Ein deutliches Bekenntnis zum Zementkanton

Nadja Rohner
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29 Prozent Beteiligung in Veltheim. 37 Prozent in Auenstein. Selten mobilisierte eine Gemeindeversammlungsvorlage die Stimmbürger derart, wie die geplante Erweiterung der Steinbrüche Oberegg/Jakobsberg. 443 Stimmbürger drängte am Donnerstagabend in die Auensteiner Turnhalle; so viele, dass «die guten Stühle» rausgeholt werden mussten. Einige sassen am Ende auf Barhockern oder standen entlang der Wände. Kein Vergleich zur Gmeind im letzten November, wo nur 86 Leute Interesse an Budget und Entwässerungsplan zeigten.

Als Vizeammann Ernst Joho eingangs sagte, das Traktandum sei für Auenstein und die Jura-Cement-Fabriken AG (JCF) «von grosser Bedeutung», war dies das Understatement des Jahres. Für die «Zementi», die rund 135 Leute beschäftigt und von der zahlreiche weitere Betriebe in der Region massgeblich abhängen, ging es ums nackte Überleben. Für Auenstein standen immerhin rund 10 Millionen Franken Abbauentschädigungen in den nächsten zwanzig Jahren auf dem Spiel. Eine halbe Million im Jahr sind in einer 1600-Seelen-Gemeinde, die jährlich etwa fünf Millionen an Steuern einnimmt und sich einen komfortablen Steuerfuss von 93 Prozent leistet, zwar nicht existenziell. Aber es ist auch nicht nichts.

DerJa-EntscheidzuGunsten der Steinbrucherweiterung fiel in Auenstein mit 292 Stimmen. Die Gegenstimmen liess man gar nicht auszählen; sowohl das absolute Mehr als auch das Quorum für einen definitiven Beschluss waren – wie tags zuvor in Veltheim – erreicht. Ein höchst seltenes Ereignis. Und ein unmissverständliches Bekenntnis zum Steinbruch, zur JCF, zum Wirtschafts- und Zementkanton Aargau.

«Dass eine so grosse Mehrheit der Bevölkerung diesem Vorhaben zugestimmt hat, erfüllt uns mit Freude und Dank», schrieb gestern Marcel Bieri, Leiter der «Zementi» in Wildegg. «Ihr Vertrauen ist unsere Verpflichtung. Wir versprechen Ihnen, uns für einen partnerschaftlichen und verantwortungsbewussten Umgang mit allen Anwohnern einzusetzen und unsere Verantwortung gegenüber Mensch, Natur und Umwelt wahrzunehmen.»

Für Bieri, der in Auenstein zwar kein offizielles Votum gehalten, seinem Ärger über die Steinbruchgegner aber in der Pause lautstark Luft gemacht hatte, ist es ein Sieg auf ganzer Linie. Die JCF-Kampagne, hochprofessionell aufgezogen, hat gewirkt. Und zweifellos: Die Argumente der Befürworter, jeder brauche schliesslich Zement und es sei ökologisch wie ökonomisch sinnvoller, diesen von A bis Z in der Region zu produzieren statt Rohmaterial oder das fertige Produkt zu importieren, waren überzeugend. Die Einwohner beider Gemeinden haben sich dezidiert gegen eine «Nicht in meinem Gärtli»-Mentalität entschieden.

Das Einsehen hatten die Steinbruchgegner. Vor der Abstimmung hatten sie sich mit Vehemenz, aber auch einer spürbaren Verzweiflung an die Medien und die Nachbarn gewandt. Man höre ihnen nicht zu, sie kämpften gegen Windmühlen, gegen die Behörden, gegen den irischen Weltkonzern, dem die JCF angehört. Versprechen würden gebrochen, Messwerte ­getürkt, in den Behörden gemauschelt, sagen sie.

Diese Gegner alle als Querulanten abzustempeln, wäre falsch. Gerade den direkten Anwohnern wurde über die Jahre viel zugemutet. Nicht nur die Erschütterungen aus dem Steinbruch haben Geschirr zerschlagen, auch die JCF legte im Umgang mit den Betroffenen früher eine gewisse Nonchalance an den Tag. Vizeammann Joho sprach von «schlechten Erinnerungen» an die Zeit von 1990 bis 2008, als in der Oberegg «ganze Wände heruntergesprengt» worden seien, «jenseits von gut und böse» sei das gewesen. Aber: Jetzt gebe es modernere Abbaumethoden; die JCF sei nun verpflichtet, Emissionsgrenzwerte einzuhalten.

Es ist nun nicht zu erwarten, dass sich die Gegner nach diesem Rückschlag kapitulieren. Gegen den zustimmenden Beschluss der Gemeindeversammlungen können nämlich diejenigen noch Beschwerde führen, die Einsprache gegen die Teilnutzungsplanung gemacht hatten. Es sind sieben Einzeleinwendungen und eine Sammeleinwendung mit über hundert Unterschriften.

Erst, wenn die Teilnutzungsplanung rechtskräftig wird, kann die JCF das Abbaugesuch für die Steinbrucherweiterung auflegen. Auch dagegen wird es Einsprachen geben. Wer will und über das nötige Kapital verfügt – der Streitwert ist immens, die Verfahrenskosten hoch –, kann das Rösslispiel bis vors Bundesgericht durchspielen.

Es wird also eher fünf als zwei Jahre dauern, bis die Steinbrüche tatsächlich erweitert werden. Es sei eine «letzte, massvolle Erweiterung», versprach der Auensteiner Vizeammann: «2050 ist das ganze Gebiet wieder Natur. Nicht wie es war – aber Natur.»