Klassik
Das letzte Abo-Konzert der Saison ist ein Wiedersehen voller Emotionen

Die Argovia Philharmonic spielt ihr erstes Konzert vor Publikum. Es ist ein Befreiungsschlag der Emotionen.

Roman Kühne
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Tosender Applaus für Rune Bergmann und die Argovia Philharmonic.

Tosender Applaus für Rune Bergmann und die Argovia Philharmonic.

Patrick Hürlimann

Es ist ein spezielles Konzert an diesem Sonntagabend im Trafo Baden. Denn einerseits ist es seit dem letzten Herbst der erste Auftritt der Argovia Philharmonic, bei dem wieder Publikum zugelassen ist. Den fünfzig Gästen ist die freudige Erwartung buchstäblich ins Gesicht gezeichnet. Andererseits wähnt man sich mehr in einem Fernsehstudio, denn im Konzertsaal. Beim Eingang wird eifrig am Mischpult hantiert. Kleine Podeste umrunden das Orchester. Kameraleute setzen die letzten Handgriffe. Mikrofone stehen zwischen den Musikern. «Noch zwei Minuten bis zum Livestream», tönt es dann aus dem Off.

Wie schon die letzten Konzerte, wird auch dieses direkt und gegen Bezahlung in des Hörers Stuben gesendet, auch dieses Mal inklusive Moderation und Pausengespräch. Da wird zwar keine Matchanalyse vorgenommen. Aber wie bei jedem wichtigen Spiel wirft der Moderator David Schwarb mit dem Klarinettisten Adrian Zinniker – er spielt nach 30 Jahren sein letztes Konzert – einen Blick zurück und mit dem neuen Intendanten Simon Müller einen Blick in die Zukunft.

Souveränes Feuer und eine famose erste Halbzeit

Und wie oft bei einem Fussballspiel erleben die Besucher nun auch im Trafo zwei unterschiedliche Halbzeiten. Die erste ist schlichtweg famos. Der Cellist Leonard Elschenbroich spielt das hochemotionelle Konzert für Violoncello von Edward Elgar mit vibrierender Lebendigkeit. Duftig und sinnlich klingen die Anfangstakte. Ein loderndes Feuer ist die folgende Passage. Mit grossem Gespür für die Melodie und den Fluss führt er durch die Musik. Wie eine weite Landschaft und mit grossem Bogen gestaltet der Künstler sein «Adagio». Sein Piano ist präsent und fern zugleich. Trotz des dichten Vibratos und der vielen Tempovariationen bleibt das Stück nicht stehen, rutscht nie auf dem emotionellen Glatteis aus. Es ist eine Interpretation kompakt und stimmig, von der ersten bis zur letzten Note.

Der Cellist Leonard Elschenbroich.

Der Cellist Leonard Elschenbroich.

Patrick Hürlimann

Etwas gewöhnungsbedürftig ist seine Zugabe: Leonard Elschenbroich spielt die «Sarabande» aus der 3. Cellosuite von Johann Sebastian Bach mit ähnlich viel Rubato und Emotion wie das erste Stück − mehr Elschenbroich, denn Bach.

Rauschendes Finale bringt die Akustik an ihre Grenzen

Nach der Pause folgt der zweite aufregende Brocken. Es gibt wohl wenige grosse Werke, welche die Leidenschaft so offen zur Schau tragen wie die 5. Sinfonie von Pjotr Tschaikowsky.

Und da liegen auch die Gefahren des Stücks. In diesen lauten Momenten, vor allem in den letzten zwei Sätzen, kommt die Akustik im Trafo an ihre Grenzen. Der schnelle Walzer oder auch der laute Schluss bleiben bisweilen unklar, die zuvor noch so sauberen Details verwischen sich. Wie schon in der ausgezeichneten Begleitung des Solisten ist die Argovia Philharmonic aber auch hier stark in den ruhigeren, stillen Passagen. Das melancholische Schlendern der Klarinetten am Anfang, die vielen Soli in Flöte oder Oboe sind ausgezeichnet in den Streicherklang eingebettet.

Mit Gespür für die Farben führt Dirigent Rune Bergmann das Orchester durch die ersten zwei Sätze. Das «Andante Cantabile» mit der singenden Hornsolistin steigt über weite Linien bis ins rauschende Finale auf. Es ist für das letzte Abo-Konzert der Saison ein starkes Ausrufezeichen der Argovia Philharmonic, das entsprechend frenetisch applaudiert wird.