt der Schweiz. Sie wird vom Schweizer Fernsehen übertragen.

Weihnachten. Zeit der Besinnlichkeit, des Innehaltens, des zur Ruhe Kommens. Nicht für Christoph Weber-Berg, Kirchenratspräsident der Aargauer Landeskirche und damit oberster Reformierter des Kantons. Für ihn zählt an Heiligabend jede Sekunde. Er wird die Predigt in der Christnachtfeier in der Aarauer Stadtkirche halten, die das Schweizer Fernsehen überträgt.

Und wo das Fernsehen ist, zählen nun einmal die Sekunden. Nur so geht der Sendeplan auf.
Die richtigen Worte für die ganze Schweiz finden, vor Kameras und Scheinwerferlicht, dazu die Stoppuhr – eine Herausforderung, die auch den fernseherfahrenen Weber-Berg im ersten Moment verunsicherte.

«Als die Anfrage für die Predigt kam, habe ich mich sehr gefreut, aber auch hinterfragt, ob ich das wirklich kann.» Das sei ein Reflex, der immer komme – trotz der Routine nach all den Jahren als Pfarrer von Lenzburg-Hendschiken (1995 bis 2001) oder als Dozent für Wirtschaftsethik an Hochschulen im In- und Ausland. Nach verschiedenen Gesprächen, unter anderem mit dem Aarauer Pfarrteam, habe er schliesslich zugesagt.

Da ticken Uhren anders

Jetzt gibt es kein Zurück. Seit Monaten laufen die Vorbesprechungen, das Programm ist bis zur letzten Sekunde durchgetaktet, jeder weiss ganz genau, wann er was zu tun hat. Auch Weber-Berg: «Ich darf fünf, höchstens zehn Sekunden überziehen», sagt er. Allerdings hätte ihm der Sendungsleiter bereits gesagt, dass das mit dem Überziehen an Heiligabend nicht ganz so tragisch sei wie an anderen Tagen. «Insgesamt gibt es ausnahmsweise einen Spielraum von 30 Sekunden.» Weber-Berg lacht. «Ich vertraue einfach darauf, dass alles klappt.» Nicht nur, was das richtige Sprechtempo anbelangt, sondern auch das Ausblenden von Kameras und Scheinwerfern.

Von all der Aufregung, von all diesen ungewohnten Umständen wird der Zuschauer am Fernseher nichts merken. Was für ihn zählt, ist der Inhalt, Weber-Bergs Worte. Doch wie findet man die? Was wollen die Leute an diesem Abend hören? «Ich richte mich nach meinem Bedürfnis, etwas Versöhnliches, etwas Positives zu erzählen», sagt Weber-Berg. Schwieriges wolle er nicht verdrängen, aber die Botschaft an Heiligabend sei: «Gott wird Mensch; Gott ist den Menschen auch in dunklen Zeiten nah.» Dieses Gefühl, so Weber-Berg, sollten die Menschen an Weihnachten in einem Gottesdienst erleben dürfen.

Dass damit auch ein enormer Druck auf ihm lastet, dessen ist sich Weber-Berg bewusst. «Die Erwartungen der Menschen, glücklich zu sein, ist nie höher als an Weihnachten, die Sehnsucht nach Geborgenheit und Frieden nie grösser. Das macht das Ganze sehr fragil.» Mit dieser Erwartung umgehen zu können, sei Teil der Aufgabe aller Pfarrerinnen und Pfarrer.

Kleiner Wunsch zu Weihnachten

Christoph Weber-Berg wird an Heiligabend eine Geschichte erzählen. «Ich habe in meiner Zeit als Gemeindepfarrer am Heiligabend immer eine Geschichte erzählt, das ist ein altbewährtes Rezept», sagt er. Allzu viel will er nicht verraten, nur so viel: Die diesjährige Geschichte spielt im Hier und Jetzt und im Zentrum steht Maria. Entstanden ist die Geschichte im Herbst in der Umgebung von Sils Maria, auf Wanderungen im Nirgendwo der endlosen Lärchen- und Arvenwälder.

In nur einem Nachmittag war sie dann niedergeschrieben. Eine Weihnachtsgeschichte in drei Teilen, mit einer Gesamtlänge von – laut und deutlich vorgetragen – 15 Minuten. Gelesen haben sie bisher drei Personen; seine Frau Camilla, Pfarrer Ursus Waldmeier, der den Festgottesdienst leiten wird, sowie Andrea Aebi, Drehbuchverantwortliche der «Reformierten Medien», die die Christnachtfeier gemeinsam mit SRF produzieren.

Was wünscht sich Weber-Berg für Heiligabend? «Dass die Gottesdienstbesucher in Aarau trotz des ganzen Fernsehaufwandes vom Weihnachtsglück berührt werden, und die Zuschauer ihr Herz vom Lichtglanz der Heiligen Nacht erhellen lassen.» Wenn das gelinge, dann spürten Menschen, dass Gott ihnen nahe sei. «Dann geht mein Weihnachtswunsch in Erfüllung.»

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1