Leitartikel

Ein neues Image für den Aargau

Karikatur zur Atom-Lobby

Karikatur zur Atom-Lobby

Der Atom-Ausstieg ist keine Bedrohung, sondern eine historische Chance für den Energiekanton. Packt er sie nicht, befürchtet «Der Sonntag»-Chefredaktor Patrik Müller, die Aargauer Politiker liefen Gefahr, die Appenzeller der Energiepolitik zu werden.

Die Debatte um den Atom-Ausstieg, den der Bundesrat unter der Führung der Aargauerin Doris Leuthard beschlossen hat, nimmt in unserem Kanton groteske Züge an. Nicht nur die SVP, auch die Kantonalparteien FDP und CVP klammern sich an die Atomkraftwerke, als wären sie die Existenzgrundlage des Aargaus, als wären sie das Beste, was er zu bieten hat.

Die Haltung der beiden Mitteparteien, die sich diametral von derjenigen der nationalen CVP und FDP unterscheidet, offenbart ein bizarres Selbstverständnis. Und eine erstaunliche Unterschätzung unseres Kantons. Den Aargau gab es schon vor 1969, als Beznau 1 den Betrieb aufnahm. Unser Image hat durch die Tatsache, dass drei der fünf AKW des Landes auf unserem Kantonsgebiet stehen, gelitten. Oder sind CVP und FDP etwa stolz auf das Etikett «Atomkanton»? Verbessert dieses unsere Standortqualität? Hilft es, attraktive Firmen und gute Steuerzahler anzulocken?

Das Gegenteil ist der Fall. Der Aargau ist einer der landschaftlich schönsten Kantone und er beheimatet überdurchschnittlich viele hoch innovative Unternehmen. Aber niemand in Zürich, Bern und Basel redet davon, sondern bloss vom «Atom- und Autobahnkanton». Dieses Etikett deckt die positiven Eigenschaften zu. Zu Unrecht. Der Aargau hätte nicht nur bei seiner Bonität ein Triple A verdient, sondern auch bei seinem Image. Er hat das Potenzial, in der Schweiz das zu sein, was die Schweiz in Europa ist: ein Staat, der bewundert wird - vielfältig und liberal, bodenständig und zugleich modern, mit hoher Lebensqualität und tiefen Steuern, und ja: auch ein bisschen grün.

Ein Image ist nicht in Stein gemeisselt. Der Zürcher Stadtkreis 5 hatte bis in die 90er-Jahre hinein einen lausigen Ruf, galt als schmuddelig und unsicher. Heute ist es das Trendquartier schlechthin. Nidwalden galt einst als hinterwäldlerisch und strukturschwach, heute ist es ein Boom-Kanton. Warum soll es nicht auch dem Aargau gelingen, sich ein neues Image zu geben?

Der Atom-Ausstieg bietet die Chance dazu - das muss man auch als Befürworter der Atomtechnologie einräumen. Doch leider sieht ihn die Classe politique in diesem Kanton nur als Bedrohung - und zementiert das standortschädigende Atom-Etikett noch weiter. Ein gefundenes Fressen für den Karikaturisten des Zürcher «Tages-Anzeigers»: «Mein Leben ist sinnlos geworden», lässt er da den Aargau sagen.

CVP und FDP verschliessen die Augen vor der Realität nach Fukushima: Neue AKW sind in der Schweiz nicht mehr mehrheitsfähig, gemäss übereinstimmenden Umfragen wollen 80 Prozent der Bevölkerung aussteigen, sogar eine klare Mehrheit der SVP-Anhänger. Die bürgerlichen Aargauer Politiker sind die letzten, die noch an neue AKW glauben. Sie laufen Gefahr, als die Appenzeller der Energiepolitik in die Geschichte einzugehen: Im Kleinkanton hat man auch bis zuletzt gemeint, man könne das Frauenstimmrecht abwenden. So etwa kommen einem die drei Aargauer CVP-Nationalräte Esther Egger, Ruth Humbel und Markus Zemp vor, die als einzige ihrer Partei in Bern am 8. Juni gegen den Ausstieg stimmen wollen.

«Wer zuletzt kommt, den bestraft das Leben», mussten sich die DDR-Kommunisten anhören, als sie 1989 noch immer nicht wahrhaben wollten, dass sich die Welt geändert hat. Politiker neigen dazu, blindlings an ihren Standpunkten und Ideologien festzuhalten. Die Wirtschaft ist hier klüger, denn Unternehmen würden untergehen, wenn sie sich so verhielten. Das beste Beispiel dafür ist der tiefbürgerliche Gewerbeverband, der den Atom-Ausstieg als Chance für KMU sieht. In der Tat wird das Gewerbe enorm profitieren, wenn Haushalte und Unternehmen in bessere Energieeffizienz, erneuerbare Energien und Gebäudesanierungen investieren.

Der Aargau als führender KMU-Kanton mit vielen innovativen Hightech-Unternehmen wird wirtschaftlich vorangehen - die Frage ist nur, tut er es auch politisch? Denn nur dann hilfts seinem Image. Wir brauchen keine Angst vor dem Strukturwandel zu haben. Die AKW in Beznau und in Leibstadt werden nicht von heute auf morgen abgeschaltet, sie laufen noch bis mindestens 2019, 2022 bzw. 2034. Und das ist auch richtig so. Wer, wie SP und Grüne, vorzeitig aussteigen will, verkennt die ökonomischen und technologischen Realitäten. Der AKW-Betreiberfirma Axpo bleibt somit genügend Zeit, sich auf die postnukleare Zeit vorzubereiten. Das Unternehmen ist gut aufgestellt - es setzt schon heute stark auf erneuerbare Energien und Energieeffizienz.

Statt den unumgänglichen Strukturwandel zu verhindern, sollten sich die Politiker überlegen, wie sie ihn fördern können, sodass am Ende im Energiekanton Aargau nicht weniger, sondern mehr Arbeitsplätze als heute zur Verfügung stehen. Es gibt genügend Beispiele für gelungene Strukturwandel: In Baden bot die BBC einst mehr als 20 000 Arbeitsplätze an. Heute sind es bei der Nachfolgefirma ABB gerade mal noch 2000. Doch die Zahl der Arbeitsplätze ist in Baden deswegen nicht kleiner geworden. Andere Unternehmen sprangen in die Bresche, und die Stadt machte eine intelligente Standortpolitik.

Der Aargau ist stark und erfolgreich, weil er seit seiner Gründung 1803 stets an die positive Kraft der Veränderung glaubte und danach handelte. Leider hat er diesen Glauben in der jüngeren Vergangenheit etwas verloren, zumindest in der Energiepolitik.

Unser Kanton sollte wieder den Ehrgeiz entwickeln, an der Spitze von Entwicklungen in diesem Land mitzumarschieren. Zu initiieren, statt zu verhindern. Zu gestalten, statt zu blockieren. Genau das nämlich war der Ruf des Kantons in den radikal-liberalen Jahrzehnten nach seiner Gründung. Ein Image, das heute moderner wäre denn je.

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